JUST / Vorsorge klingt für viele nach später. Nach etwas, das man irgendwann regelt, wenn mehr Zeit, mehr Geld oder mehr Ruhe da ist. Warum wird ein Thema, das so existenziell ist, so gern vertagt?
Sonja Brandtmayer / Weil viele glauben, es sei noch früh genug oder dass der Staat am Ende schon für sie sorgen wird. Gerade bei der privaten Altersvorsorge sehen wir diese Mischung aus Gelassenheit und Verdrängung sehr deutlich.
Dabei setzt der demografische Wandel das staatliche Pensionssystem massiv unter Druck. Wer seinen Lebensstandard im Alter halten möchte, wird um ergänzende private Vorsorge nicht herumkommen.
Private Vorsorge ist letztlich keine Angstreaktion, sondern eine Investition in die eigene Unabhängigkeit.
Oliver Kröpfl / Viele Menschen verwechseln Vorsorge mit Vermögen. Aber Vorsorge beginnt viel früher, nämlich mit Überblick.
Wer nicht weiß, was monatlich hereinkommt, hinausgeht und welche finanziellen Verpflichtungen langfristig daraus entstehen, kann keine seriöse Vorsorge treffen.
Oft liegt das Problem nicht in einem zu niedrigen Einkommen, sondern in mangelnder Struktur. Denn gerade bei Finanzentscheidungen kann Aufschieben schnell zu einem teuren Reflex werden. Wenige bedenken, dass sich Einkommen und Ausgaben im Alter verändern. Das Einkommen wird in der Pension oft kleiner, aber Ausgaben z. B. für Gesundheitsleistungen höher.
Michael Kropiunig / Im rechtlichen Bereich ist die Verdrängung besonders ausgeprägt. Viele beschäftigen sich erst dann mit Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung oder Testament, wenn bereits ein Anlassfall eingetreten ist, und dann ist es meist zu spät. Rechtliche Vorsorge wirkt trocken, bis das Leben plötzlich sehr konkret wird.
Michael Sacherer / Weil die Auswirkungen von gesundheitlicher Vorsorge nicht unbedingt unmittelbar spürbar sind. Vorsorge wirkt oft unsichtbar. Sichtbar machen können wir sie nur durch die Darstellung der evidenzbasierten Medizin und intensive Wissenschaftskommunikation.
JUST / Beginnen wir bei der finanziellen Vorsorge. Frau Brandtmayer: Wo liegt heute der größte blinde Fleck?
SB / Ganz klar bei der privaten Altersvorsorge. Viele unterschätzen, wie positiv sich frühes Handeln über die Jahre auswirkt.
Wer früh beginnt anzusparen, profitiert vom Zinseszinseffekt und genau darin liegt einer der größten Hebel. Zeit arbeitet entweder für uns oder gegen uns.
Der einzig richtige Zeitpunkt, sich mit seiner finanziellen Situation im Alter zu beschäftigen, ist daher nicht irgendwann. Er ist immer jetzt.
JUST / Das klingt nach einem nüchternen Satz mit großer Sprengkraft: Wer zu spät beginnt, zahlt doppelt?
SB / Es geht in die Richtung. Wer später startet, muss intensiver gegensteuern, mit höheren Beträgen, mehr Disziplin und oft mit weniger Spielraum.
Gerade Frauen sind davon besonders betroffen. Unsere Vorsorgestudie zeigt: Frauen investieren im Schnitt deutlich weniger in private Vorsorge als Männer, rund 179 Euro pro Monat gegenüber etwa 265 Euro.
Gleichzeitig agieren sie oft vorsichtiger und suchen häufiger persönliche Beratung. Das ist grundsätzlich klug, aber gefährlich wird es dort, wo man sich auf den Partner verlässt, statt selbst aktiv zu werden.
JUST / Herr Kröpfl, Sie sprechen lieber von „finanzieller Gesundheit“ als nur von Vorsorge. Warum?
OK / Weil der Begriff weiter gefasst und ehrlicher ist. Finanzielle Gesundheit bedeutet für mich, dass Ausgaben und Einnahmen in einer stimmigen Balance stehen und man sich dennoch die zentralen Wünsche und Lebensziele erfüllen kann.
