JULIAN BURKERT|

Was bleibt. Und wer ent­schei­det das? Private Banking im Gene­ra­tio­nen­wech­sel

Was die eine Generation Lebenswerk nennt, erkennt die nächste mitunter als Klumpenrisiko. Private Banking im Generationenwechsel beginnt dort, wo beide recht haben – und trotzdem eine gemeinsame Strategie brauchen.

Von Julian Burkert

Was der Vater für Sicher­heit hält, erscheint der Tochter viel­leicht als bemer­kens­wer­te Abhän­gig­keit von einer ein­zi­gen Branche. Wo die Familie von Tra­di­ti­on spricht, sieht der Ver­mö­gens­be­richt drei Immo­bi­li­en, zwei Betei­li­gun­gen, mehrere Depots und über­ra­schend viel Liqui­di­tät auf einem erstaun­lich schlecht ver­zins­ten Konto.

Alle haben recht. Das macht die Sache selten ein­fa­cher.

Ver­mö­gen trägt schließ­lich nicht nur einen Wert, sondern auch Erin­ne­run­gen, Über­zeu­gun­gen und ein paar Ent­schei­dun­gen, über die man inner­halb der Familie lieber nicht beim Sonn­tags­es­sen spricht. Eine Betei­li­gung kann Lebens­leis­tung sein, Zukunfts­chan­ce und Risiko – je nachdem, wer gerade auf die Zahlen blickt.

Der Gene­ra­tio­nen­wech­sel beginnt deshalb nicht erst bei der Über­tra­gung. Er beginnt in jenem Moment, in dem jemand eine neue Frage stellt.

Das Lebens­werk und das Klum­pen­ri­si­ko

Wer Ver­mö­gen geschaf­fen hat, betrach­tet es selten voll­kom­men nüch­tern. Das wäre auch etwas viel ver­langt. In einem Unter­neh­men stecken nicht nur Kapital und Ertrag, sondern Jahre, in denen Urlaube kürzer und Arbeits­ta­ge länger aus­ge­fal­len sind als ursprüng­lich geplant. Eine Immo­bi­lie kann für die Bank einen Belei­hungs­wert haben und für die Familie eine Geschich­te, die deut­lich schwe­rer zu berech­nen ist.

Die nächste Gene­ra­ti­on über­nimmt diese Erin­ne­run­gen jedoch nicht auto­ma­tisch mit. Sie sieht das­sel­be Ver­mö­gen aus einer anderen Ent­fer­nung – und zuwei­len mit einer Excel-Tabelle, die für Sen­ti­men­ta­li­tä­ten nur begrenzt for­ma­tier­bar ist.

Was die eine Gene­ra­ti­on Lebens­werk nennt, erkennt die nächste mit­un­ter als Klum­pen­ri­si­ko.

Das ist weder Undank noch man­geln­der Respekt. Es ist der natür­li­che Unter­schied zwi­schen Schaf­fen und Über­neh­men. Wer etwas auf­ge­baut hat, fragt: Wie bewah­ren wir es? Wer damit wei­ter­le­ben soll, möchte zunächst wissen: Passt es über­haupt zu meinem Leben?

Gene­ra­tio­nen­bil­der sind dabei erstaun­lich unzu­ver­läs­sig. Es gibt junge Anleger, die bemer­kens­wert kon­ser­va­tiv denken, und ältere, die mit großer Neugier Private Markets, digi­ta­le Ver­mö­gens­wer­te oder neue Betei­li­gungs­mo­del­le ent­de­cken. Das Geburts­jahr ist noch kein Risi­ko­pro­fil. Es verrät höchs­tens, wie lange jemand Zeit hatte, aus gut aus­ge­gan­ge­nen Risiken im Rück­blick eine Stra­te­gie zu machen.

Illustration: goldene Treppenstufen von der ersten bis zur vierten Generation, oben ein Mann in der Hängematte, die letzte Stufe bröckelt
Vier Gene­ra­tio­nen, eine Treppe – und die oberste Stufe hält nicht von selbst. Foto: JUST (Illus­tra­ti­on)

Die ent­schei­den­de Frage lautet daher: Passt das Ver­mö­gen noch zum Leben jener Men­schen, die künftig damit umgehen? Ein gutes Bank­ge­spräch hält diese Frage aus, ohne dass gleich jemand den Fami­li­en­frie­den oder zumin­dest den Nach­tisch gefähr­det sieht.

