Claudia Piller-Korn­herr|

JUST Top Talk mit Harald Vodosek & Karl-Heinz Der­noscheg

Generalleutnant Harald Vodosek, Rüstungschef des Österreichischen Bundesheeres, und Dr. Karl-Heinz Dernoscheg, Direktor der Wirtschaftskammer Steiermark, über Neutralität, Resilienz und die Frage, warum strategische Vorsorge heute auch ein Standortfaktor ist.
Dernoscheg
Karl-Heinz Dernoscheg, Credit: Foto Fischer
Harald Vodosek, Rüstungschef des Österreichischen Bundesheeres. Credit: BMLV/Daniel Trippolt

Öster­reich spricht über Sicher­heit oft zurück­hal­ten­der als andere Länder – und über Wirt­schaft oft nüch­ter­ner, als es die Lage ver­langt. Dabei sind Ver­sor­gungs­si­cher­heit, Ener­gie­ab­hän­gig­keit, Cyber­si­cher­heit und robuste Lie­fer­ket­ten längst keine Rand­the­men mehr, sondern Vor­aus­set­zun­gen für Hand­lungs­fä­hig­keit, Wert­schöp­fung und Zukunfts­fä­hig­keit.

Im Gespräch treffen zwei Per­spek­ti­ven auf­ein­an­der: Harald Vodosek bringt den sicher­heits­po­li­ti­schen Blick auf kri­ti­sche Infra­struk­tur, Beschaf­fung und Resi­li­enz ein. Karl-Heinz Der­noscheg den wirt­schaft­li­chen Blick auf Stand­ort, indus­tri­el­le Sub­stanz und stra­te­gi­sche Vor­sor­ge. Im Zentrum steht dabei auch die Frage, wie Öster­reich mit Dual Use umgeht — und ob Neu­tra­li­tät heute eher schützt oder an manchen Stellen wirt­schaft­li­che Hand­lungs­fä­hig­keit bremst.

JUST / Europa spricht derzeit wieder sehr viel über Sicher­heit, Öster­reich tra­di­tio­nell eher über Neu­tra­li­tät. Ist das heute ein Span­nungs­ver­hält­nis – oder gerade der Moment, beides neu und wirt­schaft­lich klug zusam­men­zu­den­ken?

Harald Vodosek / Die Neu­tra­li­tät hat uns in den letzten achtzig Jahren viel gebracht. Aber sie ist kein starres Kon­strukt – sie hat sich wei­ter­ent­wi­ckelt: mit dem EU-Bei­tritt, mit der NATO-Part­ner­schaft, mit der „Gemein­sa­men Sicher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik“ (GSVP). Aus mili­tä­ri­scher Sicht schränkt uns die Neu­tra­li­tät heute nicht ein. Wir sind EU-Mit­glied und NATO-Partner, arbei­ten nach NATO-Stan­dards, nutzen NATO-Beschaf­fungs­struk­tu­ren und sind in NATO-Ein­sät­zen – frei­lich UN- oder EU-man­da­tiert. Pro Jahr laufen rund 5.000 Mili­tär­trans­por­te über Öster­reich. Wir sind also ein­ge­bun­den, nicht abge­kop­pelt. Unser Inter­es­se ist klar: beste Tech­no­lo­gie für den Sol­da­ten im Einsatz – und die soll mög­lichst aus Öster­reich kommen.

Karl-Heinz Der­noscheg / Neu­tra­li­tät ist emo­tio­nal tief ver­an­kert – und das sollte man respek­tie­ren. Sach­lich betrach­tet ist Öster­reich längst inter­na­tio­nal ein­ge­bun­den; ein kleines Land, das alles allein macht, wäre weder sinn­voll noch im Sinne der EU. Man sieht es auch am Bei­spiel Finn­land und Schwe­den: beides neu­tra­le Länder, die sehr klare Posi­tio­nen hatten – und dann einen anderen Weg gewählt haben. Was Öster­reich aus­zeich­net, ist etwas anderes: die hohe Aner­ken­nung des öster­rei­chi­schen Mili­tärs und die Ver­läss­lich­keit der Wirt­schaft. Das ist ein echtes Asset.

