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Ener­gie­ge­mein­schaf­ten: Wenn Nach­barn Strom aus­tau­schen

Den Boom bei Energiegemeinschaften in Österreich hat Joanneum Research unter die Lupe genommen. Die Analyse zeigt auf, was gut läuft, wo es hakt und was noch getan werden muss.

Wenn es um die Ener­gie­wen­de geht, ist Öster­reich in einem Punkt Vor­rei­ter: In keinem anderen Land der Euro­päi­schen Union gibt es annä­hernd so viele Ener­gie­ge­mein­schaf­ten. Mehr als 8.100 sind es hier­zu­lan­de, weiß Andreas Türk von Joan­ne­um Rese­arch. Er spricht von einem Boom und von Öster­reich als „Europas größtem Real­la­bor für Ener­gie­ge­mein­schaf­ten.“

AUF DEM WEG ZUR ENER­GIE­WEN­DE

Warum schlie­ßen sich gerade in der Alpen­re­pu­blik so viele Nach­ba­rin­nen und Nach­barn, Unter­neh­men oder Vereine zusam­men, um gemein­sam Strom zu erzeu­gen, zu teilen und zu nutzen? Einen der Gründe sieht Türk in der Gebäu­de­struk­tur: In Öster­reich gibt es viele Ein­fa­mi­li­en­häu­ser, die sich ideal für die Instal­la­ti­on von Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen eignen. Diese Häuser sind oft Eigen­tum der Bewoh­ner, die deshalb leich­ter bereit sind, in Solar­an­la­gen zu inves­tie­ren.

Grafik: Es gibt 8111 Energiegemeinschaften in Österreich, Stand August 2026
Es gibt 8.111 Ener­gie­ge­mein­schaf­ten in Öster­reich. (Stand: August 2026). Foto: Illu: JUST

In Städten mit vielen Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern, wie etwa in Wien, ent­ste­hen ent­spre­chend weniger Ener­gie­ge­mein­schaf­ten. Länd­lich gepräg­te Regio­nen wie Ober- und Nie­der­ös­ter­reich sind führend, die Stei­er­mark und Kärnten folgen im Ranking.

„In länd­lich gepräg­ten Regio­nen wie Nieder- und Ober­ös­ter­reich gibt es die meisten Ener­gie­ge­mein­schaf­ten.“

Andreas Türk

„Auch die Land­schaft spielt eine Rolle“, ana­ly­siert Türk. Topo­gra­phie und Netz­struk­tur beein­flus­sen, wie gut sich Strom lokal erzeu­gen und ver­brau­chen lässt. Zudem wurde in Öster­reich die Netz­ent­gelt­för­de­rung für Ener­gie­ge­mein­schaf­ten klar gere­gelt. So pro­fi­tie­ren lokale Gemein­schaf­ten, die ihren Strom im Nah­be­reich ver­brau­chen, von einer Reduk­ti­on der Netz­kos­ten von bis zu 57 Prozent. Das macht gemein­schaft­li­chen Strom beson­ders attrak­tiv. Und es gibt eine zen­tra­le Koor­di­na­ti­ons­stel­le, die umfas­send berät – eine Anlauf­stel­le, die andere Länder in dieser Form kaum zu bieten haben.

Österreich-Karten zur Entwicklung der Anzahl der Energiegemeinschaften (EEG) je Bundesland 2020, 2023 und 2025
Ent­wick­lung der Anzahl EEG je Bun­des­land, 2020–2025 (kumu­liert, auf Basis einer reprä­sen­ta­ti­ven Stich­pro­be). Foto: Grafik: Joan­ne­um Rese­arch

Neben güns­ti­ge­ren Kosten habe auch die Unter­stüt­zung durch ver­schie­de­ne Akteure das Wachs­tum beflü­gelt, sagt Türk. Er ver­weist auf Unter­neh­men, die ihre eigenen Tech­no­lo­gien ent­wi­ckelt haben und diese in Ener­gie­ge­mein­schaf­ten ein­brin­gen wollen, auf tra­di­tio­nel­le Ener­gie­kon­zer­ne mit Toch­ter­fir­men oder auf spe­zia­li­sier­te Start-ups und Vereine. Attrak­tiv sei das Modell zudem für Geld­in­sti­tu­te, die die Grün­dung und Finan­zie­rung von Ener­gie­ge­mein­schaf­ten fördern und gleich­zei­tig ihr grünes Port­fo­lio stärken können.

Trotz des Wachs­tums zeigen die Unter­su­chun­gen von Joan­ne­um Rese­arch, dass nicht alle Bevöl­ke­rungs­grup­pen glei­cher­ma­ßen betei­ligt sind. Men­schen mit nied­ri­gem Ein­kom­men oder gerin­gem Bil­dungs­grad sind oft unsi­cher und zögern, digi­ta­le Werk­zeu­ge zu nutzen oder das Risiko einer Umstel­lung zu tragen.

