Österreich spricht über Sicherheit oft zurückhaltender als andere Länder – und über Wirtschaft oft nüchterner, als es die Lage verlangt. Dabei sind Versorgungssicherheit, Energieabhängigkeit, Cybersicherheit und robuste Lieferketten längst keine Randthemen mehr, sondern Voraussetzungen für Handlungsfähigkeit, Wertschöpfung und Zukunftsfähigkeit.
Im Gespräch treffen zwei Perspektiven aufeinander: Harald Vodosek bringt den sicherheitspolitischen Blick auf kritische Infrastruktur, Beschaffung und Resilienz ein. Karl-Heinz Dernoscheg den wirtschaftlichen Blick auf Standort, industrielle Substanz und strategische Vorsorge. Im Zentrum steht dabei auch die Frage, wie Österreich mit Dual Use umgeht — und ob Neutralität heute eher schützt oder an manchen Stellen wirtschaftliche Handlungsfähigkeit bremst.
JUST / Europa spricht derzeit wieder sehr viel über Sicherheit, Österreich traditionell eher über Neutralität. Ist das heute ein Spannungsverhältnis – oder gerade der Moment, beides neu und wirtschaftlich klug zusammenzudenken?
Harald Vodosek / Die Neutralität hat uns in den letzten achtzig Jahren viel gebracht. Aber sie ist kein starres Konstrukt – sie hat sich weiterentwickelt: mit dem EU-Beitritt, mit der NATO-Partnerschaft, mit der „Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ (GSVP). Aus militärischer Sicht schränkt uns die Neutralität heute nicht ein. Wir sind EU-Mitglied und NATO-Partner, arbeiten nach NATO-Standards, nutzen NATO-Beschaffungsstrukturen und sind in NATO-Einsätzen – freilich UN- oder EU-mandatiert. Pro Jahr laufen rund 5.000 Militärtransporte über Österreich. Wir sind also eingebunden, nicht abgekoppelt. Unser Interesse ist klar: beste Technologie für den Soldaten im Einsatz – und die soll möglichst aus Österreich kommen.
Karl-Heinz Dernoscheg / Neutralität ist emotional tief verankert – und das sollte man respektieren. Sachlich betrachtet ist Österreich längst international eingebunden; ein kleines Land, das alles allein macht, wäre weder sinnvoll noch im Sinne der EU. Man sieht es auch am Beispiel Finnland und Schweden: beides neutrale Länder, die sehr klare Positionen hatten – und dann einen anderen Weg gewählt haben. Was Österreich auszeichnet, ist etwas anderes: die hohe Anerkennung des österreichischen Militärs und die Verlässlichkeit der Wirtschaft. Das ist ein echtes Asset.
JUST / Österreich verfügt in vielen Bereichen über technologische und industrielle Kompetenz. Trotzdem bleibt die Zurückhaltung groß, sobald Anwendungen sicherheitsnah werden. Ist das aus Ihrer Sicht berechtigte Vorsicht – oder bremst uns genau diese Zurückhaltung inzwischen mehr aus, als sie schützt?
KHD / Wir sind gerade in einem Lern- und Transformationsprozess. Der Dual-Use-Bereich – also Güter mit ziviler und militärischer Nutzung – gewinnt massiv an Bedeutung: Software, Transportfahrzeuge, Drohnen, Cybersecurity-Lösungen. Niemand will Technologie in Kriegsgebiete liefern, die unrechtmäßig eingesetzt wird. Aber der Paragraph 320 des Strafgesetzbuches hindert derzeit Unternehmen und Banken daran, selbst in Länder zu exportieren, wo diese Gefahr gar nicht besteht. Das ist Hosenträger und Gürtel zugleich — und das ist zu viel. Schweden hat als neutrales Land eine leistungsfähige Verteidigungsindustrie aufgebaut. Wenn wir alle Länder pauschal ausschließen, stehen wir am Ende am Spielfeldrand und schauen zu, wie andere liefern – während wir uns einreden, damit nichts zu tun zu haben.
HV / Das Militär ist ein Betriebsunternehmen, das zwar auch Waffen betreibt – aber der überwiegende Teil unserer Beschaffungen ist zivil. Wir bauen Kasernen mit zivilen Baufirmen, 500 Millionen Euro im Jahr fließen allein in die österreichische Bauwirtschaft. Insgesamt wickeln wir 15.000 Beschaffungsvorgänge pro Jahr ab – vom Bolzen über Aggregate bis zu handelsüblichen Fahrzeugen. Das Potenzial für die österreichische Wirtschaft ist enorm. Nur ganz vorne, dort wo es um Panzer, Artillerie oder Munition geht, braucht es eigene Regularien. Und daran wird gerade gearbeitet und wir sind auf einem guten Weg.
JUST / Dual Use klingt abstrakt. Wenn wir es auf den Boden holen: Welche österreichischen Technologien, Kompetenzen oder Unternehmen zeigen heute schon, wie zivile und sicherheitsrelevante Anwendung sinnvoll zusammenfinden?
HV / Wir beschaffen Lkw mit hoher Geländegängigkeit – keine Militärfahrzeuge, sondern zivile Produkte, die wir militärisch nutzen. Wir kaufen Dell-Notebooks und ThinkPads wie jedes andere Unternehmen auch. In Kürze beschaffen wir 5.000 Stück. Wir versuchen bewusst, so wenig wie möglich Hardcore-Militärgerät einzusetzen. Kurz vor diesem Gespräch hatte ich noch ein Meeting mit einer österreichischen Firma, die Außenraumüberwachung macht – Kasernen, Munitionslager – und gleichzeitig Verträge mit OMV und Verbund hat. Das ist Dual Use im besten Sinne. Und die Treibstoffversorgung des Bundesheeres läuft über dieselben Tanklastzüge und denselben OMV-Standardkraftstoff wie bei zivilen Logistikunternehmen.