Wer neue Fragen stellt, erwar­tet aller­dings auch eigene Ant­wor­ten – viel­leicht von der­sel­ben Bank, aber kei­nes­wegs auto­ma­tisch.

Ver­trau­en kennt kein Über­tra­gungs­for­mu­lar

Die Bezie­hung zu einer Pri­vat­bank lässt sich nicht gemein­sam mit dem Depot über­schrei­ben. Ver­trau­en gehört zu jenen wenigen Ver­mö­gens­wer­ten, für die es kein Über­tra­gungs­for­mu­lar gibt.

Eine lang­jäh­ri­ge Ver­bin­dung zum Haus ist eine aus­ge­zeich­ne­te Emp­feh­lung. Eine auto­ma­ti­sche Ver­län­ge­rung ist sie nicht. Die nächste Gene­ra­ti­on möchte ver­ste­hen, wie Ent­schei­dun­gen zustan­de kommen, welche Kosten ent­ste­hen, welche Inter­es­sen eine Rolle spielen und ob die Bera­tung tat­säch­lich bei ihr beginnt – oder bei jenem Port­fo­lio, das nun einmal schon da ist.

Dafür genügt weder eine ele­gan­te App noch allein die gedie­ge­ne Ver­tä­fe­lung eines Bespre­chungs­zim­mers. Beides kann ange­nehm sein. Ent­schei­dend bleibt, ob jemand erreich­bar ist, Zusam­men­hän­ge erklä­ren kann und auch dann noch die­sel­be Sprache spricht, wenn die Märkte gerade eine ihrer weniger char­man­ten Phasen durch­le­ben.

Für die Pri­vat­bank beginnt damit eine Bewer­bung um den nächs­ten Auftrag. Idea­ler­wei­se ver­zich­tet sie dabei auf den Versuch, beson­ders jugend­lich zu wirken. Weniges altert schnel­ler als ein Banker, der demons­trie­ren möchte, dass er die jungen Leute ver­steht.

Ver­trau­en ent­steht nicht dadurch, dass man jede Frage sofort beant­wor­tet. Manch­mal ent­steht es gerade dann, wenn jemand klug genug ist zu sagen, dass eine Antwort noch etwas Zeit braucht.

Leider hängt alles zusam­men

Mit wach­sen­dem Ver­mö­gen wächst selten nur die Zahl auf dem Konto. Meist wächst vor allem die Zahl der Men­schen, die für einen kleinen Aus­schnitt davon zustän­dig sind.

Da stehen Unter­neh­mens­be­tei­li­gun­gen neben Immo­bi­li­en, Wert­pa­pier­de­pots neben Liqui­di­täts­re­ser­ven und Finan­zie­run­gen neben pri­va­ten Pro­jek­ten. Dazu kommen unter­schied­li­che Banken, Länder, Wäh­run­gen, Steu­er­be­ra­ter, Rechts­an­wäl­te sowie ein guter Freund, der gerade von einer außer­or­dent­lich inter­es­san­ten Gele­gen­heit gehört hat.

Jeder Spe­zia­list kann in seinem Bereich recht haben. Ver­mö­gen hat nur die lästige Ange­wohn­heit, sich nicht an Fach­ge­biets­gren­zen zu halten.

Private Banking wird dort wert­voll, wo es dieses Neben­ein­an­der in ein ver­ständ­li­ches Gesamt­bild über­setzt. Wo Risiken sicht­bar werden, Liqui­di­tät nicht dem Zufall über­las­sen bleibt und jene Men­schen mit­ein­an­der spre­chen, die recht­li­che, steu­er­li­che, unter­neh­me­ri­sche und per­sön­li­che Fragen beglei­ten.

Ent­schei­dend ist nicht, wie viele Exper­ten an einem Tisch Platz nehmen. Ent­schei­dend ist, ob am Ende jemand weiß, was dort eigent­lich bespro­chen wurde.

Die Kunst des ele­gan­ten Wider­spruchs

Ver­mö­gen­de Men­schen sind es gewohnt, Ent­schei­dun­gen zu treffen. Viele von ihnen waren damit aus­ge­spro­chen erfolg­reich. Das erleich­tert die Bera­tung nicht in jedem Fall.

