JUST / Herr Dr. Kropiunig, wird es Rechtsanwälte in 20 Jahren noch geben oder gibt es dann nur mehr Hochleistungsrechner, die vor Gericht vertreten und argumentieren?
Michael Kropiunig / Davor, dass es in 20 Jahren oder auch später keine Rechtsanwälte mehr geben wird, fürchte ich mich nicht. Unser Beruf ist nicht nur von Wissen über Rechtsfragen, sondern auch davon geprägt, dass wir die Emotionen unserer Mandanten einschätzen und mit diesen umgehen können müssen. Ob ein Mandant vor Gericht die Nerven bewahrt oder sich aus Nervosität in Widersprüche verstrickt, kann künstliche Intelligenz nicht erkennen. Dafür braucht es Erfahrung, Menschenkenntnis und Fingerspitzengefühl.
JUST / Aber hat die künstliche Intelligenz nicht auch schon die Branche der Rechtsanwälte revolutioniert?
MK / Natürlich ist dies der Fall, diese Revolution wird auch in kürzester Zeit immer mehr zunehmen. Es gibt schon Softwarelösungen, die Sachverhalte, die man eingibt, juristisch beurteilen können und Lösungen dazu vorschlägt. Die Tätigkeit im Sekretariat wird durch Spracherkennungssysteme revolutioniert, die nicht nur in der Lage sind, Diktate selbst zu schreiben, sondern bei unverständlichen Sätzen durch KI eigenständig Formulierungsvorschläge anbieten. Und auch das Studium von Unterlagen und Dokumenten kann durch den Einsatz von KI zeiteffizienter erfolgen, indem diese eine Zusammenfassung erarbeitet.
JUST / Warum soll man dann überhaupt noch einen Rechtsanwalt aufsuchen, wenn man ein Rechtsproblem hat?
MK / Weil KI-Systeme nur so gut sind, wie gut man die Fragestellung eingibt und somit richtig promptet. Wir sehen in unserer Beratung oft, dass unsere Mandanten zwar ihr Problem faktisch gut darstellen können, aber gar nicht wissen, in welchen Bereichen das rechtlich problematisch werden könnte. Wenn ich der KI aber keine richtige Frage stellen kann, werde ich auch keine richtige Antwort bekommen. Und eine halluzinierende KI kann man auch nur mit entsprechendem Fachwissen und Ausbildung erkennen. Zusammengefasst: Verlässt sich jemand bei der Lösung eines Rechtsproblems nur auf die KI, freut sich zwar auch ein Rechtsanwalt – das ist dann aber der des Gegners.
JUST / Wenn man an die Core Values der Rechtsanwälte denkt – wo sehen Sie KI kritisch?
MK / Das ist sicher unsere Verschwiegenheitsverpflichtung über das, was uns von unseren Mandanten anvertraut wird. Das Eingeben von Inhalten, die den Mandanten identifizieren könnten, in offene KI-Systeme, die mit diesen Daten lernen, ist standesrechtlich unzulässig. Demensprechend sehen unsere Richtlinien für die Berufsausübung auch vor, dass Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte nur mit KI-Anbietern zusammenarbeiten dürfen, die sich zur Einhaltung der berufsrechtlichen Vorschriften der Rechtsanwälte und der datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen verpflichten.




