JUST-Redaktion|

JUST Top Talk: Vor­sor­ge

Vorsorge klingt nach später. Dabei beginnt sie genau dort, wo Verantwortung Form annimmt: finanziell, rechtlich, gesundheitlich. Gemeinsam mit Wiener Städtischer, RAK, Ärztekammer und Steiermärkischer Sparkasse sprechen wir über Sicherheit, Selbstbestimmung – und darüber, warum Verdrängung meist teurer wird.
Michael Kropiunig, Präsident der Steiermärkischen Rechtsanwaltskammer Foto: Tinski
Michael Sacherer, Präsident der Ärztekammer Steiermark Foto: Harry Schiffer Photodesign
Sonja Brandtmayer, Generaldirektor-Stellvertreterin Wiener Städtische Versicherung. Foto: LuxundLumen
Oliver Kröpfl, Vorstandsmitglied der Steiermärkischen Sparkasse. Foto: Werner Krug

JUST / Vor­sor­ge klingt für viele nach später. Nach etwas, das man irgend­wann regelt, wenn mehr Zeit, mehr Geld oder mehr Ruhe da ist. Warum wird ein Thema, das so exis­ten­zi­ell ist, so gern vertagt?

Sonja Brandt­may­er / Weil viele glauben, es sei noch früh genug oder dass der Staat am Ende schon für sie sorgen wird. Gerade bei der pri­va­ten Alters­vor­sor­ge sehen wir diese Mischung aus Gelas­sen­heit und Ver­drän­gung sehr deut­lich.

Dabei setzt der demo­gra­fi­sche Wandel das staat­li­che Pen­si­ons­sys­tem massiv unter Druck. Wer seinen Lebens­stan­dard im Alter halten möchte, wird um ergän­zen­de private Vor­sor­ge nicht her­um­kom­men.
Private Vor­sor­ge ist letzt­lich keine Angst­re­ak­ti­on, sondern eine Inves­ti­ti­on in die eigene Unab­hän­gig­keit.

Oliver Kröpfl / Viele Men­schen ver­wech­seln Vor­sor­ge mit Ver­mö­gen. Aber Vor­sor­ge beginnt viel früher, nämlich mit Über­blick.

Wer nicht weiß, was monat­lich her­ein­kommt, hin­aus­geht und welche finan­zi­el­len Ver­pflich­tun­gen lang­fris­tig daraus ent­ste­hen, kann keine seriöse Vor­sor­ge treffen.

Oft liegt das Problem nicht in einem zu nied­ri­gen Ein­kom­men, sondern in man­geln­der Struk­tur. Denn gerade bei Finanz­ent­schei­dun­gen kann Auf­schie­ben schnell zu einem teuren Reflex werden. Wenige beden­ken, dass sich Ein­kom­men und Aus­ga­ben im Alter ver­än­dern. Das Ein­kom­men wird in der Pension oft kleiner, aber Aus­ga­ben z. B. für Gesund­heits­leis­tun­gen höher.

Michael Kro­pi­unig / Im recht­li­chen Bereich ist die Ver­drän­gung beson­ders aus­ge­prägt. Viele beschäf­ti­gen sich erst dann mit Vor­sor­ge­voll­macht, Pati­en­ten­ver­fü­gung oder Tes­ta­ment, wenn bereits ein Anlass­fall ein­ge­tre­ten ist, und dann ist es meist zu spät. Recht­li­che Vor­sor­ge wirkt trocken, bis das Leben plötz­lich sehr konkret wird.

Michael Sache­rer / Weil die Aus­wir­kun­gen von gesund­heit­li­cher Vor­sor­ge nicht unbe­dingt unmit­tel­bar spürbar sind. Vor­sor­ge wirkt oft unsicht­bar. Sicht­bar machen können wir sie nur durch die Dar­stel­lung der evi­denz­ba­sier­ten Medizin und inten­si­ve Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on.

JUST / Begin­nen wir bei der finan­zi­el­len Vor­sor­ge. Frau Brandt­may­er: Wo liegt heute der größte blinde Fleck?