Ein guter Private Banker ist deshalb kein aus­ge­la­ger­ter Applaus. Er ist Spar­rings­part­ner. Er hin­ter­fragt Kon­zen­tra­tio­nen, erin­nert an Liqui­di­tät, trennt eine inter­es­san­te Geschich­te von einer trag­fä­hi­gen Anlage und bewahrt im rich­ti­gen Moment auch vor jener Form von Akti­vi­tät, die vor allem das beru­hi­gen­de Gefühl ver­mit­telt, etwas getan zu haben.

Das gilt im Gene­ra­tio­nen­wech­sel in beide Rich­tun­gen. Die ältere Gene­ra­ti­on muss nicht jede neue Idee finan­zie­ren, nur weil sie neu ist. Die jüngere muss nicht jede bestehen­de Struk­tur fort­füh­ren, nur weil sie lange funk­tio­niert hat.

Ein Berater, der ledig­lich bestä­tigt, ist kaum mehr als ein Spiegel mit Kra­wat­te.

Wer viel erreicht hat, muss Wider­spruch nicht lieben. Er sollte sich nur leisten, dass er vor­kommt. Zustim­mung ist schließ­lich eine Dienst­leis­tung, die im eigenen Umfeld meist aus­rei­chend ver­füg­bar ist.

Die Frei­heit, eigene Fehler zu machen

Was soll also bleiben? Vor allem die Mög­lich­keit, auch unter ver­än­der­ten Bedin­gun­gen ent­schei­den zu können: ohne Hast, ohne unnö­ti­ge Abhän­gig­keit und mit einem klaren Bild dessen, was auf dem Spiel steht.

Der eigent­li­che Luxus eines gut struk­tu­rier­ten Ver­mö­gens liegt in diesem Spiel­raum. Er erlaubt Fehler, ohne dass jeder davon gleich zur Fami­li­en­ge­schich­te werden muss.

Die nächste Gene­ra­ti­on wird diesen Spiel­raum anders nutzen. Sie wird umschich­ten, inves­tie­ren, ver­kau­fen – und viel­leicht aus­ge­rech­net an jenem Ver­mö­gens­wert fest­hal­ten, von dem ihr alle abge­ra­ten haben. Manche Ent­schei­dun­gen werden bril­lant sein. Andere lassen sich später immer­hin als wert­vol­le Erfah­rung erzäh­len.

Gerade darin zeigt sich, ob die Über­ga­be tat­säch­lich statt­ge­fun­den hat. Wer Ver­mö­gen wei­ter­gibt, aber jede Ent­schei­dung behal­ten möchte, hat noch nichts über­ge­ben. Er hat ledig­lich die Unter­schrift dele­giert.

Die nächste Gene­ra­ti­on wird ihre eigenen Fehler machen. Das sollte uns beru­hi­gen. Unsere wären für sie ver­mut­lich ohnehin nicht mehr zeit­ge­mäß.

Woran man gute Ver­mö­gens­be­glei­tung erkennt

  • Sie fragt, bevor sie anbie­tet. Zuerst wird geklärt, welche Aufgabe das Ver­mö­gen erfül­len soll.
  • Sie betrach­tet das Ganze. Depots, Betei­li­gun­gen, Immo­bi­li­en, Liqui­di­tät und Finan­zie­run­gen gehören in ein gemein­sa­mes Bild.
  • Sie macht Risiken sicht­bar. Auch jene, über die inner­halb der Familie bisher eher höflich geschwie­gen wurde.
  • Sie erklärt Ent­schei­dun­gen. Stra­te­gien, Kosten und Ergeb­nis­se müssen ver­ständ­lich und nach­voll­zieh­bar bleiben.
  • Sie bindet Gene­ra­tio­nen ein. Die nächste Gene­ra­ti­on wird nicht nur infor­miert, sondern schritt­wei­se in Ent­schei­dun­gen ein­be­zo­gen.
  • Sie kann wider­spre­chen. Freund­lich, begrün­det und mög­lichst ohne anschlie­ßend allzu tri­um­phie­rend recht zu behal­ten.

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Fotos: Montage fein­work, Illus­tra­ti­on JUST. Dieser Beitrag erschien in JUST Nº 46, Oktober 2026.

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