Sirius Alex­an­der Pansi|

Dual Use it or lose it

Österreich ist besser aufgestellt, als es sich bisweilen selbst erzählt. Unternehmen wie die EV Group, ams OSRAM oder Frequentis stehen für Präzision und Verlässlichkeit, die international gefragt sind – von der Halbleiterausrüstung über Licht- und Sensortechnologie bis hin zu hochspezialisierter Kommunikationstechnik.

For­schungs­ein­rich­tun­gen wie das AIT Aus­tri­an Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy, die Mon­tan­uni­ver­si­tät Leoben oder die TU Wien arbei­ten an Mate­ria­li­en, Quan­ten­tech­no­lo­gien und Cyber­si­cher­heits­lö­sun­gen, die oft in Koope­ra­tio­nen mit Unter­neh­men, Pilo­t­an­wen­dun­gen und indus­tri­el­ler Ver­wer­tung münden. Gleich­zei­tig verfügt das Land über indus­tri­el­le Kom­pe­tenz in Schlüs­sel­be­rei­chen wie Maschi­nen­bau, Quan­ten­tech­no­lo­gie und Ener­gie­tech­nik – Felder, die in einer ner­vö­ser gewor­de­nen Welt nicht mehr nur wirt­schaft­lich inter­es­sant, sondern stra­te­gisch rele­vant sind.

Ver­sor­gungs­si­cher­heit, Ener­gie­un­ab­hän­gig­keit, Cyber­si­cher­heit und resi­li­en­te Lie­fer­ket­ten sind längst keine abs­trak­ten Begrif­fe aus geo­po­li­ti­schen Rand­de­bat­ten mehr. Sie stehen im Zentrum wirt­schaft­li­cher und poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen – dort, wo über Inves­ti­tio­nen, Stand­or­te und Wett­be­werbs­fä­hig­keit ent­schie­den wird. Wer heute über Resi­li­enz spricht, spricht nicht nur über Kri­sen­fes­tig­keit, sondern über Markt­po­si­tio­nen, Kapi­tal­bin­dung und tech­no­lo­gi­sche Anschluss­fä­hig­keit – und letzt­lich über die Frage, wie viel wirt­schaft­li­che Sou­ve­rä­ni­tät sich ein Stand­ort leisten will.

Der rus­si­sche Angriff auf die Ukraine hat Europas Ener­gie­ab­hän­gig­keit offen­ge­legt, die Chip­man­gel-Krise der Jahre 2020 bis 2022 die Fra­gi­li­tät glo­ba­ler Lie­fer­ket­ten. Und der tech­no­lo­gi­sche Sys­tem­wett­be­werb zwi­schen den USA und China zwingt Europa, sich als eigen­stän­di­ger Akteur zu posi­tio­nie­ren – oder zum Spiel­ball anderer zu werden.

Was vor wenigen Jahren auf wis­sen­schaft­li­chen Kon­fe­ren­zen noch Ableh­nung aus­lös­te, gehört heute in vielen För­der­pro­gram­men längst zum Stan­dard: Dual Use ist vom Rand­the­ma zum gefrag­ten För­der­kri­te­ri­um gewor­den. Ent­spre­chend bemühen sich Unter­neh­men, Uni­ver­si­tä­ten und For­schungs­ein­rich­tun­gen glei­cher­ma­ßen darum, bei Tech­no­lo­gien, Kom­pe­ten­zen und Inves­ti­tio­nen, die sich zivil wie sicher­heits­re­le­vant nutzen lassen, präsent zu sein.

Was nach Spe­zi­al­ma­te­rie klingt, ist in Wahr­heit ein prag­ma­ti­sches Prinzip. Droh­nen­ab­wehr und auto­no­me Agrar­sys­te­me teilen sich Kern­kom­po­nen­ten. Quan­ten­ver­schlüs­se­lung schützt Bank­da­ten ebenso wie Regie­rungs­kom­mu­ni­ka­ti­on. Licht- und Sen­sor­tech­no­lo­gie findet sich in medi­zi­ni­schen Geräten wie in sicher­heits­kri­ti­schen Erfas­sungs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­men. Tech­no­lo­gien mit meh­re­ren Anwen­dungs­fel­dern erhöhen nicht nur ihre stra­te­gi­sche Bedeu­tung – sie stei­gern in der Regel auch ihren wirt­schaft­li­chen Wert.