Das hat erstaunlich wenig mit der absoluten Höhe des Einkommens zu tun. Es gibt Menschen mit einem eher überschaubaren Einkommen, die finanziell sehr gesund leben, und andere mit hohen Einkommen, die aufgrund fehlender Struktur dauerhaft ungesund wirtschaften.
Nicht der Kontostand ist entscheidend, sondern Übersicht, Organisation und die Fähigkeit, klare Prioritäten zu setzen.
JUST / Also ist nicht Armut das größte Risiko, sondern Unklarheit?
OK / Zumindest sehr oft. Wer keine Transparenz über seine laufenden Verpflichtungen hat, kann weder sinnvoll sparen noch klug vorsorgen.
Ein weiterer Denkfehler ist die Hoffnung auf spätere Erbschaften. Seine finanzielle Zukunft darauf aufzubauen, dass man irgendwann erbt, ist eine Hochrisikowette.
Die eigene finanzielle Gesundheit den Eltern zu überlassen, ist keine Strategie, eher ein Missverständnis mit familiärer Verpackung.
JUST / Und was wird besonders häufig unterschätzt?
OK /Liquidität. Viele denken bei Vorsorge an Vermögen, aber viel zu selten daran, wie schnell sie im Ernstfall tatsächlich auf Geld zugreifen können.
Gerade in der Pension zeigt sich oft: Auch freie Zeit kostet. Reisen, Aktivitäten oder gesundheitliche Zusatzkosten verlangen nach verfügbaren Mitteln, nicht nach rein bilanziellen Werten. Ein Vermögen, das im entscheidenden Moment nicht flüssig ist, beruhigt vor allem auf dem Papier.
JUST / Während über Geld noch relativ offen gesprochen wird, bleibt ein Bereich oft fast völlig tabu: die rechtliche Vorsorge. Herr Kropiunig, warum?
MK / Wenn jemand geschäftsunfähig wird, geht es medizinisch und wirtschaftlich um Zeit. Nur wer eine Vorsorgevollmacht hat, ermöglicht es dem Bevollmächtigten, ohne bürokratische Hürden und ohne Zeitverlust sofort zu reagieren. Abgesehen davon kann man mit einer Vorsorgevollmacht vorab bestimmen, wer einen vertreten soll und welche Kompetenzen der Bevollmächtige haben soll. In allen Fällen der Erwachsenenvertretung ist dies so nicht der Fall. Wenn man schon wichtige Lebensentscheidungen einem anderen übertragen muss, lohnt es sich auf jeden Fall, sich darüber rechtzeitig Gedanken zu machen.
JUST / Das heißt: Nähe ersetzt keine Rechtsgrundlage.
MK / Exakt. Nähe ist menschlich relevant, rechtlich aber nicht immer ausreichend. Auch im Erbrecht erleben wir regelmäßig Überraschungen. Stirbt jemand ohne Testament oder Erbvertrag, greift die gesetzliche Erbfolge. Dann erbt der Ehepartner ein Drittel, die Kinder zwei Drittel.
Gerade bei Immobilien kann das hochproblematisch werden, etwa wenn ein minderjähriges Kind Miteigentümer wird. Dann ist bis zur Volljährigkeit ohne gerichtliche Zustimmung oft kaum disponierbar.
JUST / Besonders riskant für wen?
MK / Für junge Familien, Unternehmerinnen und Unternehmer und ganz besonders für Menschen in Lebensgemeinschaften.
Denn jahrzehntelanges Zusammenleben schafft noch keinen automatischen erbrechtlichen Schutz. Viele fallen hier tatsächlich zwischen die Sessel.
Und nein: Ein Testament oder eine Vorsorgevollmacht ist kein Ausdruck von Misstrauen. Im Gegenteil, es ist oft der letzte Akt von Fürsorge gegenüber den eigenen Angehörigen.
JUST / Herr Sacherer, wenn wir über Vorsorge sprechen, ist Gesundheit wohl das Fundament und zugleich jener Bereich, den viele am liebsten mit einem guten Vorsatz verwechseln.