JUST / Öster­reich verfügt in vielen Berei­chen über tech­no­lo­gi­sche und indus­tri­el­le Kom­pe­tenz. Trotz­dem bleibt die Zurück­hal­tung groß, sobald Anwen­dun­gen sicher­heits­nah werden. Ist das aus Ihrer Sicht berech­tig­te Vor­sicht – oder bremst uns genau diese Zurück­hal­tung inzwi­schen mehr aus, als sie schützt?

KHD / Wir sind gerade in einem Lern- und Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess. Der Dual-Use-Bereich – also Güter mit ziviler und mili­tä­ri­scher Nutzung – gewinnt massiv an Bedeu­tung: Soft­ware, Trans­port­fahr­zeu­ge, Drohnen, Cyber­se­cu­ri­ty-Lösun­gen. Niemand will Tech­no­lo­gie in Kriegs­ge­bie­te liefern, die unrecht­mä­ßig ein­ge­setzt wird. Aber der Para­graph 320 des Straf­ge­setz­bu­ches hindert derzeit Unter­neh­men und Banken daran, selbst in Länder zu expor­tie­ren, wo diese Gefahr gar nicht besteht. Das ist Hosen­trä­ger und Gürtel zugleich — und das ist zu viel. Schwe­den hat als neu­tra­les Land eine leis­tungs­fä­hi­ge Ver­tei­di­gungs­in­dus­trie auf­ge­baut. Wenn wir alle Länder pau­schal aus­schlie­ßen, stehen wir am Ende am Spiel­feld­rand und schauen zu, wie andere liefern – während wir uns ein­re­den, damit nichts zu tun zu haben.

HV / Das Militär ist ein Betriebs­un­ter­neh­men, das zwar auch Waffen betreibt – aber der über­wie­gen­de Teil unserer Beschaf­fun­gen ist zivil. Wir bauen Kaser­nen mit zivilen Bau­fir­men, 500 Mil­lio­nen Euro im Jahr fließen allein in die öster­rei­chi­sche Bau­wirt­schaft. Ins­ge­samt wickeln wir 15.000 Beschaf­fungs­vor­gän­ge pro Jahr ab – vom Bolzen über Aggre­ga­te bis zu han­dels­üb­li­chen Fahr­zeu­gen. Das Poten­zi­al für die öster­rei­chi­sche Wirt­schaft ist enorm. Nur ganz vorne, dort wo es um Panzer, Artil­le­rie oder Muni­ti­on geht, braucht es eigene Regu­la­ri­en. Und daran wird gerade gear­bei­tet und wir sind auf einem guten Weg.

JUST / Dual Use klingt abs­trakt. Wenn wir es auf den Boden holen: Welche öster­rei­chi­schen Tech­no­lo­gien, Kom­pe­ten­zen oder Unter­neh­men zeigen heute schon, wie zivile und sicher­heits­re­le­van­te Anwen­dung sinn­voll zusam­men­fin­den?

HV / Wir beschaf­fen Lkw mit hoher Gelän­de­gän­gig­keit – keine Mili­tär­fahr­zeu­ge, sondern zivile Pro­duk­te, die wir mili­tä­risch nutzen. Wir kaufen Dell-Note­books und Think­Pads wie jedes andere Unter­neh­men auch. In Kürze beschaf­fen wir 5.000 Stück. Wir ver­su­chen bewusst, so wenig wie möglich Hard­core-Mili­tär­ge­rät ein­zu­set­zen. Kurz vor diesem Gespräch hatte ich noch ein Meeting mit einer öster­rei­chi­schen Firma, die Außen­raum­über­wa­chung macht – Kaser­nen, Muni­ti­ons­la­ger – und gleich­zei­tig Ver­trä­ge mit OMV und Verbund hat. Das ist Dual Use im besten Sinne. Und die Treib­stoff­ver­sor­gung des Bun­des­hee­res läuft über die­sel­ben Tank­last­zü­ge und den­sel­ben OMV-Stan­dard­kraft­stoff wie bei zivilen Logis­tik­un­ter­neh­men.