SB / Ganz klar bei der pri­va­ten Alters­vor­sor­ge. Viele unter­schät­zen, wie positiv sich frühes Handeln über die Jahre aus­wirkt.

Wer früh beginnt anzu­spa­ren, pro­fi­tiert vom Zin­ses­zins­ef­fekt und genau darin liegt einer der größten Hebel. Zeit arbei­tet ent­we­der für uns oder gegen uns.
Der einzig rich­ti­ge Zeit­punkt, sich mit seiner finan­zi­el­len Situa­ti­on im Alter zu beschäf­ti­gen, ist daher nicht irgend­wann. Er ist immer jetzt.

JUST / Das klingt nach einem nüch­ter­nen Satz mit großer Spreng­kraft: Wer zu spät beginnt, zahlt doppelt?

SB / Es geht in die Rich­tung. Wer später startet, muss inten­si­ver gegen­steu­ern, mit höheren Beträ­gen, mehr Dis­zi­plin und oft mit weniger Spiel­raum.
Gerade Frauen sind davon beson­ders betrof­fen. Unsere Vor­sor­ge­stu­die zeigt: Frauen inves­tie­ren im Schnitt deut­lich weniger in private Vor­sor­ge als Männer, rund 179 Euro pro Monat gegen­über etwa 265 Euro.
Gleich­zei­tig agieren sie oft vor­sich­ti­ger und suchen häu­fi­ger per­sön­li­che Bera­tung. Das ist grund­sätz­lich klug, aber gefähr­lich wird es dort, wo man sich auf den Partner ver­lässt, statt selbst aktiv zu werden.

JUST / Herr Kröpfl, Sie spre­chen lieber von „finan­zi­el­ler Gesund­heit“ als nur von Vor­sor­ge. Warum?

OK / Weil der Begriff weiter gefasst und ehr­li­cher ist. Finan­zi­el­le Gesund­heit bedeu­tet für mich, dass Aus­ga­ben und Ein­nah­men in einer stim­mi­gen Balance stehen und man sich dennoch die zen­tra­len Wünsche und Lebens­zie­le erfül­len kann.

Das hat erstaun­lich wenig mit der abso­lu­ten Höhe des Ein­kom­mens zu tun. Es gibt Men­schen mit einem eher über­schau­ba­ren Ein­kom­men, die finan­zi­ell sehr gesund leben, und andere mit hohen Ein­kom­men, die auf­grund feh­len­der Struk­tur dau­er­haft unge­sund wirt­schaf­ten.
Nicht der Kon­to­stand ist ent­schei­dend, sondern Über­sicht, Orga­ni­sa­ti­on und die Fähig­keit, klare Prio­ri­tä­ten zu setzen.

JUST / Also ist nicht Armut das größte Risiko, sondern Unklar­heit?

OK / Zumin­dest sehr oft. Wer keine Trans­pa­renz über seine lau­fen­den Ver­pflich­tun­gen hat, kann weder sinn­voll sparen noch klug vor­sor­gen.
Ein wei­te­rer Denk­feh­ler ist die Hoff­nung auf spätere Erb­schaf­ten. Seine finan­zi­el­le Zukunft darauf auf­zu­bau­en, dass man irgend­wann erbt, ist eine Hoch­ri­si­ko­wet­te.
Die eigene finan­zi­el­le Gesund­heit den Eltern zu über­las­sen, ist keine Stra­te­gie, eher ein Miss­ver­ständ­nis mit fami­liä­rer Ver­pa­ckung.

JUST / Und was wird beson­ders häufig unter­schätzt?

OK /Liquidität. Viele denken bei Vor­sor­ge an Ver­mö­gen, aber viel zu selten daran, wie schnell sie im Ernst­fall tat­säch­lich auf Geld zugrei­fen können.
Gerade in der Pension zeigt sich oft: Auch freie Zeit kostet. Reisen, Akti­vi­tä­ten oder gesund­heit­li­che Zusatz­kos­ten ver­lan­gen nach ver­füg­ba­ren Mitteln, nicht nach rein bilan­zi­el­len Werten. Ein Ver­mö­gen, das im ent­schei­den­den Moment nicht flüssig ist, beru­higt vor allem auf dem Papier.

