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Por­de­none: Die Kunst des zweiten Blicks

Italiens Kulturhauptstadt 2027 setzt auf Renaissancekunst, Comics und urbane Bilder – und auf einen kargen Boden, der im Glas zum Vorteil wird.

Kul­tur­haupt­stadt Ita­li­ens 2027. „Por­de­none, eine Stadt, die über­rascht“ – der Slogan klingt nach Under­state­ment mit Kalkül. Die Stadt im Westen Friaul-Julisch Vene­ti­ens, nicht weit von den Fri­au­li­schen Dolo­mi­ten und der Adria­küs­te, setzt 2027 auf Renais­sance­kunst, Comics und urbane Bilder. Einiges davon wurde pünkt­lich zum Termin neu geschaf­fen, vieles war schon längst da. Man musste nur genauer hin­se­hen.

Von Sandro Ceroni

Por­de­none gehört zu jenen Städten, an denen man vor­bei­fah­ren könnte, ohne das Gefühl zu haben, etwas Ent­schei­den­des ver­säumt zu haben. Eine Auto­bahn­aus­fahrt ver­weist auf eine Stadt, die ihren kul­tu­rel­len Ehrgeiz bislang nicht an die große Glocke gehängt hat.

„Por­de­none, eine Stadt, die über­rascht“ lautete fol­ge­rich­tig der Slogan, mit dem sie sich um den Titel der Ita­lie­ni­schen Kul­tur­haupt­stadt 2027 bewarb. Das Ver­spre­chen funk­tio­niert, weil es mit einer über­schau­ba­ren Erwar­tung spielt. Por­de­none war lange vor allem als Indus­trie­stadt bekannt. Nun soll ein Pro­gramm mit mehr als fünfzig kul­tu­rel­len, ter­ri­to­ria­len und päd­ago­gi­schen Initia­ti­ven sicht­bar machen, wie viel Kunst und kul­tu­rel­les Leben hier bereits vor­han­den sind.

Eine bemalte Stadt

Der erste Hinweis darauf liegt mitten im his­to­ri­schen Zentrum. Der Corso Vitto­rio Ema­nue­le II führt unter langen Arkaden an Palazzi vorbei, deren Fas­sa­den mit Fresken geschmückt sind. Am Ende behaup­tet sich das goti­sche Rathaus mit Loggia und Uhrturm mit jener Selbst­ver­ständ­lich­keit, die ita­lie­ni­sche Städte gern besit­zen, ohne sie eigens erklä­ren zu müssen.

Gotisches Rathaus mit Loggia und Uhrturm am Ende des Corso in Pordenone - Pordenone Kulturhauptstadt 2027
Das goti­sche Rathaus mit Loggia

Mit Gio­van­ni Antonio de’ Sacchis, genannt Il Por­de­none, trug einer ihrer bedeu­tends­ten Söhne den Namen der Stadt weit über Friaul hinaus. Seine Werke sind im Dom San Marco und im Museo Civico d’Arte zu sehen. Il Por­de­none zählt zu den prä­gen­den Malern des Cin­que­cen­to; beein­flusst von der vene­zia­ni­schen Renais­sance, ent­wi­ckel­te er eine kraft­vol­le, unver­kenn­ba­re Bild­spra­che. Auch das passt zur Stadt: Bedeu­tung und Berühmt­heit sind hier nicht immer das­sel­be.

Palazzo Ricchieri, Markusturm und Rathaus-Loggia unter blauem Himmel - Pordenone Kulturhauptstadt 2027
Palazzo Ric­chie­ri (links), Mar­kus­turm (im Hin­ter­grund) und die Rathaus-Loggia (rechts)

Einige Straßen weiter wech­selt Por­de­none die Tonlage. Murals haben ehemals graue Wände in eine lose Galerie unter freiem Himmel ver­wan­delt. Ein weißer Gorilla von Davide Toffolo, riesige Bienen von Giulio Masieri und ein Van Gogh in Writer-Manier von Giu­sep­pe Vene­zia­no führen vor, dass die bemalte Stadt nicht aus­schließ­lich in der Renais­sance lebt.

