Von Sirius Alexander Pansi
Rechtsanwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Ziviltechniker dürfen mit dem eigenen Kopf etwas bewegen – und müssen für das Ergebnis geradestehen. Beim JUST Top Talk am Deloitte Campus in Graz ging es um die Frage, was davon bleibt, wenn KI in Sekunden antwortet und Regeln jeden Schritt vorgeben.
Die schöne Zumutung der Freiheit
Ein freier Beruf ist eine schöne Zumutung: Man darf mit dem eigenen Kopf etwas bewegen. Und muss für das Ergebnis geradestehen.
Freie Berufe sind weit mehr als Selbstständigkeit mit besonders großer Freude am eigenen Kalender. Ein Vertrag ist schnell unterschrieben; seine Pointe versteckt sich mitunter im Kleingedruckten. Ein Unternehmen lässt sich an einem Nachmittag gründen, eine falsche Entscheidung hält sich gern länger.
Und ein Baukörper lässt sich am Bildschirm rasch verschieben. Die Folgen für die Menschen, die darin leben oder arbeiten, nicht. Es braucht daher Menschen, die genauer hinsehen, unbequeme Fragen stellen und im richtigen Moment auch einmal höflich widersprechen.
Freie Berufe heißen nicht so, weil sie von Regeln verschont wären. Im Gegenteil: Rechtsanwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Ziviltechniker arbeiten in einem immer dichteren Geflecht aus Haftung, Normen, wirtschaftlichem Druck und neuen Technologien. Ihre Freiheit besteht darin, auf Grundlage ihres Fachwissens unabhängig zu urteilen und zu handeln. Und sie ist untrennbar mit persönlicher Verantwortung verbunden.
Beim JUST Talk am Deloitte Campus in Graz diskutierten Karin Eckhart und Friedrich Möstl von Deloitte, Evelyn Heidinger von der Steiermärkischen Rechtsanwaltskammer sowie Herbert Mühlburger und Eva Maria Hierzer von der Kammer der Ziviltechniker:innen über diese Unabhängigkeit: darüber, welches Urteil sich keinem System delegieren lässt, wo Regulierung schützt – und ab wann sie vor allem Zeit, Aufmerksamkeit und Urteilskraft bindet. Ein Gespräch über KI, Vertrauen und eine Freiheit, die sich täglich neu bewähren muss.
JUST Top Talk: Wer haftet, muss entscheiden dürfen.