MS / Dabei braucht Gesundheitsvorsorge vor allem Kontinuität – vom Lebensstil bis zu den Vorsorgeuntersuchungen. Im Unterschied zur finanziellen Vorsorge muss man sich viel konsequenter um die Gesundheit kümmern – hier kann man nichts „ansparen“ und sich dann darauf ausruhen. Man muss dranbleiben. Wir haben aber mit den Hausärztinnen und Hausärzten die idealen Partner – als erste Anlaufstelle bei Beschwerden und ebenso für Vorsorge.
JUST / Kann man mit Prävention tatsächlich so viel steuern oder überschätzen wir ihren Einfluss manchmal?
MS / Natürlich hat Prävention Grenzen. Was wir durch Vorsorge allein nicht beeinflussen können, sind genetische Veranlagungen, Umweltbelastungen oder Einflüsse wie Infektionen. Aber Vorsorge wirkt, sie verhindert Erkrankungen – sodass auch im Gesundheitssystem weniger Geld für Reparaturmedizin ausgegeben werden muss. Außerdem ist die Bevölkerung durch mehr gesunde Lebensjahre länger arbeits- und leistungsfähig. Prävention ist volkswirtschaftlich günstiger als spätere Therapien.
JUST / In Zeiten von Social Media, Selbstdiagnose und Klickmedizin: Wem soll man überhaupt noch glauben?
MS / Vor allem jenen, die fachliche Kompetenz mit persönlicher Beziehung verbinden. An erster Stelle stehen dabei Hausärztinnen und Hausärzte sowie Fachärztinnen und Fachärzte. Dieses Vertrauen basiert auf medizinischer Expertise und langjähriger Begleitung. Stichwort soziale Medien – einfache Zugänglichkeit und emotionale Ansprache spielen hier eine große Rolle, aber nicht immer verbunden mit wissenschaftlicher Qualität. Mein Rat ist es, stark zu hinterfragen und evidenzbasierten Informationen den Vorrang zu geben.
JUST / Wenn man all das zusammennimmt – Geld, Gesundheit, Recht, Lebensrisiken –, dann wirkt Vorsorge plötzlich weniger wie ein Produkt und mehr wie ein System. Was ist die größte Fehlannahme unserer Zeit?
SB / Dass Vorsorge etwas für später sei. Dabei entscheidet sich finanzielle Freiheit meist sehr früh.
OK / Dass hohes Einkommen automatisch Sicherheit bedeutet. Ohne Struktur gibt es keine finanzielle Gesundheit.
MK / Dass Familie im Ernstfall „eh alles regeln“ kann. Ohne klare Vollmachten kann selbst Nähe ohnmächtig werden.
MS / Dass ein gesundheitsbewusster Lebensstil Verzicht bedeutet, dabei gewinnen wir dadurch: mehr Energie, mehr Lebensjahre in guter Gesundheit, mehr Unabhängigkeit im Alter.
JUST / Dann zum Schluss ganz praktisch: Was ist der erste sinnvolle Schritt, den man noch diese Woche setzen kann?
SB / Sich ehrlich fragen: Wie viel private Vorsorge habe ich tatsächlich und was fehlt noch?
OK / Einen realistischen Überblick schaffen: Einnahmen, Ausgaben, Rücklagen, Liquidität. Klarheit ist der Beginn jeder Strategie.
MK / Prüfen, ob Testament, Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung vorhanden sind und ob sie noch zur aktuellen Lebenssituation passen.
MS / Einen konkreten Termin für eine Vorsorgeuntersuchung vereinbaren – und ihn auch wahrnehmen.
JUST / Dann halten wir fest: Vorsorge ist kein Ausdruck von Angst, sondern von Souveränität. Wer sie nur auf Pension oder Polizze reduziert, denkt in Produkten statt in Lebensrealität. Wirkliche Vorsorge beginnt dort, wo Geld, Gesundheit, Recht und Verantwortung einander die Hand geben. Oder, um es unromantisch zu sagen: Das Leben bleibt unberechenbar – aber man muss ihm ja nicht auch noch unvorbereitet entgegengehen.








