Sirius Alexander Pansi|

Was uns anver­traut ist

Wir kommen in eine Welt, die ziemlich vollständig eingerichtet ist – und geben sie irgendwann weiter. Ein Essay über Würde, Freiheit, Erbe und das, was wir daraus machen.

Wir kommen in eine Welt, die ziem­lich voll­stän­dig ein­ge­rich­tet ist. Nicht immer nach unserem Geschmack. Manches würden wir anders möblie­ren, einiges reno­vie­ren, und bei ein­zel­nen gesell­schaft­li­chen Kon­struk­tio­nen wäre noch inter­es­sant, wer sei­ner­zeit die Bau­ge­neh­mi­gung unter­schrie­ben hat.

Von Sirius Alex­an­der Pansi

Es ist schon erstaun­lich viel da: Land­schaf­ten und Städte, Sprache und Wissen, Unter­neh­men und Fami­li­en­ge­schich­ten, Regeln und Frei­hei­ten – und die recht ver­läss­li­che Aus­sicht, dass am Morgen wieder jemand einen Kaffee ver­kauft.

Wir über­neh­men all das. Zum Teil als Eigen­tü­mer, zum Teil als Nutz­nie­ßer, gele­gent­lich als Leid­tra­gen­de. Vor allem aber für eine begrenz­te Zeit.

Vieles, das uns nur auf Zeit gehört, können wir nutzen, gestal­ten, ver­meh­ren und genie­ßen. Ein Ver­mö­gen darf wachsen. Ein Unter­neh­men darf erfolg­reich sein. Ein Mensch darf Freude am Leben haben und sich gele­gent­lich etwas leisten, das nicht in die Kate­go­rie Grund­ver­sor­gung fällt. Die Zivi­li­sa­ti­on wäre recht über­sicht­lich geblie­ben, hätten wir uns stets auf das Not­wen­di­ge beschränkt. Kein Konzert und kaum eine zweite Flasche Wein hätten diese Prüfung bestan­den.

Das Heute zu genie­ßen und an morgen zu denken, sind keine Gegen­sät­ze.

Wir kennen ver­mut­lich beides: die Freude, etwas erreicht zu haben, und die leise Ahnung, dass wir dabei nicht ganz allein waren. Erfolg ent­steht selten im luft­lee­ren Raum. Da waren Men­schen, die uns geför­dert, gefor­dert oder wider­spro­chen haben. Da waren Schulen, Straßen, Rechts­staat, Kunden, Mit­ar­bei­ter, Partner – und das Glück, zur rich­ti­gen Zeit am rich­ti­gen Ort gewesen zu sein.

Dank­bar­keit muss deshalb nicht mit Räu­cher­stäb­chen, Klang­scha­le und Son­nen­auf­gang begin­nen. Es reicht, sich daran zu erin­nern, dass nicht alles, was uns trägt, aus­schließ­lich unser eigenes Werk ist. Das macht die Leis­tung nicht kleiner. Es macht nur den Blick weiter.

Würde und Frei­heit

Unsere euro­päi­sche Idee speist sich aus christ­li­cher Nächs­ten­lie­be, huma­nis­ti­scher Men­schen­wür­de, Rechts­staat und indi­vi­du­el­ler Frei­heit. Im Alltag beginnt sie unspek­ta­ku­lär: im Umgang mit Schwä­che­ren, im Respekt vor der Frei­heit des anderen und in der Bereit­schaft, Ver­ant­wor­tung nicht immer beim Nach­barn zu suchen.

Eine offene Gesell­schaft darf gast­freund­lich sein, ohne sich selbst zu ver­ges­sen. Wer jeman­den auf­nimmt, schul­det ihm Respekt und Würde. Wer auf­ge­nom­men wird, begeg­net dem Haus und seinen Regeln mit der­sel­ben Achtung. Respekt zeigt sich ohnehin weniger in Worten als darin, wie man mit­ein­an­der lebt.

Auch die freie Markt­wirt­schaft gehört dazu. Sie gibt Men­schen die Mög­lich­keit, mit Ideen, Mut und Arbeit vor­an­zu­kom­men. Ihre Stärke liegt im Wett­be­werb. Dabei die Ell­bo­gen ein­zu­zie­hen, bedeu­tet nicht, sich kleiner zu machen. Es schafft nur den Platz, die Arme zu öffnen.

Schwie­ri­ger wird es, wenn einige wenige Unter­neh­men so groß werden, dass aus Auswahl Bequem­lich­keit und aus Bequem­lich­keit Abhän­gig­keit wird. Wir bekla­gen ihre Macht gern auf ihren eigenen Platt­for­men und bestel­len anschlie­ßend noch rasch etwas für morgen. Kon­se­quenz gehört bekannt­lich nicht zu den zuver­läs­sigs­ten mensch­li­chen Tugen­den.