KHD / Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie, Cyber­se­cu­ri­ty-Soft­ware, Mikro­elek­tro­nik, Drohnen – alles davon lässt sich zivil wie mili­tä­risch ein­set­zen. Eine Drohne über­wacht heute den Bor­ken­kä­fer­be­fall im Wald, morgen eine Grenze. Ein Was­ser­wer­fer löscht Brände oder sichert Ein­sät­ze. Man darf das Kind nicht mit dem Bade aus­schüt­ten und sagen: Wir ver­kau­fen gar nichts mehr. Am Ende kommt es darauf an, wie die Dinge genutzt werden – nicht darauf, was sie tech­nisch könnten.

JUST / Wenn Öster­reich bei sicher­heits­na­hen Tech­no­lo­gien, bei Aus­rüs­tung oder auch bei Energie stark vom Ausland abhän­gig bleibt: Wo ver­liert der Stand­ort dabei real an Wert­schöp­fung? Und was müsste sich ändern, damit mehr Kapital, Know-how und indus­tri­el­le Tiefe im Land bleiben?

HV / Die Antwort heißt Indus­trie­ko­ope­ra­ti­on. Bei Groß­be­schaf­fun­gen schließt das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um par­al­lel Indus­trie­ko­ope­ra­ti­ons­ver­trä­ge ab, die große OEMs wie Leo­nar­do, Rhein­me­tall, Thales oder Saab ver­pflich­ten, öster­rei­chi­sche Firmen nicht nur für das gekauf­te Produkt, sondern über ihr gesam­tes Kon­zern­port­fo­lio mit­zu­neh­men. Das beste Bei­spiel ist der Euro­figh­ter: 1,6 Mil­li­ar­den Euro Grund­ver­trag – und 4,3 Mil­li­ar­den Euro an Gegen­ge­schäf­ten, die das Who‘s who der öster­rei­chi­schen Hoch­tech­no­lo­gie­fir­men zum Zug gebracht haben. Das­sel­be Prinzip wenden wir jetzt beim gemein­sa­men Trans­port­flug­zeug­kauf mit den Nie­der­lan­den und Schwe­den an. Von den rund 26 Mil­li­ar­den Euro, die seit 2020 für die Lan­des­ver­tei­di­gung umge­setzt wurden, ver­blie­ben 70 Prozent als Wert­schöp­fung in Öster­reich. Das Bun­des­heer ist ein bedeu­ten­der Auf­trag­ge­ber – und das soll so bleiben.

Wer einmal als ver­läss­li­cher Partner in sicher­heits­re­le­van­ten Lie­fer­ket­ten drin ist, wird nicht so schnell aus­ge­tauscht. Sta­bi­li­tät im Tech­no­lo­gie­part­ner hat einen eigenen Wert. Das gilt von der Luft­fahrt über die Raum­fahrt bis zur Bei­lag­schei­be, die nicht brechen darf. Die Bot­schaft an Unter­neh­men lautet: Door Opener nutzen – und dann mit Qua­li­tät über­zeu­gen. Das hat in der Luft­fahrt funk­tio­niert, das funk­tio­niert auch hier.

JUST / Neu­tra­li­tät ist in Öster­reich poli­tisch sen­si­bel und his­to­risch stark auf­ge­la­den. Gleich­zei­tig ent­steht bei Dual-Use-Themen oft Unsi­cher­heit – recht­lich, wirt­schaft­lich und kom­mu­ni­ka­tiv. Wie kann Neu­tra­li­tät so aus­ge­legt werden, dass sie nicht zur Bremse für stra­te­gi­sche Vor­sor­ge wird?