JUST / Während über Geld noch relativ offen gespro­chen wird, bleibt ein Bereich oft fast völlig tabu: die recht­li­che Vor­sor­ge. Herr Kro­pi­unig, warum?

MK / Wenn jemand geschäfts­un­fä­hig wird, geht es medi­zi­nisch und wirt­schaft­lich um Zeit. Nur wer eine Vor­sor­ge­voll­macht hat, ermög­licht es dem Bevoll­mäch­tig­ten, ohne büro­kra­ti­sche Hürden und ohne Zeit­ver­lust sofort zu reagie­ren. Abge­se­hen davon kann man mit einer Vor­sor­ge­voll­macht vorab bestim­men, wer einen ver­tre­ten soll und welche Kom­pe­ten­zen der Bevoll­mäch­ti­ge haben soll. In allen Fällen der Erwach­se­nen­ver­tre­tung ist dies so nicht der Fall. Wenn man schon wich­ti­ge Lebens­ent­schei­dun­gen einem anderen über­tra­gen muss, lohnt es sich auf jeden Fall, sich darüber recht­zei­tig Gedan­ken zu machen.

JUST / Das heißt: Nähe ersetzt keine Rechts­grund­la­ge.

MK / Exakt. Nähe ist mensch­lich rele­vant, recht­lich aber nicht immer aus­rei­chend. Auch im Erbrecht erleben wir regel­mä­ßig Über­ra­schun­gen. Stirbt jemand ohne Tes­ta­ment oder Erb­ver­trag, greift die gesetz­li­che Erb­fol­ge. Dann erbt der Ehe­part­ner ein Drittel, die Kinder zwei Drittel.
Gerade bei Immo­bi­li­en kann das hoch­pro­ble­ma­tisch werden, etwa wenn ein min­der­jäh­ri­ges Kind Mit­ei­gen­tü­mer wird. Dann ist bis zur Voll­jäh­rig­keit ohne gericht­li­che Zustim­mung oft kaum dis­po­nier­bar.

JUST / Beson­ders riskant für wen?

MK / Für junge Fami­li­en, Unter­neh­me­rin­nen und Unter­neh­mer und ganz beson­ders für Men­schen in Lebens­ge­mein­schaf­ten.
Denn jahr­zehn­te­lan­ges Zusam­men­le­ben schafft noch keinen auto­ma­ti­schen erb­recht­li­chen Schutz. Viele fallen hier tat­säch­lich zwi­schen die Sessel.
Und nein: Ein Tes­ta­ment oder eine Vor­sor­ge­voll­macht ist kein Aus­druck von Miss­trau­en. Im Gegen­teil, es ist oft der letzte Akt von Für­sor­ge gegen­über den eigenen Ange­hö­ri­gen.

JUST / Herr Sache­rer, wenn wir über Vor­sor­ge spre­chen, ist Gesund­heit wohl das Fun­da­ment und zugleich jener Bereich, den viele am liebs­ten mit einem guten Vorsatz ver­wech­seln.

MS / Dabei braucht Gesund­heits­vor­sor­ge vor allem Kon­ti­nui­tät – vom Lebens­stil bis zu den Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen. Im Unter­schied zur finan­zi­el­len Vor­sor­ge muss man sich viel kon­se­quen­ter um die Gesund­heit kümmern – hier kann man nichts „anspa­ren“ und sich dann darauf aus­ru­hen. Man muss dran­blei­ben. Wir haben aber mit den Haus­ärz­tin­nen und Haus­ärz­ten die idealen Partner – als erste Anlauf­stel­le bei Beschwer­den und ebenso für Vor­sor­ge.

JUST / Kann man mit Prä­ven­ti­on tat­säch­lich so viel steuern oder über­schät­zen wir ihren Ein­fluss manch­mal?