Gerade für Öster­reich liegt darin eine Chance, vor­han­de­ne Stärken kon­se­quen­ter als Teil einer grö­ße­ren euro­päi­schen Logik zu lesen: als Beitrag zu Ver­sor­gungs­si­cher­heit, tech­no­lo­gi­scher Sou­ve­rä­ni­tät und indus­tri­el­ler Sub­stanz. Die Euro­päi­sche Union mobi­li­siert dafür erheb­li­che Mittel – für Sicher­heits­for­schung, indus­tri­el­le Resi­li­enz und den Schutz kri­ti­scher Infra­struk­tur. Öster­rei­chi­sche Unter­neh­men könnten daran deut­lich stärker par­ti­zi­pie­ren – vor­aus­ge­setzt, die Rah­men­be­din­gun­gen stimmen: eine koor­di­nier­te För­der­po­li­tik, eine klare indus­trie­po­li­ti­sche Linie und stra­te­gi­sche Ver­ga­be­po­li­tik.

Denn genau hier liegt das eigent­li­che Problem: nicht im Mangel an Kom­pe­tenz, sondern im Mangel an stra­te­gi­scher Selbst­ver­ständ­lich­keit.

Neu­tra­li­tät ist in Öster­reich ein hohes Gut – und das soll sie auch bleiben. Als außen­po­li­ti­scher Grund­satz ist sie breit getra­gen. Aber Neu­tra­li­tät bedeu­tet nicht, wirt­schafts­po­li­ti­sche Blind­heit zu kul­ti­vie­ren. Sie ist kein Argu­ment gegen indus­tri­el­le Stärke, kein Hin­der­nis für For­schung in Cyber­si­cher­heit, Sen­so­rik oder kri­ti­scher Infra­struk­tur – und kein Grund, Wert­schöp­fung jenen zu über­las­sen, die ent­schlos­se­ner handeln. Wer Neu­tra­li­tät mit Untä­tig­keit ver­wech­selt, ver­tei­digt am Ende weder Sicher­heit noch Wohl­stand, sondern ein Miss­ver­ständ­nis von beidem.

Wie lassen sich also Beschaf­fun­gen, Koope­ra­tio­nen und Ent­wick­lungs­an­tei­le so gestal­ten, dass Kapital, Wissen und Kom­pe­tenz im Land gebun­den werden? Das Bun­des­heer moder­ni­siert seine Luft­raum­über­wa­chung und seine Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­me. Die ÖBB inves­tie­ren in Cyber­si­cher­heit. Energie- und Was­ser­ver­sor­ger stehen vor wach­sen­den Schutz­an­for­de­run­gen.

Beschaf­fung ist nie nur Einkauf. Beschaf­fung ist Indus­trie­po­li­tik in ihrer kon­kre­tes­ten Form. Wer stra­te­gi­sche Systeme anschafft, ohne sys­te­ma­tisch hei­mi­sche Unter­neh­men ein­zu­bin­den, impor­tiert Tech­no­lo­gie – und expor­tiert Wert­schöp­fung. Wer For­schung fördert, aber indus­tri­el­le Ska­lie­rung anderen über­lässt, pro­du­ziert Wissen – und impor­tiert Abhän­gig­keit. Und wer Sicher­heit primär als Kos­ten­stel­le begreift, über­sieht, dass moderne Sou­ve­rä­ni­tät nicht an Grenzen beginnt, sondern in Fabri­ken, Netzen und Lie­fer­ket­ten.

Resi­li­enz ist kein Kos­ten­block, sondern stra­te­gi­sche Vor­sor­ge. Und Vor­sor­ge ist fast immer güns­ti­ger als Repa­ra­tur. Öster­reich braucht den poli­ti­schen Willen, diese Stärken als belast­ba­res Fun­da­ment für Wohl­stand, Hand­lungs­spiel­raum und Zukunfts­fä­hig­keit zu sehen.

Denn wer Sicher­heit nur als Ausgabe liest, unter­schätzt ihren eigent­li­chen Preis: Nicht ihr Aufbau ist teuer – sondern ihre Abwe­sen­heit.

 

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