Großes Wandbild einer Frau an einer Hausfassade neben einem modernen Gebäude - Pordenone Kulturhauptstadt 2027
Urbane Kunst: Murals ver­wan­deln graue Wände in eine Galerie unter freiem Himmel

Die ernste Seite des Comics

Beson­ders eigen­stän­dig ist der Palazzo del Fumetto, Por­de­non­es Museum für Comic-Kunst. Ori­gi­nal­zeich­nun­gen, per­ma­nen­te Prä­sen­ta­tio­nen und wech­seln­de Aus­stel­lun­gen widmen sich den unter­schied­li­chen Spra­chen des gezeich­ne­ten Erzäh­lens – vom klas­si­schen Comic bis zu Manga und Graphic Novels. Ins­ge­samt mehr als 200 Ori­gi­nal­zeich­nun­gen und 1.500 his­to­ri­sche Publi­ka­tio­nen und Objekte stammen aus Erwer­bun­gen, Schen­kun­gen und Leih­ga­ben aus aller Welt. Zu den wert­volls­ten Expo­na­ten zählen ein Strip von Charles Schulz aus den „Peanuts“, zwei Ori­gi­nal­zeich­nun­gen von Will Eisner sowie eine Zeich­nung von George McManus.

Ausstellungsraum mit großformatigen Comic-Figuren an der Wand - Pordenone Kulturhauptstadt 2027
Museo del Fumetto (Museum für Comic-Kunst)

Por­de­none behan­delt das gezeich­ne­te Bild damit nicht als freund­li­che Neben­sa­che für ver­reg­ne­te Nach­mit­ta­ge, sondern als eigen­stän­di­ge Kunst- und Erzähl­form. Dass aus­ge­rech­net eine ehe­ma­li­ge Indus­trie­stadt dem Comic ein eigenes Haus widmet, gehört zu jenen Wen­dun­gen, die Kul­tur­pro­gram­me sonst gern mühsam erfin­den.

Vitrine mit Comic-Seiten im Palazzo del Fumetto - Pordenone Kulturhauptstadt 2027
Museum im Palazzo del Fumetto

Ein Kalen­der, der nicht bei null beginnt

Das­sel­be gilt für den Ver­an­stal­tungs­ka­len­der. Das Lite­ra­tur­fes­ti­val por­de­non­el­eg­ge bringt seit Jahren Autorin­nen und Autoren in die Stadt; die Gior­na­te del Cinema Muto zählen inter­na­tio­nal zu den festen Ter­mi­nen des Stumm­films. Das Kul­tur­haupt­stadt­jahr setzt also nicht bei null an. Es ver­dich­tet, ver­bin­det und rückt ins Licht, was Por­de­none längst besitzt.

Schmale Altstadtgasse mit Blumen und Arkaden - Pordenone Kulturhauptstadt 2027
Unter­wegs in der Alt­stadt

Der eigent­li­che Erfolg wird sich dennoch nicht allein an der Zahl der Ver­an­stal­tun­gen messen lassen. Ent­schei­dend ist, was nach dem Fest­jahr bleibt: neue kul­tu­rel­le Räume, stär­ke­re Ver­bin­dun­gen inner­halb der Stadt und die Bereit­schaft, Por­de­none wei­ter­hin einen zweiten Blick zu schen­ken.

Der Slogan ver­spricht eine Über­ra­schung. Die größere könnte sein, wie wenig dafür neu erfun­den werden musste.

Karger Boden, klarer Geschmack

Rund um Por­de­none beginnt eine Land­schaft, die ihre Vorzüge nicht sofort aus­stellt. Die Magredi tragen ihre Karg­heit bereits im Namen: magere, von alpinen Flüssen geform­te Böden aus Kies und Schot­ter. Im Sommer wirkt die Ebene tro­cke­ner als das übrige Friaul. Was der Land­schaft eine beinahe spröde Erschei­nung gibt, wird im Wein zum Vorteil.