Die Antwort kann schwer­lich darin liegen, Erfolg zu ver­däch­ti­gen. Eine freie Wirt­schaft braucht erfolg­rei­che Unter­neh­men – und ebenso die Frei­heit, ihnen zu wider­spre­chen, sie zu ver­las­sen und durch bessere zu erset­zen. Und für Regeln zu sorgen, die fairen Wett­be­werb gewähr­leis­ten.

Vom Geben und Los­las­sen

Beson­ders sicht­bar wird das Anver­trau­te dort, wo Gene­ra­tio­nen ein­an­der begeg­nen. Dabei geht es nur zum klei­ne­ren Teil um Konten, Immo­bi­li­en oder Gesell­schafts­an­tei­le. Wei­ter­ge­ge­ben werden auch Wissen, Bildung und Erfah­rung. Zugänge, die uns einmal eröff­net wurden und die wir nicht hinter uns wieder ver­schlie­ßen.

Eine Posi­ti­on, die wir so aus­fül­len, dass nach uns jemand anschlie­ßen kann. Und jenes kul­tu­rel­le Kapital, das in keiner Bilanz auf­scheint: Sprache, Neugier, Geschmack, Umgangs­for­men und die Fähig­keit, in einem Buch, einem Konzert oder einem Gespräch mehr zu erken­nen als bloßen Zeit­ver­treib.

Kinder, Partner, Mit­ar­bei­ter, Schüler oder Nach­fol­ger beob­ach­ten genauer, als uns manch­mal lieb ist. Sie sehen, wie wir über Men­schen spre­chen, die uns gerade nicht nützen. Ob wir Wissen teilen oder als kleinen per­sön­li­chen Herr­schafts­vor­sprung bewah­ren. Ob wir Erfolg auch anderen gönnen. Und ob wir jene Frei­heit, die wir für uns bean­spru­chen, ebenso selbst­ver­ständ­lich anderen zuge­ste­hen.

Vor­bild­wir­kung ist eine aus­ge­zeich­ne­te Form der Erzie­hung. Leider hat sie den kleinen Nach­teil, dass sie bei einem selbst beginnt.

Nicht alles, was wir über­neh­men, ver­dient es, unver­än­dert erhal­ten zu bleiben. Jede Gene­ra­ti­on darf neu denken, ver­bes­sern, ver­wer­fen und begin­nen. Das Anver­trau­te ist kein Museum. Es soll benutzt, ent­wi­ckelt und mit dem eigenen Leben ver­bun­den werden.

Dies gilt auch für uns selbst

Körper, Geist und Freude am Leben sind nicht dazu bestimmt, mög­lichst unbe­rührt zurück­ge­ge­ben zu werden. Wir sollen leben, wachsen, genie­ßen, schei­tern und neu anfan­gen. Ein Leben, das nur aus Vor­sicht besteht, wäre eine recht trau­ri­ge Form der Ver­schwen­dung.

Wir dürfen also umbauen, ergän­zen, manches bewah­ren und anderes hin­aus­wer­fen. Viel­leicht ein paar Türen öffnen, die vorher ver­schlos­sen waren. Was wir dabei für zeitlos halten, könnte sich für die Nächs­ten erstaun­lich schnell als sehr zeit­ge­bun­den erwei­sen. Irgend­wann geben wir den Schlüs­sel ab. Dass die Nächs­ten unsere Ein­rich­tung für end­gül­tig halten, wäre eine ziem­lich opti­mis­ti­sche Annahme.

Am Ende wird ohnehin erstaun­lich vieles ver­teilt, bewer­tet und ver­steu­ert. Schön wäre, wenn auch etwas übrig bliebe, für das sich weder Finanz­amt noch Notar inter­es­sie­ren.

Die Geschich­te zu unserem Cover

Nicht alles, was uns anver­traut wird, passt auf den ersten Blick zusam­men. Einiges ist groß, anderes klein. Manches wert­voll, manches schräg. Und vieles haben wir uns nicht aus­ge­sucht. Aber für eine gewisse Zeit liegt es bei uns. Wir können es bewah­ren, ver­än­dern, neu zusam­men­set­zen – und etwas Eigenes daraus machen.

Porträt des Künstlers Paul Landerl mit Brille vor Bildern
Paul Landerl gestal­te­te das Cover von JUST Nº 46. Foto: Paul Landerl

Paul Landerl, 1969 in Wien geboren, ist Foto­graf, Maler, Gra­fi­ker und Mixed-Media-Künst­ler. Seine Arbei­ten ver­bin­den Foto­gra­fie, Grafik und Malerei – oft über­ra­schend, humor­voll und bewusst schräg. Vor­ge­fun­de­nes wird neu kom­bi­niert und bekommt eine andere Bedeu­tung. Genau darin liegt die Ver­bin­dung zu „Anver­traut auf Zeit“: Ent­schei­dend ist, was wir aus dem machen, was uns gegeben ist.

Dieser Essay erschien in JUST Nº 46, Oktober 2026.

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