MS / Natür­lich hat Prä­ven­ti­on Grenzen. Was wir durch Vor­sor­ge allein nicht beein­flus­sen können, sind gene­ti­sche Ver­an­la­gun­gen, Umwelt­be­las­tun­gen oder Ein­flüs­se wie Infek­tio­nen. Aber Vor­sor­ge wirkt, sie ver­hin­dert Erkran­kun­gen – sodass auch im Gesund­heits­sys­tem weniger Geld für Repa­ra­tur­me­di­zin aus­ge­ge­ben werden muss. Außer­dem ist die Bevöl­ke­rung durch mehr gesunde Lebens­jah­re länger arbeits- und leis­tungs­fä­hig. Prä­ven­ti­on ist volks­wirt­schaft­lich güns­ti­ger als spätere The­ra­pien.

JUST / In Zeiten von Social Media, Selbst­dia­gno­se und Klick­me­di­zin: Wem soll man über­haupt noch glauben?

MS / Vor allem jenen, die fach­li­che Kom­pe­tenz mit per­sön­li­cher Bezie­hung ver­bin­den. An erster Stelle stehen dabei Haus­ärz­tin­nen und Haus­ärz­te sowie Fach­ärz­tin­nen und Fach­ärz­te. Dieses Ver­trau­en basiert auf medi­zi­ni­scher Exper­ti­se und lang­jäh­ri­ger Beglei­tung. Stich­wort soziale Medien – ein­fa­che Zugäng­lich­keit und emo­tio­na­le Anspra­che spielen hier eine große Rolle, aber nicht immer ver­bun­den mit wis­sen­schaft­li­cher Qua­li­tät. Mein Rat ist es, stark zu hin­ter­fra­gen und evi­denz­ba­sier­ten Infor­ma­tio­nen den Vorrang zu geben.

JUST / Wenn man all das zusam­men­nimmt – Geld, Gesund­heit, Recht, Lebens­ri­si­ken –, dann wirkt Vor­sor­ge plötz­lich weniger wie ein Produkt und mehr wie ein System. Was ist die größte Fehl­an­nah­me unserer Zeit?

SB / Dass Vor­sor­ge etwas für später sei. Dabei ent­schei­det sich finan­zi­el­le Frei­heit meist sehr früh.

OK / Dass hohes Ein­kom­men auto­ma­tisch Sicher­heit bedeu­tet. Ohne Struk­tur gibt es keine finan­zi­el­le Gesund­heit.

MK / Dass Familie im Ernst­fall „eh alles regeln“ kann. Ohne klare Voll­mach­ten kann selbst Nähe ohn­mäch­tig werden.

MS / Dass ein gesund­heits­be­wuss­ter Lebens­stil Ver­zicht bedeu­tet, dabei gewin­nen wir dadurch: mehr Energie, mehr Lebens­jah­re in guter Gesund­heit, mehr Unab­hän­gig­keit im Alter.

JUST / Dann zum Schluss ganz prak­tisch: Was ist der erste sinn­vol­le Schritt, den man noch diese Woche setzen kann?

SB / Sich ehrlich fragen: Wie viel private Vor­sor­ge habe ich tat­säch­lich und was fehlt noch?

OK / Einen rea­lis­ti­schen Über­blick schaf­fen: Ein­nah­men, Aus­ga­ben, Rück­la­gen, Liqui­di­tät. Klar­heit ist der Beginn jeder Stra­te­gie.

MK / Prüfen, ob Tes­ta­ment, Vor­sor­ge­voll­macht und Pati­en­ten­ver­fü­gung vor­han­den sind und ob sie noch zur aktu­el­len Lebens­si­tua­ti­on passen.

MS / Einen kon­kre­ten Termin für eine Vor­sor­ge­un­ter­su­chung ver­ein­ba­ren – und ihn auch wahr­neh­men.

JUST / Dann halten wir fest: Vor­sor­ge ist kein Aus­druck von Angst, sondern von Sou­ve­rä­ni­tät. Wer sie nur auf Pension oder Polizze redu­ziert, denkt in Pro­duk­ten statt in Lebens­rea­li­tät. Wirk­li­che Vor­sor­ge beginnt dort, wo Geld, Gesund­heit, Recht und Ver­ant­wor­tung ein­an­der die Hand geben. Oder, um es unro­man­tisch zu sagen: Das Leben bleibt unbe­re­chen­bar – aber man muss ihm ja nicht auch noch unvor­be­rei­tet ent­ge­gen­ge­hen.

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