Sirius Alex­an­der Pansi|

Die Maschi­ne darf viel können. Aber sie sollte nicht das letzte Wort haben.

Über digitalen Humanismus, Fortschritt und die angenehme Idee, den Menschen nicht ganz zu vergessen.

Er kommt selten leise und noch sel­te­ner beschei­den. Er betritt den Raum in Turn­schu­hen, erklärt die Welt für dis­rup­tiv und hält alles für defi­zi­tär, was sich nicht in Echt­zeit opti­mie­ren lässt. Lang­sam­keit gilt inzwi­schen beinahe als Cha­rak­ter­schwä­che. Wer noch nach­denkt, steht bereits im Ver­dacht, das Update ver­passt zu haben.

Bei künst­li­cher Intel­li­genz gilt das in beson­de­rem Maß. Was einst durch mensch­li­che Urteils­kraft – und damit nie ganz frei von Vor­ur­tei­len – ent­schie­den wurde, ent­schei­det nun mit beein­dru­cken­der Rechen­leis­tung und bemer­kens­wer­ter Selbst­ge­wiss­heit ein Algo­rith­mus. Das zen­tra­le Miss­ver­ständ­nis dabei: Algo­rith­men seien neutral. Tat­säch­lich über­neh­men sie die Vor­an­nah­men ihrer Ent­wick­ler und die Ver­zer­run­gen ihrer Trai­nings­da­ten.

Wer aus Ver­gan­gen­heits­da­ten lernt, schreibt deren Vor­ur­tei­le fort – nur effi­zi­en­ter, kon­sis­ten­ter und damit schwe­rer erkenn­bar. Und wo kom­mer­zi­el­le Inter­es­sen wirken, opti­mie­ren Systeme nicht auf Wahr­heit, sondern auf Klicks, Ver­weil­dau­er und Kon­ver­si­ons­ra­ten. Der Mensch klickt heute häu­fi­ger auf „Ich stimme zu“, als ihm lieb sein kann – meist ohne genau zu wissen, worin seine Zustim­mung eigent­lich besteht.

Unter dem Anschein von Objek­ti­vi­tät ent­steht so eine hoch­wirk­sa­me, aber nicht wert­freie Ent­schei­dungs­lo­gik. Die ent­schei­den­de Frage lautet daher nicht, ob Algo­rith­men urtei­len, sondern nach welchen impli­zi­ten Maß­stä­ben – und wie sich so etwas wie Skrupel über­haupt in Code über­set­zen ließe.

Nun wären wir schlecht beraten, daraus eine miss­traui­sche Abwehr­be­we­gung gegen Wis­sen­schaft und Technik zu machen. Die digi­ta­le Revo­lu­ti­on hat Dia­gnos­tik ver­bes­sert, Pro­zes­se beschleu­nigt und Wissen zugäng­lich gemacht – das steht außer Frage. Nur: Ein Groß­teil der digi­ta­len Eupho­rie erfüllt aus­ge­rech­net jene Maß­stä­be nicht, die Wis­sen­schaft selbst ein­for­dert – Trans­pa­renz, Nach­voll­zieh­bar­keit und sys­te­ma­ti­schen Zweifel. Dort, wo am lau­tes­ten von Dis­rup­ti­on die Rede ist, wird am sel­tens­ten sys­te­ma­tisch gezwei­felt.

Erstaun­li­cher­wei­se ver­trau­en wir jenen Sys­te­men am meisten, deren Funk­ti­ons­wei­se wir unge­fähr so gut ver­ste­hen wie die Nut­zungs­be­din­gun­gen eines Toas­ters – wobei der Toaster wenigs­tens nicht unsere poli­ti­sche Meinung formt.

Viel­leicht lässt sich digi­ta­ler Huma­nis­mus am ein­fachs­ten so beschrei­ben: als der höf­li­che Hinweis, dass Technik Mittel bleiben sollte – und der Mensch nicht ver­se­hent­lich zur Rand­no­tiz wird. Digi­ta­ler Huma­nis­mus ist kein Rückzug. Eher eine essen­zi­el­le Form von zivi­li­sier­ter Selbst­be­haup­tung.

Denn die inter­es­san­te­re Frage lautet nicht, ob Tech­no­lo­gie leis­tungs­fä­hig ist – das ist sie zwei­fel­los. Sondern: Macht uns Tech­no­lo­gie freier oder nur funk­tio­na­ler? Funk­tio­na­li­tät misst Abläufe. Frei­heit stellt unbe­que­me­re Fragen. Man kann Men­schen perfekt in Systeme ein­pas­sen und sie dabei erstaun­lich elegant ent­mün­di­gen. Der moderne Mensch soll agil, daten­ba­siert und stö­rungs­frei funk­tio­nie­ren. Früher nannte man so etwas Maschi­ne.

Ein Navi­ga­ti­ons­sys­tem, das präzise in die Sack­gas­se führt, erin­nert daran, dass Rechen­leis­tung noch keine Ori­en­tie­rung garan­tiert. Das Problem ist selten die Maschi­ne. Sondern die Ordnung, in der sie wirkt.

In digi­ta­len Märkten wird künftig nicht nur Geschwin­dig­keit zählen, sondern Ver­trau­en – inzwi­schen kein sen­ti­men­ta­ler Begriff mehr, sondern ein hand­fes­ter Wett­be­werbs­vor­teil. Wer Ent­schei­dun­gen trans­pa­rent macht und Ver­ant­wor­tung klärt, schafft etwas, das in digi­ta­len Märkten sel­te­ner werden könnte als Daten: Glaub­wür­dig­keit. Hier könnte Europas Chance liegen. Nicht darin, jeden Hype zuerst zu erfin­den.

Die USA ska­lie­ren. China steuert. Europa könnte – mit etwas Glück und klarem poli­ti­schem und gesell­schaft­li­chem Willen – die Zumut­bar­keit defi­nie­ren: also jene Form tech­no­lo­gi­scher Ordnung, die Inno­va­ti­on ermög­licht, ohne den Men­schen zum bloßen Daten­punkt und Kon­su­men­ten zu degra­die­ren.

Wer haftet, wenn Systeme irren? Wer sagt Nein, wenn alles plau­si­bel klingt? Diese Fragen wird man schwer­lich allein dem Markt über­las­sen können. Der regelt vieles – aber eher selten das, was ihm nicht unmit­tel­bar ver­re­chen­bar erscheint.

Viel­leicht geht es am Ende genau darum: nicht weniger Fort­schritt, sondern besser erzo­ge­nen Fort­schritt. Die Maschi­ne darf viel können. Aber sie sollte nicht das letzte Wort haben.

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