Wenn es um die Energiewende geht, ist Österreich in einem Punkt Vorreiter: In keinem anderen Land der Europäischen Union gibt es annähernd so viele Energiegemeinschaften. Mehr als 8.100 sind es hierzulande, weiß Andreas Türk von Joanneum Research. Er spricht von einem Boom und von Österreich als „Europas größtem Reallabor für Energiegemeinschaften.“
AUF DEM WEG ZUR ENERGIEWENDE
Warum schließen sich gerade in der Alpenrepublik so viele Nachbarinnen und Nachbarn, Unternehmen oder Vereine zusammen, um gemeinsam Strom zu erzeugen, zu teilen und zu nutzen? Einen der Gründe sieht Türk in der Gebäudestruktur: In Österreich gibt es viele Einfamilienhäuser, die sich ideal für die Installation von Photovoltaikanlagen eignen. Diese Häuser sind oft Eigentum der Bewohner, die deshalb leichter bereit sind, in Solaranlagen zu investieren.

In Städten mit vielen Mehrfamilienhäusern, wie etwa in Wien, entstehen entsprechend weniger Energiegemeinschaften. Ländlich geprägte Regionen wie Ober- und Niederösterreich sind führend, die Steiermark und Kärnten folgen im Ranking.
„In ländlich geprägten Regionen wie Nieder- und Oberösterreich gibt es die meisten Energiegemeinschaften.“
Andreas Türk
„Auch die Landschaft spielt eine Rolle“, analysiert Türk. Topographie und Netzstruktur beeinflussen, wie gut sich Strom lokal erzeugen und verbrauchen lässt. Zudem wurde in Österreich die Netzentgeltförderung für Energiegemeinschaften klar geregelt. So profitieren lokale Gemeinschaften, die ihren Strom im Nahbereich verbrauchen, von einer Reduktion der Netzkosten von bis zu 57 Prozent. Das macht gemeinschaftlichen Strom besonders attraktiv. Und es gibt eine zentrale Koordinationsstelle, die umfassend berät – eine Anlaufstelle, die andere Länder in dieser Form kaum zu bieten haben.

Neben günstigeren Kosten habe auch die Unterstützung durch verschiedene Akteure das Wachstum beflügelt, sagt Türk. Er verweist auf Unternehmen, die ihre eigenen Technologien entwickelt haben und diese in Energiegemeinschaften einbringen wollen, auf traditionelle Energiekonzerne mit Tochterfirmen oder auf spezialisierte Start-ups und Vereine. Attraktiv sei das Modell zudem für Geldinstitute, die die Gründung und Finanzierung von Energiegemeinschaften fördern und gleichzeitig ihr grünes Portfolio stärken können.
Trotz des Wachstums zeigen die Untersuchungen von Joanneum Research, dass nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen beteiligt sind. Menschen mit niedrigem Einkommen oder geringem Bildungsgrad sind oft unsicher und zögern, digitale Werkzeuge zu nutzen oder das Risiko einer Umstellung zu tragen.
ENERGIEGEMEINSCHAFTEN: BILANZ NACH 5 JAHREN
„Fünf Jahre nach Einführung der Energiegemeinschaften stellt sich die Frage, ob sich die Erwartungen erfüllt haben“, sagt Türk und erklärt, warum der Eigenversorgungsgrad vielfach nur bei 30 bis 40 Prozent liegt: Viele Gemeinschaften erzeugen Strom vor allem mit Photovoltaik, die an sonnigen Tagen häufig mehr Strom produziert, als sofort genutzt werden kann. Ohne eigene Speicher wird der überschüssige Strom ins Netz eingespeist, zu anderen Zeiten wird Strom aus dem Netz bezogen. „Das bedeutet, die Mitglieder sind weiterhin vom Strommarkt abhängig. Die Stromkostenersparnis ist daher oft eher moderat.“ Im Sommer komme es zudem immer wieder zu Überlastungen der Stromnetze, weil besonders viel Solarstrom eingespeist wird. Wind- und Wasserkraft spielen bislang nur eine kleinere Rolle und sind regional begrenzt. „Die erhoffte Entlastung der Stromnetze hat sich bislang nicht merklich eingestellt“, lautet die Bilanz von Joanneum Research.
„Die erhoffte Entlastung der Stromnetze hat sich bislang nicht merklich eingestellt.“
Andreas Türk
„Angesichts dieser Herausforderungen sollte der Fokus weniger auf die weitere Ausbreitung als auf die Optimierung der bestehenden Energiegemeinschaften gelegt werden“, empfiehlt Türk. Das bedeute etwa die Zusammenlegung kleiner Gruppen zu größeren Clustern, die flexibler auf den Strommarkt reagieren und ihre Anlagen besser ausnutzen zu können.
NEUE GESETZLICHE REGELUNGEN & NEUE ANREIZE
Neue gesetzliche Regelungen seit dem Vorjahr schaffen dafür Anreize, zum Beispiel durch dynamische Netzentgelte, die die Netzentlastung fördern. Auch wird der Einsatz von Stromspeichern vorangetrieben. Neu sind auch direkte Stromverkäufe zwischen einzelnen Akteuren, ohne dass eine formale Energiegemeinschaft nötig ist. Ebenso sind sogenannte Direktleitungen erlaubt, bei denen der Strom von einem Erzeuger direkt zu einem Verbraucher fließt, ohne über das öffentliche Netz zu laufen. Besonders für Industrieunternehmen, die einen Teil ihres Bedarfs aus erneuerbarer Energie decken wollen, sind diese Modelle interessant.
„Diese Neuerungen könnten die Rolle der bisherigen Energiegemeinschaften verändern, indem sie den Stromaustausch in Österreich flexibler und vielfältiger machen“, ist Türk überzeugt. „Um aus dem österreichischen Reallabor ein effizient funktionierendes und kostengünstiges Energiesystem zu entwickeln, braucht es jedoch eine klare Vision, welche Rolle Energiegemeinschaften und andere Akteure künftig spielen sollen.“
- 90 % aller Energiegemeinschaften erzeugen Energie ausschließlich mit Photovoltaik
- Der Verbrauch von Strom im Nahbereich kann die Netzkosten bis zu 57 % reduzieren
short & sweet
Die gesetzliche Grundlage für Energiegemeinschaften wurde in Österreich 2021 geschaffen. Zusätzlich wurde die Gründung staatlich gefördert, neben Subventionen für Photovoltaikanlagen. Hoffnung war eine Entlastung der höher gelagerten Netzebenen.
Andreas Türk ist Senior Researcher und Leiter der Forschungsgruppe „Internationale Klimapolitik und Ökonomik“ am Institut LIFE (Institut für Klima, Energiesysteme und Gesellschaft) der JOANNEUM RESEARCH.
„Science“ wird mit finanzieller Unterstützung in völliger Unabhängigkeit von der JUST-Redaktion inhaltlich gestaltet.
Fotos: Magnific, Illu: JUST, Grafik: Joanneum Research. Dieser Beitrag erschien in JUST Nº 46, Oktober 2026.




