Sermin Kaya|

Der Beauty-Berater steckt jetzt im Smart­phone

Wie KI zum neuen Schönheitsberater wird – von der individuellen Hautpflege über den virtuellen Lippenstift bis zur persönlichen Duft- und Frisurenwahl.
Credit: Louis Widmer
Credit: L´Oréal

Früher war Beauty-Bera­tung ein per­sön­li­cher, ana­lo­ger Moment: der Gang in die Par­fü­me­rie, das Aus­pro­bie­ren ver­schie­de­ner Pro­duk­te, das Ver­trau­en in die Emp­feh­lung einer erfah­re­nen Ver­käu­fe­rin. Heute tritt daneben eine neue Form der Bera­tung – digital, gemüt­lich vom Sofa aus und dennoch erstaun­lich präzise. Und dafür braucht es oft nur ein Handy-Selfie oder ein paar per­sön­li­che Angaben, die man ein­tip­pen muss. Wir stellen vier Ent­wick­lun­gen vor, die zeigen, wohin diese Reise führt.

Der Haut­scan vom Handy

Wie detail­liert eine digi­ta­le Bera­tung inzwi­schen sein kann, zeigt das KI-Haut­ana­ly­se-Tool des Schwei­zer Haut­pfle­ge­ex­per­ten Louis Widmer, das auf der Tech­no­lo­gie von Revieve basiert. Vor dem Selfie gibt es klare Ansagen: Brille abset­zen, Haare zurück­bin­den, direkt in die Kamera blicken, ein neu­tra­ler Gesichts­aus­druck. Aus dem Foto ent­steht anschlie­ßend ein feines Lini­en­netz, das sich wie zarte, gepunk­te­te Kon­tu­ren über Stirn, Augen­par­tie und Wangen legt – als würde jemand behut­sam die ein­zel­nen Zonen des Gesichts nach­zeich­nen.

Am Ende steht ein Gesamt­score: ein durch­schnitt­li­cher Haut­wert mit einer ver­ständ­li­chen Ein­ord­nung wie „Gut”, dazu die Angabe, welchem Alter die Haut laut Analyse gerade ent­spricht. Wer tiefer blicken möchte, findet eine Liste ein­zel­ner Kate­go­rien mit eigenem Punkt­wert – Haut­glanz, Pig­ment­fle­cken, Haut­struk­tur, Hyper­pig­men­tie­rung, Melasma, Trä­nen­sä­cke, Falten, Haut­er­schlaf­fung, Som­mer­spros­sen – jede mit einem eigenen Balken, der zeigt, wo die Haut gerade steht.

Bemer­kens­wert: Das Tool bezieht auf Wunsch sogar die Umge­bung mit ein. Man kann vorher sogar den Wohnort ein­ge­ben, und schon erschei­nen drei Werte – UV-Index, Luft­feuch­tig­keit und Luft­ver­schmut­zung –, mit der Erklä­rung, dass Son­nen­ein­strah­lung, Klima und Luft­qua­li­tät die Haut beein­flus­sen und deshalb in die Emp­feh­lung ein­flie­ßen.

Der gesamte Vorgang dauert nur wenige Minuten, und das Ergeb­nis liegt anschlie­ßend über­sicht­lich und ver­ständ­lich auf­be­rei­tet vor.

Und die Anwen­dung bleibt nicht bei der Dia­gno­se stehen: Aus den Ergeb­nis­sen ent­steht eine Mor­gen­rou­ti­ne, eine Abend­rou­ti­ne, eine indi­vi­du­el­le Pro­dukt­lis­te vom Rei­ni­gungs­gel bis zur Nacht­creme – als hätte man soeben eine aus­führ­li­che Haut­be­ra­tung erhal­ten, ganz ohne Termin und War­te­zeit.

L’Oréal: Make-up trifft ChatGPT

L’Oréal beschäf­tigt sich seit Jahren mit künst­li­cher Intel­li­genz, etwa mit Skin Genius, das aus einem Foto eine Pfle­ge­emp­feh­lung erstellt. Im Juni 2026 kün­dig­te der Konzern nun eine Koope­ra­ti­on mit OpenAI an. Erste Anwen­dung: das Makeup Virtual Try-On von May­bel­li­ne New York, das direkt in ChatGPT ein­ge­bet­tet werden soll und dort hilft, einen Look zu finden und gleich das pas­sen­de Produkt dazu zu emp­feh­len.

Auch die Pro­dukt­su­che in ChatGPT soll aus­ge­baut werden – davon pro­fi­tie­ren sollen Marken von Lancôme bis Kéra­sta­se. Zudem kar­tiert GPT-Rosa­lind das Haut­mi­kro­bi­om, um daraus neue Pfle­ge­pro­duk­te zu ent­wi­ckeln, zunächst für La Roche-Posay.

Die Bera­tung von einst sitzt damit nicht mehr nur hinter dem Par­fü­me­rie-Tresen, sondern auch im Dia­log­fens­ter eines Chat­bots.

Vom Screen zum Scent

Ein Foto des heu­ti­gen Outfits, dazu die Frage „Welches Parfum passt zu diesem Look?” – und die Antwort kommt so treff­si­cher, als hätte jemand mit geschul­tem Riech­ver­mö­gen kurz mit­ge­dacht.