Luftaufnahme kreisförmig angelegter Rebzeilen um einen Baum
Wein- und Genuss­stra­ße Friaul-Julisch Vene­ti­ens – Weingut I Magredi

Die von Kies und Steinen gepräg­ten Böden der DOC Friuli Grave reflek­tie­ren tags­über das Licht, spei­chern Wärme und geben sie in der Nacht wieder ab. Pinot Grigio und Friu­la­no stehen für die helle, klare Seite des Gebiets. Merlot, Caber­net Sau­vi­gnon und der auto­chtho­ne Refosco dal Pedun­co­lo Rosso geben den Rot­wei­nen Struk­tur. Es sind Weine, die weniger von großer Insze­nie­rung als von Boden, Reb­sor­te und einem ver­läss­li­chen Ver­hält­nis zum rich­ti­gen Maß leben.

Auch die Küche der Region hat ihre stärks­ten Argu­men­te nicht für den schnel­len Export erfun­den. Die Pitina IGP, eine geräu­cher­te Fleisch­spe­zia­li­tät aus der Val Tra­mon­ti­na, ent­stand einst aus der Not­wen­dig­keit, Fleisch haltbar zu machen. Die Cipolla Rossa di Cavasso Nuovo (Slow-Food-Pre­si­dio) besitzt eine auf­fal­lend milde Süße; die Geschich­te des dunklen Figo­Mo­ro aus Caneva lässt sich bis ins Jahr 1139 zurück­ver­fol­gen.

Teller mit Polenta und Scheiben der geräucherten Pitina
Pitina mit Polenta

Zum Espres­so gehört schließ­lich der Bis­cot­to di Por­de­none der Pas­tic­ce­ria Mon­te­rea­le: Mais- und Wei­zen­mehl, Mandeln, Butter, etwas Grappa und grobes Salz. Mehr braucht dieses Gebäck nicht, um die Gegend in einem Bissen zusam­men­zu­fas­sen.

Schale mit Biscotti di Pordenone zwischen Backformen
Bis­cot­to di Por­de­none

Die Wein­gas­tro­no­mie rund um Por­de­none sucht selten die große Geste. Sie ver­lässt sich lieber auf einen kargen Boden, gute Pro­duk­te und die Erfah­rung, dass Geschmack nicht lauter wird, nur weil man ihn aus­führ­li­cher erklärt.

Por­de­none auf einen Blick

  • Lage: Westen Friaul-Julisch Vene­ti­ens, zwi­schen Fri­au­li­schen Dolo­mi­ten und Adria
  • 2027: Ita­lie­ni­sche Kul­tur­haupt­stadt, mehr als 50 kul­tu­rel­le, ter­ri­to­ria­le und päd­ago­gi­sche Initia­ti­ven
  • Sehens­wert: Corso Vitto­rio Ema­nue­le II, Rathaus mit Loggia, Dom San Marco, Museo Civico d’Arte, Palazzo del Fumetto, Murals
  • Fes­ti­vals: por­de­non­el­eg­ge (Lite­ra­tur), Gior­na­te del Cinema Muto (Stumm­film)
  • Genuss: DOC Friuli Grave, Pitina IGP, Cipolla Rossa di Cavasso Nuovo, Figo­Mo­ro da Caneva, Bis­cot­to di Por­de­none
  • Tipp: Die FVGcard bietet freien oder ermä­ßig­ten Ein­tritt zu vielen Museen, Schlös­sern, Füh­run­gen und Attrak­tio­nen der Region.
  • Mehr Infos: Por­de­none bei Pro­mo­Tu­ris­moFVG · Guided Tours

Mehr Friaul bei JUST

Fotos: Marko Blazic, Lili Bašić, Petr Blaha, Pansi, Günter Standl. Dieser Beitrag erschien in JUST Nº 46, Oktober 2026.

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