Die Bürokratie zeigt dabei eine erstaunliche Begabung: Für jede neue Aufgabe findet sie ein Formular. Für die Zeit, es auszufüllen, eher selten. Die KI wiederum antwortet in Sekunden und mit beneidenswertem Selbstvertrauen. Ob ihre Antwort fachlich, rechtlich oder wirtschaftlich trägt, zeigt sich meist erst beim zweiten Blick – und im Ernstfall daran, wer bereit ist, dafür einzustehen.
Genau für diesen Blick werden Fachleute gebraucht. Vorausgesetzt, man lässt ihnen zwischen Nachweispflicht und nächster Eingabemaske noch Gelegenheit dazu.
Die Gesprächsrunde
- Alexander Pansi – Chefredakteur und Herausgeber des JUST Magazins, Moderator des Gesprächs
- Karin Eckhart – Steuerberaterin und Partnerin bei Deloitte in der Steiermark. Ihr besonderer Schwerpunkt liegt in der Beratung kleiner und mittlerer Unternehmen.
- Friedrich Möstl – Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Partner bei Deloitte in der Steiermark. Seit mehr als 20 Jahren engagiert er sich außerdem in der Berufsvertretung.
- Evelyn Heidinger – Rechtsanwältin in Graz und Ausschussmitglied der Steiermärkischen Rechtsanwaltskammer
- Herbert Mühlburger – IT-Ziviltechniker mit Schwerpunkt auf Künstlicher Intelligenz sowie Vorstandsmitglied der Kammer der Ziviltechniker:innen für Steiermark und Kärnten und Mitglied des Kammertags der Bundeskammer
- Eva Maria Hierzer – Architektin in Graz und stellvertretende Vorsitzende der Sektion Architekt:innen der Kammer der Ziviltechniker:innen für Steiermark und Kärnten
Was niemand abnehmen kann
Alexander Pansi: Was darf Ihnen in Ihrem Beruf niemand abnehmen – keine Software, kein Auftraggeber und auch keine perfekte Organisation?
Möstl: Freie Berufe entscheiden auf Basis ihres Fachwissens eigenständig, wie sie beraten. Wir entscheiden nicht für die Unternehmerinnen und Unternehmer, sondern schaffen die Grundlage für deren Entscheidung. Diese Freiheit zeichnet unseren Berufsstand aus.
Heidinger: Unser Mehrwert liegt darin, die richtigen Fragen zu stellen. Mandanten kommen oft schon mit einem Ergebnis aus dem Internet oder von einer KI. Wir hingegen hinterfragen Informationen und prüfen, ob der fertige Entwurf rechtlich hält. Vor Gericht ist die KI bestenfalls auf dem Notebook dabei. Wir stehen neben dem Mandanten und übernehmen Verantwortung. Rechtsberatung soll häufig nur ein „schneller Blick“ sein. Komplexe Fragen verschwinden dadurch nicht, sie kommen später und meist teurer zurück. Unabhängigkeit braucht daher auch Bedingungen, unter denen sorgfältige Beratung möglich bleibt.
Mühlburger: Verantwortung und Entscheidungsbefugnis müssen zusammenbleiben. Wer haftet, braucht fachlichen Spielraum. Als Ziviltechniker müssen wir zudem auf Missstände hinweisen.
Eckhart: Wir stehen Unternehmen oft von der Gründung bis zum Exit zur Seite. Wir beraten in all diesen Phasen und helfen den Entscheidungsträgern dabei, richtig zu entscheiden. Dafür braucht es Vertrauen, Verlässlichkeit und Freiraum.
Hierzer: Wir begleiten Gebäude von der ersten Überlegung bis zur Fertigstellung. Bauvorschriften und wirtschaftlicher Druck können Innovation verhindern. Die Kunst besteht darin, innovative und klimagerechte Lösungen bis zur Baustelle zu bringen.

„Wir entscheiden nicht für den Unternehmer, sondern helfen ihm, richtig zu entscheiden.“
Karin Eckhart, Steuerberaterin und Partnerin bei Deloitte
KI antwortet. Wer steht dafür ein?
Pansi: KI liefert in Sekunden Antworten. Was bleibt ausdrücklich menschliche Arbeit?
Möstl: KI ist ein Instrument im Werkzeugkoffer. Ein Kunde kam mit einer fertig formulierten steuerlichen Antwort zu uns. Sie klang zwar plausibel – war aber falsch. Erfahrung und das Lesen zwischen den Zeilen entscheiden, was verwertbar ist und welche Frage gestellt werden muss.
Heidinger: Das Ergebnis allein genügt nicht. Auch bei der Ausbildung von Berufsanwärtern müssen wir wissen, wie es entstanden ist: selbst recherchiert und geprüft – oder von der KI zufällig richtig beantwortet? Technik erleichtert es, Verantwortung abzuschieben. Junge Menschen fürchten zugleich, ersetzt zu werden. Der Anwaltsberuf ist jedoch weit mehr als eine Ausgabestelle für juristische Antworten. Je leistungsfähiger die Systeme, desto wichtiger werden Urteilskraft, Vertrauen und persönliche Verantwortung.

Mühlburger: KI erzeugt schnell Ergebnisse. Wir müssen daraus belastbare machen. Systeme sollten daher nicht nur antworten, sondern auch den Weg dorthin zeigen. Urteilskraft entsteht nicht durch die Entertaste.
Möstl: Die KI übernimmt weder Haftung noch Verantwortung. Zugleich verschwinden einfache Tätigkeiten, an denen junge Menschen früher gelernt haben. Wir brauchen mehr Simulationen und Übungsmandate – ähnlich wie in der Pilotenausbildung: zuerst trainieren, dann begleiten, erst danach selbst Verantwortung übernehmen.

