Annette Zierer|

Venedig in Moll – Die 61. Bien­na­le zwi­schen Skandal, Stille und sub­ku­ta­ner Wucht

Die 61. Biennale in Venedig fordert unter dem Titel "In Minor Keys" das Leise heraus. Zwischen Kunst als Spektakel und intimen, tiefen Frequenzen entfaltet sich ein wahrer Wahrheitsmoment

Die 61. Inter­na­tio­na­le Kunst­aus­stel­lung in Venedig, beti­telt „In Minor Keys“ und ursprüng­lich kura­tiert von Koyo Kouoh, beginnt mit einem Paradox: Sie fordert das Leise – und erzeugt doch einen Lärm, der weit über die Lagune hinaus hallt.

Bis 22. Novem­ber 2026 ent­fal­tet sich eine Bien­na­le, die sich pro­gram­ma­tisch gegen das Spek­ta­kel stellt, es aber zugleich unauf­hör­lich pro­du­ziert. Viel­leicht ist genau das ihr eigent­li­cher Wahr­heits­mo­ment.

Kouohs posthum voll­ende­tes Konzept – eine Aus­stel­lung über Inti­mi­tät, Affekt und sub­jek­ti­ve Erfah­rung – liest sich wie eine Absage an die Dau­er­er­re­gung der Gegen­wart. „Dem Flüs­tern lau­schen“, for­der­te sie, den tie­fe­ren Fre­quen­zen Raum geben. Doch Venedig wäre nicht Venedig, hätte es diese Ein­la­dung nicht sofort kon­ter­ka­riert: mit poli­ti­schen Eklats, insti­tu­tio­nel­len Ver­wer­fun­gen und Pavil­lons, die sich mit einer Mischung aus Hybris und Exhi­bi­tio­nis­mus gegen­sei­tig über­bie­ten.

Skan­da­le, Körper, Kon­troll­ver­lust

Der öster­rei­chi­sche Pavil­lon ist dabei der neur­al­gi­sche Punkt. Flo­ren­ti­na Holz­in­ger liefert eine Arbeit, die weniger Aus­stel­lung als Aus­nah­me­zu­stand ist: nackte Körper, rotie­ren­de Schnell­boo­te, hän­gen­de Per­for­me­rin­nen, ein Tank, gespeist aus dem Urin der Besu­cher. Kunst als geschlos­se­nes Kreis­lauf­sys­tem, buch­stäb­lich. Die Toi­let­ten – sonst banale Infra­struk­tur – werden zum eigent­li­chen Dis­po­si­tiv der Arbeit: ein Ort, an dem sich die Grenze zwi­schen Werk und Publi­kum end­gül­tig auflöst.

Auch Däne­mark setzt auf Kör­per­po­li­tik, wenn auch mit küh­le­rem Kon­zep­tua­lis­mus. Maja Malou Lyse insze­niert Por­no­stars als Wis­sen­schaft­le­rin­nen einer nahen Zukunft, die sich mit der sin­ken­den Sper­mi­en­qua­li­tät beschäf­ti­gen. Ihre Video­ar­beit mit Nico­let­te Shea ope­riert an der Schnitt­stel­le von Bio­po­li­tik, Por­no­gra­fie und Wis­sen­schafts­äs­the­tik. Die Frage, ob Bilder Frucht­bar­keit beein­flus­sen können, ist dabei weniger naiv als sie klingt – sie ver­weist auf eine tiefere Ver­un­si­che­rung über Körper, Repro­duk­ti­on und mediale Über­rei­zung.

Über­haupt: Nackt­heit ist all­ge­gen­wär­tig. Doch anders als in frü­he­ren Bien­na­len wirkt sie weniger befrei­end als sym­pto­ma­tisch. Der weib­li­che Körper wird erneut zur Pro­jek­ti­ons­flä­che – diesmal aller­dings unter den Vor­zei­chen von Erschöp­fung und Über­co­die­rung. Dass Gruppen wie Femen und Pussy Riot in diesen Kontext inter­ve­nie­ren, ver­schärft die Ambi­va­lenz: Protest wird Teil der Insze­nie­rung, Dissens zum ästhe­ti­schen Effekt.

Die leisen Räume: Grenada und das Prinzip Insel

Aber es gibt sie doch, die stillen Pavil­lons, die Kouohs Idee der Moll­tö­ne tat­säch­lich ernst genom­men haben. Der Beitrag des kleinen kari­bi­schen Insel­staa­tes Gre­na­das gehört z. B. dazu. Unter dem Titel „Die Poetik der Kor­re­spon­denz“ ent­fal­tet sich ein viel­schich­ti­ger Dialog über Inseln als rela­tio­na­le Räume – als Kno­ten­punk­te von Geschich­te, Migra­ti­on und Evo­lu­ti­on. Im Zentrum steht die Skulp­tur „The World Is Falling Apart“ der deut­schen Künst­le­rin Alex­an­dra Kordas.

Eine Arbeit, die nicht schreit, sondern insis­tiert. Frag­men­te, Span­nun­gen, fragile Gleich­ge­wich­te – Kordas über­setzt den glo­ba­len Kri­sen­zu­stand in eine Form, die sich jeder Ein­deu­tig­keit ent­zieht. Zerfall erscheint hier nicht als Kata­stro­phe, sondern als Prozess der Neu­ord­nung. Es ist genau diese Haltung, die „In Minor Keys“ ein­for­dert: eine Auf­merk­sam­keit für das Unschein­ba­re, das Brü­chi­ge, das Dazwi­schen. Grenada zeigt, dass „Minor“ keine ästhe­ti­sche Schwä­chung ist, sondern eine epis­te­mo­lo­gi­sche Ver­schie­bung. Weg vom Spek­ta­kel hin zur Reso­nanz. Aber leider finden diese leisen Ansätze in der heu­ti­gen Welt kaum Auf­merk­sam­keit.

Mehr Infor­ma­ti­on unter: https://alexandrakordas.com/

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