Genau das ver­spricht Scent­Wi­se, das auf eine Daten­bank von über 65.000 Parfums zurück­greift. Man kann in natür­li­cher Sprache beschrei­ben, wonach man sucht, ein Foto hoch­la­den oder den eigenen Klei­dungs­stil und Musik­ge­schmack ein­be­zie­hen. Selbst das Stern­zei­chen darf, wer möchte, mit in die Emp­feh­lung ein­flie­ßen.

Im Hin­ter­grund gleicht die Anwen­dung Duft­no­ten, Akkorde und Duft­fa­mi­li­en mit­ein­an­der ab – nicht unähn­lich einem Som­me­lier, der die feinen Nuancen eines Weines sorg­fäl­tig aus­ein­an­der­hält, nur eben mit Ber­ga­mot­te, Moschus und Vetiver anstel­le von Tannin und Frucht.

Prak­tisch: Scent­Wi­se findet auch soge­nann­te Dupes – preis­güns­ti­ge­re Alter­na­ti­ven, die einem teuren Lieb­lings­par­fum in seiner Duft­si­gna­tur sehr nahe­kom­men.

Typ­ana­ly­se aus der Tasche

Ein Por­trät­fo­to wird hoch­ge­la­den, ein Wunsch for­mu­liert – etwa „kurzer Bob mit Pony” – und wenig später zeigt sich das eigene Gesicht bereits mit dem neuen Schnitt, ganz ohne dass eine Schere zum Einsatz kommt.

Möglich macht dies Googles Gemini: Das Thin­king-Modell aus­wäh­len, unter „Bilder erstel­len” ein gut aus­ge­leuch­te­tes, neu­tra­les Foto hoch­la­den und den gewünsch­ten Look beschrei­ben – eine andere Länge, eine neue Farbe, einen muti­ge­ren Schnitt. Wer bislang vor dem Fri­seur­be­such aus­gie­big Inspi­ra­ti­ons­bil­der gesam­melt hat, kann sich nun selbst als Vorlage nehmen und ver­schie­de­ne Vari­an­ten in Ruhe betrach­ten.

Der Beauty-Berater der Zukunft?

Vier Bei­spie­le, vier unter­schied­li­che Anwen­dun­gen – und doch die­sel­be Ent­wick­lung dahin­ter: eine KI, die auf­merk­sam zur Seite steht, während man sich selbst im Spiegel begeg­net. Sie liest Haut­bil­der wie eine feine Land­kar­te, lässt Lip­pen­stift­far­ben auf einem Gesicht erschei­nen, das noch nichts von der Ver­än­de­rung ahnt, durch­stö­bert vir­tu­ell Par­fum­kar­tei­en und zeigt Haar­schnit­te, ohne dass ein ein­zi­ges Haar fällt.

Ersetzt sie damit die Exper­tin mit der Lupen­leuch­te? Nicht auto­ma­tisch. Aber sie ver­dich­tet, wofür früher viel Zeit nötig war, auf wenige Augen­bli­cke – und liefert dabei Vor­schlä­ge, die bemer­kens­wert konkret aus­fal­len.

Die eigent­lich inter­es­san­te Frage ist deshalb nicht, ob KI die mensch­li­che Exper­ti­se ersetzt.

Sondern wie es sich anfühlt, einen auf­merk­sa­men Beauty-Berater stets griff­be­reit zu haben – einen, der sich Zeit nimmt, wann immer man sie braucht.

Die Antwort zeich­net sich gerade erst ab. Und der nächste Bera­tungs­ter­min wird künftig wohl nicht mehr allein zwi­schen zwei Men­schen statt­fin­den – sondern zu dritt: zwi­schen Mensch, Smart­phone und KI.

 

Weitere Beiträge

Aus für das Pump­spei­cher­kraft­werk Koralm

Das Pump­spei­cher­kraft­werk Koralm ist nach rund 14 Jahren Ver­fah­ren end­gül­tig geschei­tert. Mit einer geplan­ten Leis­tung von 960 Mega­watt hätte das Projekt einen wich­ti­gen Beitrag zur Spei­che­rung erneu­er­ba­rer Energie, zur Ver­sor­gungs­si­cher­heit und zur Sta­bi­li­sie­rung des öster­rei­chi­schen Strom­net­zes leisten können.

Story lesen

Wenn die Art du Voyage die Straße erobert

Louis Vuitton über­trägt seine Reise-Phi­lo­so­phie erst­mals auf ein auto­mo­bi­les Projekt: Gemein­sam mit Singer prä­sen­tiert das Haus zwei außer­ge­wöhn­li­che Fahr­zeu­ge. Den Anfang macht der Porsche 911 Reim­agi­ned by Singer – Classic, ein Coupé in den Haus-Farben Safran, Kobalt­blau und Gelb.

Story lesen

Aus für das Pump­spei­cher­kraft­werk Koralm

Das Pump­spei­cher­kraft­werk Koralm ist nach rund 14 Jahren Ver­fah­ren end­gül­tig geschei­tert. Mit einer geplan­ten Leis­tung von 960 Mega­watt hätte das Projekt einen wich­ti­gen Beitrag zur Spei­che­rung erneu­er­ba­rer Energie, zur Ver­sor­gungs­si­cher­heit und zur Sta­bi­li­sie­rung des öster­rei­chi­schen Strom­net­zes leisten können.

Story lesen