Mentale Erschöpfung beginnt selten erst dort, wo nichts mehr geht. Oft beginnt sie viel früher – in Erwartungen, Rollenbildern und Prägungen, die wir seit unserer Kindheit mit uns tragen. Die Psychotherapeutin Sabine Griller beschäftigt sich mit der Frage, warum Frauen und Männer unter Leistungsdruck geraten, weshalb sie ihn so unterschiedlich erleben können – und wie es gelingt, aus alten Mustern auszusteigen.
Wir leben in einer Gesellschaft, die das Funktionieren gut gelernt hat. Leistung wird belohnt, Belastbarkeit bewundert, Selbstoptimierung beinahe zur Tugend erklärt. Beruf, Familie, Partnerschaft, soziale Beziehungen, Körper, Freizeit: Möglichst alles soll gelingen. Und möglichst gleichzeitig.
Doch der Druck, der daraus entsteht, ist nicht nur ein Phänomen unserer Gegenwart. Vieles beginnt sehr viel früher.
Bereits in der Kindheit lernen wir, was von uns erwartet wird. Wir beobachten Eltern, übernehmen Rollenbilder, erfahren Anerkennung für bestimmtes Verhalten und entwickeln Strategien, um dazuzugehören. Sei brav. Sei stark. Mach keine Probleme. Streng dich an. Enttäusche niemanden. Solche Botschaften müssen nicht einmal ausgesprochen werden, um wirksam zu sein.
Später werden daraus innere Überzeugungen: Ich muss es schaffen. Ich darf niemanden enttäuschen. Ich muss gebraucht werden. Ich darf keine Schwäche zeigen.
Frauen tragen eine besondere Geschichte mit
Gerade bei Frauen kommt eine gesellschaftliche Prägung hinzu, die über Generationen gewachsen ist. Noch vor wenigen Jahrzehnten war weibliche Selbstständigkeit keineswegs selbstverständlich. Die ökonomische und gesellschaftliche Abhängigkeit vom Mann gehörte für viele Frauen zur Lebensrealität. Der Mann verdiente, entschied und repräsentierte nach außen; die Frau kümmerte sich, hielt zusammen und stellte eigene Bedürfnisse häufig zurück.
Vieles hat sich verändert. Frauen sind wirtschaftlich unabhängig, beruflich erfolgreich und selbstbestimmt. Und dennoch verschwinden über Generationen vermittelte Rollenbilder nicht automatisch mit neuen gesetzlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten.
Der Anspruch, für andere da zu sein, Harmonie herzustellen, Familie zu organisieren und gleichzeitig beruflich zu bestehen, wirkt weiter. Zur Erwerbsarbeit kommt häufig jene Arbeit, die kaum sichtbar ist: vorausdenken, erinnern, organisieren, Stimmungen wahrnehmen, Bedürfnisse auffangen. Der sogenannte Mental Load findet nicht im Kalender statt, sondern im Kopf.
So entsteht ein bemerkenswerter Widerspruch: Die Möglichkeiten von Frauen sind größer geworden – die Erwartungen nicht unbedingt kleiner.
Und die Männer?
Auch Männer tragen ihre Prägungen. Nur lauten die alten Botschaften häufig anders: Sei stark. Zeig keine Schwäche. Hab die Dinge unter Kontrolle. Sorge für Sicherheit. Löse das Problem.
Wer früh gelernt hat, den eigenen Wert mit Leistung, Erfolg und Souveränität zu verbinden, dem fällt es später möglicherweise schwer, Überforderung überhaupt wahrzunehmen – geschweige denn auszusprechen.
Mentale Erschöpfung zeigt sich deshalb nicht immer als offensichtliche Müdigkeit. Sie kann sich hinter Gereiztheit, Rückzug, Schlafproblemen, Rastlosigkeit oder dem Gefühl verbergen, selbst in freien Momenten nicht mehr abschalten zu können.
Die Müdigkeit hinter der Müdigkeit
Für Sabine Griller liegt ein wesentlicher Schritt darin, nicht nur das Symptom zu betrachten, sondern seine Geschichte.
Woher kommt mein Anspruch an mich selbst? Welche Erwartungen gehören tatsächlich zu meinem heutigen Leben – und welche trage ich seit meiner Kindheit mit mir? Welche Rolle spiele ich, weil sie mir entspricht, und welche, weil ich irgendwann gelernt habe, dass ich so sein muss?
Psychotherapie kann einen geschützten Raum schaffen, in dem solche Fragen gestellt werden dürfen.
Nicht mit dem Ziel, Menschen möglichst schnell wieder fit für den Leistungsdruck zu machen. Sondern um zu erkennen, was dauerhaft Kraft kostet und welche alten Muster heute vielleicht nicht mehr hilfreich sind.
Es geht um Grenzen. Um Selbstwert. Um Beziehungen und Abhängigkeiten. Um das Nein, das man sich nie zu sagen erlaubt hat. Und manchmal um die Erkenntnis, dass man längst ein Leben führt, dessen Anforderungen man erfüllt – ohne sich je gefragt zu haben, ob sie die eigenen sind.
Hilfe anzunehmen bedeutet dabei nicht, weniger belastbar zu sein. Im Gegenteil: Es kann bedeuten, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, bevor Körper und Psyche die Entscheidung abnehmen.
Vielleicht ist das eine der wichtigen Fragen unserer leistungsorientierten Zeit: Wie viel von dem, was wir täglich von uns verlangen, wollen wir tatsächlich selbst – und wie viel davon haben wir irgendwann gelernt?
Denn Freiheit bedeutet nicht nur, alles tun zu können.
Freiheit bedeutet auch, nicht mehr alles tun zu müssen.
Mehr dazu unter: sabine-griller.at