KHD / Kommunikationstechnologie, Cybersecurity-Software, Mikroelektronik, Drohnen – alles davon lässt sich zivil wie militärisch einsetzen. Eine Drohne überwacht heute den Borkenkäferbefall im Wald, morgen eine Grenze. Ein Wasserwerfer löscht Brände oder sichert Einsätze. Man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und sagen: Wir verkaufen gar nichts mehr. Am Ende kommt es darauf an, wie die Dinge genutzt werden – nicht darauf, was sie technisch könnten.
JUST / Wenn Österreich bei sicherheitsnahen Technologien, bei Ausrüstung oder auch bei Energie stark vom Ausland abhängig bleibt: Wo verliert der Standort dabei real an Wertschöpfung? Und was müsste sich ändern, damit mehr Kapital, Know-how und industrielle Tiefe im Land bleiben?
HV / Die Antwort heißt Industriekooperation. Bei Großbeschaffungen schließt das Wirtschaftsministerium parallel Industriekooperationsverträge ab, die große OEMs wie Leonardo, Rheinmetall, Thales oder Saab verpflichten, österreichische Firmen nicht nur für das gekaufte Produkt, sondern über ihr gesamtes Konzernportfolio mitzunehmen. Das beste Beispiel ist der Eurofighter: 1,6 Milliarden Euro Grundvertrag – und 4,3 Milliarden Euro an Gegengeschäften, die das Who‘s who der österreichischen Hochtechnologiefirmen zum Zug gebracht haben. Dasselbe Prinzip wenden wir jetzt beim gemeinsamen Transportflugzeugkauf mit den Niederlanden und Schweden an. Von den rund 26 Milliarden Euro, die seit 2020 für die Landesverteidigung umgesetzt wurden, verblieben 70 Prozent als Wertschöpfung in Österreich. Das Bundesheer ist ein bedeutender Auftraggeber – und das soll so bleiben.
Wer einmal als verlässlicher Partner in sicherheitsrelevanten Lieferketten drin ist, wird nicht so schnell ausgetauscht. Stabilität im Technologiepartner hat einen eigenen Wert. Das gilt von der Luftfahrt über die Raumfahrt bis zur Beilagscheibe, die nicht brechen darf. Die Botschaft an Unternehmen lautet: Door Opener nutzen – und dann mit Qualität überzeugen. Das hat in der Luftfahrt funktioniert, das funktioniert auch hier.
JUST / Neutralität ist in Österreich politisch sensibel und historisch stark aufgeladen. Gleichzeitig entsteht bei Dual-Use-Themen oft Unsicherheit – rechtlich, wirtschaftlich und kommunikativ. Wie kann Neutralität so ausgelegt werden, dass sie nicht zur Bremse für strategische Vorsorge wird?
KHD / Neutralität ist wie jedes Bekenntnis etwas, das sich weiterentwickeln muss. Die EU hat das auch getan – sie begann als Wirtschaftsgemeinschaft und ist heute weit mehr. Neutralität bedeutet nicht, bei allem wegzuschauen und allen gleich freundlich zu sein, unabhängig von Gesinnung und Werten. Wenn man Neutralität so versteht, dass man zur europäischen Wertegemeinschaft gehört, in einer Partnerschaft mit den Nachbarn steht und daraus auch eine gewisse Beistandspflicht erwächst – nicht militärisch im engsten Sinne, aber als klare Haltung – dann wird der Großteil der Österreicherinnen und Österreicher zustimmen.
HV / Die Neutralität hat sich über achtzig Jahre entwickelt – mit EU-Mitgliedschaft, NATO-Partnerschaft, GSVP. Was jetzt noch zu prüfen ist: welche rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst werden müssen, damit Geschäfte gemacht werden können. Das Rotax-Verfahren – Motoren, die in Drohnen über der Ukraine gefunden wurden – wird zeigen, wie Paragraph 320 ausgelegt wird. Das ist ein Einzelfall. Er betrifft nicht das Gros der Wirtschaft. Was es braucht, ist Klarheit, und die Diskussion darüber ist längst im Gang.
JUST / Wenn Sie einem österreichischen Unternehmer für die kommenden drei Jahre nur einen Gedanken mitgeben dürften: Welcher wäre das?
KHD / Haltet die Augen und Ohren offen. Kooperiert, wo es nur geht – mit Universitäten, mit internationalen Partnern, mit anderen Unternehmen. Geht nicht allein in die Ecke. Und schaut in neue Märkte: Lateinamerika, Afrika, Mercosur – dort entstehen Chancen, die wir noch zu wenig nutzen. Österreich ist kein Billiglohnland und wird es nie sein. Unser Schicksal ist, zu den Besten zu gehören. Das zwingt uns zur Schnelligkeit, zur Qualität und zur Offenheit. Selbstbewusst bleiben – und beweglich.
HV / Für uns als Militär ist ein leistungsfähiger nationaler und europäischer Technologiemarkt keine Wunschvorstellung, sondern eine operative Notwendigkeit. Mein Wunsch an die Unternehmen: Nutzt alle Plattformen, die Kammer und IV bereitstellen. Bleibt im Kontakt mit uns. Und an die Finanzwirtschaft: Seid mutiger. Ohne Bankgarantien, ohne Kredit entstehen keine Projekte – oder nur sehr teure. Das Bundesheer ist ein verlässlicher Auftraggeber mit 15.000 Beschaffungsvorgängen pro Jahr. Das Potenzial ist da. Man muss es nur nutzen.