ENER­GIE­GE­MEIN­SCHAF­TEN: BILANZ NACH 5 JAHREN

„Fünf Jahre nach Ein­füh­rung der Ener­gie­ge­mein­schaf­ten stellt sich die Frage, ob sich die Erwar­tun­gen erfüllt haben“, sagt Türk und erklärt, warum der Eigen­ver­sor­gungs­grad viel­fach nur bei 30 bis 40 Prozent liegt: Viele Gemein­schaf­ten erzeu­gen Strom vor allem mit Pho­to­vol­ta­ik, die an son­ni­gen Tagen häufig mehr Strom pro­du­ziert, als sofort genutzt werden kann. Ohne eigene Spei­cher wird der über­schüs­si­ge Strom ins Netz ein­ge­speist, zu anderen Zeiten wird Strom aus dem Netz bezogen. „Das bedeu­tet, die Mit­glie­der sind wei­ter­hin vom Strom­markt abhän­gig. Die Strom­kos­ten­er­spar­nis ist daher oft eher moderat.“ Im Sommer komme es zudem immer wieder zu Über­las­tun­gen der Strom­net­ze, weil beson­ders viel Solar­strom ein­ge­speist wird. Wind- und Was­ser­kraft spielen bislang nur eine klei­ne­re Rolle und sind regio­nal begrenzt. „Die erhoff­te Ent­las­tung der Strom­net­ze hat sich bislang nicht merk­lich ein­ge­stellt“, lautet die Bilanz von Joan­ne­um Rese­arch.

„Die erhoff­te Ent­las­tung der Strom­net­ze hat sich bislang nicht merk­lich ein­ge­stellt.“

Andreas Türk

„Ange­sichts dieser Her­aus­for­de­run­gen sollte der Fokus weniger auf die weitere Aus­brei­tung als auf die Opti­mie­rung der bestehen­den Ener­gie­ge­mein­schaf­ten gelegt werden“, emp­fiehlt Türk. Das bedeute etwa die Zusam­men­le­gung kleiner Gruppen zu grö­ße­ren Clus­tern, die fle­xi­bler auf den Strom­markt reagie­ren und ihre Anlagen besser aus­nut­zen zu können.

NEUE GESETZ­LI­CHE REGE­LUN­GEN & NEUE ANREIZE

Neue gesetz­li­che Rege­lun­gen seit dem Vorjahr schaf­fen dafür Anreize, zum Bei­spiel durch dyna­mi­sche Netz­ent­gel­te, die die Netz­ent­las­tung fördern. Auch wird der Einsatz von Strom­spei­chern vor­an­ge­trie­ben. Neu sind auch direkte Strom­ver­käu­fe zwi­schen ein­zel­nen Akteu­ren, ohne dass eine formale Ener­gie­ge­mein­schaft nötig ist. Ebenso sind soge­nann­te Direkt­lei­tun­gen erlaubt, bei denen der Strom von einem Erzeu­ger direkt zu einem Ver­brau­cher fließt, ohne über das öffent­li­che Netz zu laufen. Beson­ders für Indus­trie­un­ter­neh­men, die einen Teil ihres Bedarfs aus erneu­er­ba­rer Energie decken wollen, sind diese Modelle inter­es­sant.

„Diese Neue­run­gen könnten die Rolle der bis­he­ri­gen Ener­gie­ge­mein­schaf­ten ver­än­dern, indem sie den Strom­aus­tausch in Öster­reich fle­xi­bler und viel­fäl­ti­ger machen“, ist Türk über­zeugt. „Um aus dem öster­rei­chi­schen Real­la­bor ein effi­zi­ent funk­tio­nie­ren­des und kos­ten­güns­ti­ges Ener­gie­sys­tem zu ent­wi­ckeln, braucht es jedoch eine klare Vision, welche Rolle Ener­gie­ge­mein­schaf­ten und andere Akteure künftig spielen sollen.“

  • 90 % aller Ener­gie­ge­mein­schaf­ten erzeu­gen Energie aus­schließ­lich mit Pho­to­vol­ta­ik
  • Der Ver­brauch von Strom im Nah­be­reich kann die Netz­kos­ten bis zu 57 % redu­zie­ren

short & sweet

Die gesetz­li­che Grund­la­ge für Ener­gie­ge­mein­schaf­ten wurde in Öster­reich 2021 geschaf­fen. Zusätz­lich wurde die Grün­dung staat­lich geför­dert, neben Sub­ven­tio­nen für Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen. Hoff­nung war eine Ent­las­tung der höher gela­ger­ten Netz­ebe­nen.


Andreas Türk ist Senior Rese­ar­cher und Leiter der For­schungs­grup­pe „Inter­na­tio­na­le Kli­ma­po­li­tik und Öko­no­mik“ am Insti­tut LIFE (Insti­tut für Klima, Ener­gie­sys­te­me und Gesell­schaft) der JOAN­NE­UM RESE­ARCH.

www.joanneum.at

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Fotos: Magni­fic, Illu: JUST, Grafik: Joan­ne­um Rese­arch. Dieser Beitrag erschien in JUST Nº 46, Oktober 2026.

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