Die Jubiläumssaison geht nun zu Ende – und ihre Gastgeberin? Ist glücklich, dankbar, ein bisschen sentimental und vor allem eines: ziemlich urlaubsreif.
30 Jahre Nachtleben muss man erst einmal durchhalten. Vor allem, wenn das Wochenende zuverlässig schon am Dienstag beginnt. Sandra Kendl hat genau das geschafft. Seit 1996 ist das Techno Café eine Wiener Institution – und während anderswo Clubs, Trends und Frisuren kamen und gingen, blieb eines erstaunlich konstant: Am Dienstag wird getanzt.
Wie sich das kurz vor dem Closing der Jubiläumssaison anfühlt? „Ich bin unfassbar dankbar und glücklich, sowie unendlich müde und definitiv urlaubsreif“, sagt Kendl. Verständlich. Drei Jahrzehnte Dienstagabend hinterlassen schließlich Spuren.
Wenn plötzlich die Kinder mitfeiern
Dass das Techno Café längst mehr ist als eine sommerliche Partyreihe, wurde Kendl gerade in diesem Jubiläumssommer bewusst. Gäste erzählten ihr, seit wann sie schon kommen – und warum sie dem Dienstag bis heute treu geblieben sind. Manche feiern hier Jahrestage, andere bringen inzwischen gleich die nächste Generation mit. „Dann kommen plötzlich die Kinder der ersten Tuesday Lovers gemeinsam mit ihren Eltern zum Feiern.“
Spätestens da weiß man vermutlich: Man hat entweder etwas ziemlich richtig gemacht – oder ist tatsächlich schon sehr lange im Geschäft.
Dass heute CEO, Studentin, Kreativer und Stammgast nebeneinander tanzen, gehört zum Konzept. Trends hinterherzulaufen dagegen nicht. Kendl setzt lieber auf Haltung, klare Werte und Intuition. Und, wie sie selbst sagt, darauf, „einfach keine Lust zu haben, es so zu machen wie alle anderen“.
Flirten vor Social Media
Natürlich sammeln sich in 30 Jahren Nachtleben auch Geschichten an. Sehr viele Geschichten. Besonders charmant sind jene aus einer Zeit, in der Social Media noch kein Türöffner war. Als Kendl selbst an der Gästeliste saß, versuchten Besucher gelegentlich, sich mit einem besonders gewagten Argument Gratis-Eintritt zu verschaffen: Sie würden Sandra Kendl persönlich kennen. Dumm nur, wenn Sandra Kendl direkt vor einem sitzt – und ziemlich sicher weiß, dass man sich noch nie gesehen hat.
Auch ein gestohlener Beamer gehört zum historischen Inventar der Erinnerungen. Die Diebe wurden kurzerhand ausgeforscht und Kendl und ihr Team standen schließlich vor deren Wohnungstür, um das gute Stück zurückzuholen. Wiener Nachtleben, irgendwo zwischen Techno und Tatort.
Was sie aus den frühen Jahren allerdings tatsächlich vermisst, ist etwas anderes: die Leichtigkeit beim Kennenlernen. „Ein längerer Blickkontakt, ein eindeutiges Signal, dass man einander gefällt – und dann trifft man sich an der Bar auf einen Drink.“ Kein Swipen, kein vorheriges Durchforsten von Instagram-Profilen. Einfach schauen, lächeln, trinken. Fast revolutionär.
Und dann waren da natürlich diese Nächte, in denen irgendwann die Sonne aufging und man um sechs Uhr morgens mit einem Grinsen nach Hause ging.
Closing mit Gläsern und Umarmungen
Am 8. September endet nun die Jubiläumssaison. Cool und abgeklärt wird Sandra Kendl dabei eher nicht in einer Ecke stehen. Sie werde feiern, Gläser schwenken, Gäste umarmen – und vermutlich ungefähr hundertmal dieselbe Frage beantworten: Gibt es eine Zugabe?
Für das Closing ist jedenfalls ein hochkarätiges Female Line-up angekündigt, dazu kommt Tanison aus Athen. Was ihr „freches Team“ darüber hinaus vorbereitet hat, weiß offenbar nicht einmal die Chefin ganz genau.
Und am Mittwoch danach? Kein After-Closing-Meeting um acht Uhr morgens, kein Business-Frühstück und hoffentlich auch keine Gästeliste. „Ich werde faul sein und wenn es das Wetter zulässt, findest du mich im Bad mit einem Buch. Ziemlich müde, aber glücklich.“
Ganz abschalten wird sie trotzdem nicht lange. Nach der Saison wird analysiert: Was war gut? Was kann besser werden? Was soll sich verändern? Denn auch nach 30 Jahren ist Stillstand offensichtlich keine Option. Bereits in Planung ist etwa eine stärkere Verbindung von Sport, Musik und Events. Den Auftakt macht am 18. September eine Davis-Cup-Afterparty im WAC mit Stephan Deutsch.
Und wenn in zehn Jahren der 40er gefeiert wird? Dann wünscht sich Kendl vor allem, dass eines geblieben ist: dieses besondere Bonding rund um den Dienstag. Dass neue Generationen dazukommen, Menschen weiterhin ausgehen, sich treffen, gemeinsam feiern und die Nacht genießen.
Denn während Dienstag für den Rest der Welt irgendwo zwischen Wochenbeginn und „Wie lange noch bis Freitag?“ liegt, gelten bei Sandra Kendl andere Regeln: „Für mich ist es paradoxerweise das Normalste, am Dienstag zu feiern und Mittwoch einen Ruhetag zu haben. Dienstag hat sich tief als mein Lieblingstag eingebrannt.“