KHD / Neu­tra­li­tät ist wie jedes Bekennt­nis etwas, das sich wei­ter­ent­wi­ckeln muss. Die EU hat das auch getan – sie begann als Wirt­schafts­ge­mein­schaft und ist heute weit mehr. Neu­tra­li­tät bedeu­tet nicht, bei allem weg­zu­schau­en und allen gleich freund­lich zu sein, unab­hän­gig von Gesin­nung und Werten. Wenn man Neu­tra­li­tät so ver­steht, dass man zur euro­päi­schen Wer­te­ge­mein­schaft gehört, in einer Part­ner­schaft mit den Nach­barn steht und daraus auch eine gewisse Bei­stands­pflicht erwächst – nicht mili­tä­risch im engsten Sinne, aber als klare Haltung – dann wird der Groß­teil der Öster­rei­che­rin­nen und Öster­rei­cher zustim­men.

HV / Die Neu­tra­li­tät hat sich über achtzig Jahre ent­wi­ckelt – mit EU-Mit­glied­schaft, NATO-Part­ner­schaft, GSVP. Was jetzt noch zu prüfen ist: welche recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen ange­passt werden müssen, damit Geschäf­te gemacht werden können. Das Rotax-Ver­fah­ren – Motoren, die in Drohnen über der Ukraine gefun­den wurden – wird zeigen, wie Para­graph 320 aus­ge­legt wird. Das ist ein Ein­zel­fall. Er betrifft nicht das Gros der Wirt­schaft. Was es braucht, ist Klar­heit, und die Dis­kus­si­on darüber ist längst im Gang.

JUST / Wenn Sie einem öster­rei­chi­schen Unter­neh­mer für die kom­men­den drei Jahre nur einen Gedan­ken mit­ge­ben dürften: Welcher wäre das?

KHD / Haltet die Augen und Ohren offen. Koope­riert, wo es nur geht – mit Uni­ver­si­tä­ten, mit inter­na­tio­na­len Part­nern, mit anderen Unter­neh­men. Geht nicht allein in die Ecke. Und schaut in neue Märkte: Latein­ame­ri­ka, Afrika, Mer­co­sur – dort ent­ste­hen Chancen, die wir noch zu wenig nutzen. Öster­reich ist kein Bil­lig­lohn­land und wird es nie sein. Unser Schick­sal ist, zu den Besten zu gehören. Das zwingt uns zur Schnel­lig­keit, zur Qua­li­tät und zur Offen­heit. Selbst­be­wusst bleiben – und beweg­lich.

HV / Für uns als Militär ist ein leis­tungs­fä­hi­ger natio­na­ler und euro­päi­scher Tech­no­lo­gie­markt keine Wunsch­vor­stel­lung, sondern eine ope­ra­ti­ve Not­wen­dig­keit. Mein Wunsch an die Unter­neh­men: Nutzt alle Platt­for­men, die Kammer und IV bereit­stel­len. Bleibt im Kontakt mit uns. Und an die Finanz­wirt­schaft: Seid mutiger. Ohne Bank­ga­ran­tien, ohne Kredit ent­ste­hen keine Pro­jek­te – oder nur sehr teure. Das Bun­des­heer ist ein ver­läss­li­cher Auf­trag­ge­ber mit 15.000 Beschaf­fungs­vor­gän­gen pro Jahr. Das Poten­zi­al ist da. Man muss es nur nutzen.

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Der Handel mit Gütern mit dop­pel­tem Ver­wen­dungs­zweck – soge­nann­ten Dual-Use-Gütern – stellt öster­rei­chi­sche Unter­neh­men vor viel­fäl­ti­ge Her­aus­for­de­run­gen. Diese Pro­duk­te sind einer­seits zivil nutzbar, gelten ande­rer­seits jedoch als sicher­heits­po­li­tisch bzw. mili­tä­risch sen­si­bel. Das Spek­trum reicht von Spe­zi­al­ma­schi­nen, Halb­lei­tern und Che­mi­ka­li­en bis hin zu Ver­schlüs­se­lungs­soft­ware und Über­wa­chungs­tech­no­lo­gie.

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