„KI übernimmt weder Haftung noch Verantwortung.“
Friedrich Möstl, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Partner bei Deloitte
Hierzer: Erfahrung entsteht nicht am Bildschirm. Schon vor dem ersten Strich treffen bei einem Bauprojekt unterschiedliche Interessen aufeinander. Junge Architekten müssen deshalb zu Gesprächen, auf Baustellen und in Jurys mitgenommen werden.

„Erfahrung entsteht nicht am Bildschirm.“
Eva Maria Hierzer, Architektin, Kammer der Ziviltechniker:innen für Steiermark und Kärnten
Wann Regeln die Facharbeit behindern
Pansi: Regulierung soll Sicherheit schaffen. Wann beginnt sie, gute Facharbeit zu behindern?
Heidinger: Wir haben einen Höchststand an Regulierung erreicht. Viele Vorschriften halten uns von der eigentlichen Arbeit ab. Beim Datenschutz sieht man es besonders deutlich: Formulare werden länger, die Akzeptanz sinkt. Noch kein Mandant hat sich darüber gefreut, dass alles so ausführlich geregelt ist. Regeln verlieren ihre Autorität, wenn selbst jene, die sie erklären sollen, ihren Sinn kaum mehr vermitteln können.
„Je leistungsfähiger die Systeme, desto wichtiger werden Urteilskraft, Vertrauen und persönliche Verantwortung.“
Evelyn Heidinger, Rechtsanwältin, Steiermärkische Rechtsanwaltskammer
Möstl: Regeln sind für fairen Wettbewerb unverzichtbar. Wir müssen aber prüfen, was Klarheit schafft und was Widersprüche erzeugt. In vielen Bereichen wird in Österreich Gold-Plating betrieben, damit engen wir uns selbst ein. Deregulierung muss Regeln wieder auf ihren Zweck zurückführen.
Eckhart: Klienten fragen oft: „Wofür braucht man dieses Formular jetzt noch?“ Viel Zeit fließt in Vergangenheitsdaten und Statistik, hinter denen keine unternehmerische Entscheidung steht. Das beschäftigt alle Beteiligten, gestaltet aber nichts.
Mühlburger: Gute Regulierung definiert ein Schutzziel und eröffnet fachlichen Spielraum. Wenn jede Handlung vorgeschrieben wird, werden Verantwortung und Entscheidungsbefugnis getrennt. Qualität braucht Zeit, Informationen und die Möglichkeit, begründet zu entscheiden.

„Urteilskraft entsteht nicht durch die Entertaste.“
Herbert Mühlburger, IT-Ziviltechniker, Kammer der Ziviltechniker:innen für Steiermark und Kärnten
Hierzer: Regeln sind sinnvoll, wenn sie Menschen schützen, etwa bei Barrierefreiheit. Schwierig wird es, wenn Baugesetze Innovation verhindern. Der Bausektor muss Emissionen reduzieren und mehr Bestand erhalten. Ist ein brauchbares Gebäude leichter abzureißen als weiterzuentwickeln, hat Regulierung ihren Zweck verfehlt.
Conclusio
Fünf Stimmen, eine unbequeme Frage: Was bleibt von fachlicher Freiheit, wenn Systeme antworten, Regeln jeden Schritt vorgeben und jungen Menschen die Übungsfelder verschwinden? Die Antwort der Runde ist klar: Urteilskraft braucht Erfahrung, Erfahrung braucht Raum. Wer haftet, muss entscheiden dürfen. Alles andere ist nur schnell.
Vor Gericht für jemanden einstehen. Ein Unternehmen durch eine schwierige Entscheidung begleiten. Einen Ort schaffen, an dem Menschen besser leben. Wer einen freien Beruf ergreift, bekommt die Chance, sein Können für andere einzusetzen – und den Spielraum, nach eigener Überzeugung zu handeln. Das ist anspruchsvoll. Und für die nächste Generation vielleicht gerade deshalb verlockend.
Mehr bei JUST
- Wenn die öffentliche Hand blockiert, wer baut dann noch?
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Fotos: Rene Strasser, feinwork (Illustration). Dieser Beitrag erschien in JUST Nº 46, Oktober 2026.





