Manuela Schlos­sin­ger|

Nur die Wiese vor meinem Fenster, die hält mich am Leben

Mit der Ausstellung Nur die Wiese vor meinem Fenster, die hält mich am Leben zeigt Thomas Stimm in der Galerie Reinisch Contemporary eine neue Werkgruppe, die sich dem Löwenzahn und anderen unscheinbaren Gewächsen widmet – jenen Pflanzen also, die gewöhnlich übersehen, entfernt oder aus der Ordnung des Kultivierten verdrängt werden.

Für die Aus­stel­lung ent­stan­den zahl­rei­che neue Skulp­tu­ren aus Alu­mi­ni­um und Bronze, deren Größen von kleinen, beinahe intimen For­ma­ten bis hin zu raum­grei­fen­den Arbei­ten von zwei Metern Höhe reichen.

Der Titel der Aus­stel­lung wirkt wie eine bei­läu­fi­ge Beob­ach­tung und eröff­net gerade dadurch einen poe­ti­schen Raum. Die Wiese erscheint darin nicht als idyl­li­sches Bild, sondern als Gegen­über, als etwas Leben­di­ges, Beharr­li­ches, das sich jeder voll­stän­di­gen Kon­trol­le ent­zieht. Zwi­schen Gräsern, Löwen­zäh­nen und vege­ta­ti­ven Formen ent­fal­tet sich eine stille, ein­dring­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit Wachs­tum, Wider­stands­kraft und der eigen­tüm­li­chen Schön­heit des ver­meint­lich Neben­säch­li­chen.

Seit den 1980-er Jahren ent­wi­ckelt Stimm eine eigen­stän­di­ge Posi­ti­on zwi­schen den Impul­sen der soge­nann­ten „Jungen Wilden“ und einer spe­zi­fisch öster­rei­chi­schen Aus­prä­gung der Pop Art. Neben Kiki Kogel­nik zählt er zu jenen Künstler:innen, die inter­na­tio­na­le Bild­spra­chen mit einer unver­wech­sel­ba­ren per­sön­li­chen For­men­spra­che ver­bun­den haben.

Bereits früh war er in bedeu­ten­den ame­ri­ka­ni­schen Museen präsent. Seine groß­for­ma­ti­gen kera­mi­schen Arbei­ten spreng­ten damals die Mög­lich­kei­ten des Mate­ri­als, bevor er sich in den 1990-er Jahren zuneh­mend der Metall­plas­tik zuwand­te – auch im Zusam­men­hang mit zahl­rei­chen Arbei­ten im öffent­li­chen Raum und in inter­na­tio­na­len Skulp­tu­ren­parks.

„Die Natur ist die beste Künst­le­rin“, sagt Stimm. Dieser Gedanke durch­zieht sein Werk seit Jahr­zehn­ten. Doch seine Arbei­ten ver­ste­hen Natur nie als bloßes Abbild. Viel­mehr ver­schiebt er die Wahr­neh­mung auf das, was gewöhn­lich unbe­ach­tet bleibt. Gerade Pflan­zen wie Löwen­zahn oder Gras, die im gepfleg­ten Garten als uner­wünscht gelten, erfah­ren in seinen Skulp­tu­ren eine neue Präsenz und Würde.

Ent­schei­dend ist dabei die Ver­än­de­rung des Maß­stabs. Vor den über­di­men­sio­nier­ten Pflan­zen ver­schiebt sich die eigene Wahr­neh­mung. Die ver­trau­te Ordnung kippt; für einen Moment scheint man selbst kleiner zu werden, als würde man sich in einer ver­grö­ßer­ten Land­schaft bewegen. Das All­täg­li­che erscheint fremd und zugleich über­ra­schend nah.

Im Zusam­men­hang mit der spar­ten­über­grei­fen­den Aus­stel­lung Bloom des Uni­ver­sal­mu­se­ums Joan­ne­um wurde ein drei Meter hoher Löwen­zahn von Stimm am Grazer Haupt­bahn­hof instal­liert. Während diese Arbeit weit in den Stadt­raum hin­ein­wirkt, kon­zen­triert sich die Aus­stel­lung in der Galerie auf die stil­le­ren, prä­zi­se­ren Bewe­gun­gen seines Werkes – auf Wie­der­ho­lung, Ver­dich­tung und das beharr­li­che Wei­ter­wach­sen der Form.

So erzählt Nur die Wiese vor meinem Fenster, die hält mich am Leben nicht nur von Pflan­zen. Die Aus­stel­lung handelt von Auf­merk­sam­keit. Von der Fähig­keit, im Über­se­he­nen etwas Wesent­li­ches zu erken­nen. Und von einer Natur, die sich nicht ordnen lässt – und gerade darin ihre Kraft ent­fal­tet.

Galerie Rei­nisch Con­tem­po­ra­ry
www.reinisch-graz.com

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