JUST-Redaktion|

Der Körper als Daten­trä­ger

Die Medizin steht vor einem Umbau. Therapien sollen besser passen, früher ansetzen und sich stärker an Daten orientieren, ohne den Menschen aus dem Fokus zu lassen.

Im Geschäfts­feld Gesund­heit und Pflege der JOAN­NE­UM
RESE­ARCH koor­di­nie­ren die Mole­ku­lar­bio­lo­gin Petra ­Kotz­beck und der Bio­me­di­zin­tech­ni­ker Thomas Birn­gru­ber Themen, die genau an diesen Über­gän­gen anset­zen: von neuen Model­len für
die Medi­ka­men­ten­ent­wick­lung über prä­zi­se­re Dia­gnos­tik bis hin zu digi­ta­len Ver­sor­gungs­kon­zep­ten.

Ein zen­tra­ler Trend betrifft die Frage, wie neue Arz­nei­mit­tel über­haupt getes­tet werden. Viele Wirk­stof­fe schei­tern des­we­gen, weil klas­si­sche Modelle die mensch­li­che Phy­sio­lo­gie nur begrenzt abbil­den. Kotz­beck beschreibt den Druck aus Indus­trie und Behör­den so: „Wir orten ein großes Bedürf­nis nach Sys­te­men, die besser vor­her­sa­gen, ob ein Medi­ka­ment wirkt oder eben nicht.“

Hier kommen NAMs ins Spiel – „New Approach ­Metho­do­lo­gies“. Gemeint sind neue expe­ri­men­tel­le Ansätze, etwa kom­ple­xe Zell- und Gewe­be­mo­del­le, die näher am Men­schen sind. Ziel ist nicht nur, Tier­ver­su­che zu redu­zie­ren, sondern auch teure Fehl­schlä­ge früher zu ver­mei­den. Gleich­zei­tig warnt Kotz­beck vor einer zu ein­fa­chen Vor­stel­lung von Dia­gnos­tik: „Viele Krank­hei­ten sind dafür viel zu komplex. Zu glauben, ein ein­zi­ger Bio­mar­ker reicht für alles, ist ein Irrtum.“ Ein Bio­mar­ker ist ein mess­ba­res Merkmal – zum Bei­spiel ein Molekül im Blut –, das Hin­wei­se darauf geben kann, welche Krank­heit vor­liegt oder welche The­ra­pie wirken könnte.

Prä­zi­si­ons­me­di­zin: die pas­sen­de The­ra­pie für jede Person

Ein zweiter Schwer­punkt ist die Prä­zi­si­ons­me­di­zin: Nicht jede Pati­en­tin und jeder Patient reagie­ren gleich. Was nach „der­sel­ben Krank­heit“ aus­sieht, kann unter­schied­li­che Ursa­chen haben und braucht dann ent­spre­chen­de Behand­lun­gen. Birn­gru­ber for­mu­liert das sehr plas­tisch: „Es kann sein, dass das, was wir als eine Krank­heit beschrei­ben, eigent­lich mehrere Vari­an­ten sind. Dann braucht man auch ver­schie­de­ne Behand­lun­gen.“ Beson­ders deut­lich wird das in der Krebs­me­di­zin: Immun­the­ra­pien oder Che­mo­the­ra­pien funk­tio­nie­ren nicht bei allen gleich gut. Darum ver­sucht man, Pati­en­ten­grup­pen zu stra­ti­fi­zie­ren – also nach bio­lo­gi­schen Merk­ma­len zu ordnen –, um geziel­ter zu ent­schei­den.

Ein oft über­se­he­ner Punkt dabei ist der Gender-Bias: For­schung und Dosie­run­gen ori­en­tie­ren sich his­to­risch häufig am männ­li­chen „Stan­dard­kör­per“. Kotz­beck betont, dass Frauen Medi­ka­men­te anders ver­stoff­wech­seln können und Sym­pto­me teils anders aus­se­hen. Das ist kein Rand­the­ma, sondern beein­flusst The­ra­pie­er­folg und Sicher­heit.

Meta­bo­lo­mik, Weara­bles und KI

Ein Werk­zeug, das von den beiden For­schen­den als zuneh­mend pra­xis­re­le­vant beschrie­ben wird, ist die Meta­bo­lo­mik (auch Meta­bo­lo­mics): Dabei werden viele Stoff­wech­sel­pro­duk­te gleich­zei­tig gemes­sen. So lässt sich ein sehr aktu­el­les „Funk­ti­ons­bild“ des Körpers gewin­nen – etwa darüber, wie Organe oder Gewebe gerade arbei­ten.

Dazu kommt ein Trend, den viele aus dem Alltag kennen: Weara­bles, also trag­ba­re Sen­so­ren. Sie sammeln kon­ti­nu­ier­lich Daten – idea­ler­wei­se nicht invasiv, also ohne Nadel­stich oder Ein­griff, zum Bei­spiel über Mes­sun­gen durch die Haut. Es gilt, diese Daten für Prä­ven­ti­on zusam­men­zu­füh­ren und sinn­voll zu nutzen. Das könnte eine Menge Leid und natür­lich auch Kosten ein­spa­ren.

Künst­li­che Intel­li­genz (KI) sieht Birn­gru­ber vor allem als Hilfe beim Sor­tie­ren und Ana­ly­sie­ren: In medi­zi­ni­schen Bildern steckt viel Infor­ma­ti­on, aber im Kli­nik­all­tag fehlt Zeit. KI kann mar­kie­ren, wo etwas auf­fäl­lig ist – das ist eine wesent­li­che Ent­schei­dungs­un­ter­stüt­zung für das medi­zi­ni­sche Per­so­nal.

Prä­ven­ti­on statt Repa­ra­tur

Birn­gru­ber sieht die große Linie klar in Rich­tung Vor­beu­gung: „Die Ent­wick­lung geht ins­ge­samt zur Prä­ven­ti­on: Was kann ich ganz früh tun, bevor eine Krank­heit über­haupt beginnt?“ Das heißt: Risiken früher erken­nen, Lebens­stil­maß­nah­men ernst nehmen, Krank­heits­ver­läu­fe abfe­dern und das Gesund­heits­sys­tem ent­las­ten. Zu diesem Thema koor­di­niert JOAN­NE­UM RESE­ARCH das Projekt ­Prä­NUDGE, im Rahmen dessen sich die For­schen­den mit der Moti­va­ti­on der Bevöl­ke­rung für aktive Prä­ven­ti­on beschäf­ti­gen.

Zur Ent­las­tung gehört auch, Ver­sor­gung neu zu denken. Stich­wor­te sind Daten­ver­füg­bar­keit, elek­tro­ni­sche Akten und „Hos­pi­tal at Home“ – also mehr medi­zi­ni­sche Betreu­ung zu Hause statt auto­ma­tisch im Kran­ken­haus. Das ist nicht nur eine Kos­ten­fra­ge, sondern auch eine Frage der Lebens­qua­li­tät.

www.joanneum.at

Die JOAN­NE­UM RESE­ARCH ist Inno­va­tions- und Tech­no­lo­gie­an­bie­ter im Bereich der ange­wand­ten For­schung. Der Fokus liegt auf den Geschäfts­fel­dern Gesund­heit und Pflege, Mobi­li­tät, Politik und Gesell­schaft, Pro­duk­ti­on und Fer­ti­gung, Sicher­heit und Ver­tei­di­gung, Umwelt und Nach­hal­tig­keit und Welt­raum. Mehr als 800 Pro­jek­te, ein Drittel davon mit inter­na­tio­na­len Auf­trag­ge­bern, werden von rund 500 Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter pro Jahr abge­wi­ckelt.

Petra Kotz­beck und Thomas Birn­gru­ber koor­di­nie­ren das Geschäfts­feld Gesund­heit und Pflege. The­men­schwer­punk­te sind phar­ma­ko­lo­gi­sche For­schung, Medi­zin­pro­duk­te­tes­tung, Metho­den- und Modell­ent­wick­lung sowie Digi­ta­li­sie­rung in der Medizin. Sie sehen ihre Aufgabe vor allem darin, Kom­pe­ten­zen zusam­men­zu­brin­gen. Es braucht kurze Wege zwi­schen Dis­zi­pli­nen, um Chancen nicht zu ver­pas­sen. Genau hier posi­tio­niert sich JOAN­NE­UM RESE­ARCH als Schnitt­stel­le – zwi­schen Grund­la­gen­for­schung, kli­ni­scher Anwen­dung, Tech­no­lo­gie­ent­wick­lung und Ver­sor­gungs­fra­gen.

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