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Bildung als Basis der stei­ri­schen Wirt­schaft

Michael Schickhofer, Nina Katzbeck, Wilfried Eichlseder und Kristina Edlinger-Ploder im Gespräch über den Bildungsstandort Steiermark.
Michael Schickhofer, Kristina Edlinger-Ploder, Nina Katzbeck und Wilfried Eichlseder im JUST-Talk
BildungsexpertInnen im Gespräch: Michael Schickhofer, Kristina Edlinger-Ploder, Nina Katzbeck und Wilfried Eichlseder im JUST-Talk. Fotocredit: René Strasser.

Welche Anfor­de­run­gen stellt die Wirt­schaft an Bildung und Aus­bil­dung? Sind die Lehr­plä­ne an den Schulen noch zeit­ge­mäß? Wie kann man junge Men­schen für Technik begeis­tern? Über diese und andere Fragen dis­ku­tier­ten Lan­des­haupt­mann-Stell­ver­tre­ter Michael Schick­ho­fer, Nina Katz­beck, die das bekann­te Unter­neh­men Katz­beck Fenster und Türen gemein­sam mit ihren Schwes­tern führt, der Rektor der Mon­tan­uni­ver­si­tät Leoben, Wil­fried Eichl­se­der und Kris­ti­na Edlin­ger-Ploder, Lei­te­rin der FH Campus 02.

Sind Bildung und Aus­bil­dung ein Stand­ort­vor­teil für die Stei­er­mark? Und wie sieht es mit der Koope­ra­ti­on zwi­schen Wirt­schaft und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen aus?

Schick­ho­fer: Bildung ist die Basis des Erfolgs der Stei­er­mark. Hätten wir keine inno­va­ti­ven Köpfe, wären wir als For­schungs- und Ent­wick­lungs­stand­ort auch nicht so erfolg­reich, wie wir sind. Die Qua­li­tät eines Wirt­schafts­stand­orts wurde sehr lange über seine Ver­kehrs­in­fra­struk­tur defi­niert. Natür­lich brau­chen wir die auch, aber gerade unsere exzel­len­ten Uni­ver­si­tä­ten und Fach­hoch­schu­len unter­schei­den uns doch sehr von anderen Stand­or­ten in Öster­reich und der EU. Wir haben sehr viele gut aus­ge­bil­de­te junge Men­schen, nun geht es darum, das zu nutzen.

Eichl­se­der: Wir haben als Mon­tan­uni gemein­sam mit anderen Uni­ver­si­tä­ten der TU Austria eine Studie erstel­len lassen, wie wir die Wirt­schafts­ent­wick­lung beein­flus­sen. Dabei hat sich ganz klar gezeigt, dass gerade Hoch­tech­no­lo­gie­be­trie­be, die gut aus­ge­bil­de­te Mit­ar­bei­ter benö­ti­gen, sich nach der Krise viel rascher erholt haben als andere Unter­neh­men.

Edlin­ger-Ploder: Man soll auch nicht unter­schät­zen, wie stark das Bil­dungs­sys­tem selbst die Wirt­schaft sti­mu­liert. Allein die stei­ri­schen Hoch­schu­len bringen unter dem Titel Bildung viel Geld in die Stei­er­mark, rund 800 Mil­lio­nen € pro Jahr. Dieser soge­nann­te „graue Finanz­aus­gleich“ ist ein enormer Wert­schöp­fungs­fak­tor …

Eichl­se­der: Der wie­der­um weitere Mittel gene­riert.

Schick­ho­fer: Auch diese Ver­zah­nung ist sicher ein Erfolgs­fak­tor für die Stei­er­mark. Es gibt bei uns ein klares Bekennt­nis zu For­schung und Ent­wick­lung sowie zur High­tech-Indus­trie. Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich.

Katz­beck: Betrie­be müssen sich dort ansie­deln, wo sie Fach­kräf­te finden. Aller­dings benö­tigt gerade die Indus­trie unter­schied­li­che Bil­dungs­ni­veaus. Mit den Fach­hoch­schu­len und Uni­ver­si­tä­ten funk­tio­niert die Zusam­men­ar­beit gut, bei den Gym­na­si­en würde ich mir mehr wün­schen. Man sollte dort mehr Wirt­schaft in den Unter­richt bringen.

Edlin­ger-Ploder: Wir haben jetzt seit 20 Jahren Fach­hoch­schu­len. Im gesam­ten Hoch­schul­sek­tor hat man sich inzwi­schen so anein­an­der gewöhnt, dass das ursprüng­li­che Kon­kur­renz­ver­hält­nis zur Zusam­men­ar­beit gewor­den ist. Auch da ist die Stei­er­mark feder­füh­rend.

Stehen Bildung und Aus­bil­dung in einem Kon­kur­renz­ver­hält­nis?

Edlin­ger-Ploder: An unserem Campus 02 sind auch Unter­neh­men betei­ligt. Das ist defi­ni­tiv die Zukunfts­per­spek­ti­ve gegen eine Kon­kur­renz­si­tua­ti­on zwi­schen Betrie­ben und Hoch­schu­len. Es darf kein Gezerre um die jungen Men­schen geben. Der klas­si­sche Lebens­lauf Aus­bil­dung-Tätig­keit in einem Unter­neh­men-Pension exis­tiert ohnehin fast nicht mehr. Die Zukunft wird lebens­lan­ges Lernen sein. Dass das schon jetzt selbst­ver­ständ­lich ist, sieht man unter anderem daran, dass wir Koope­ra­tio­nen mit großen Unter­neh­men haben, die ihre Top-Leute für spe­zi­el­le Zusatz­aus­bil­dun­gen zu uns schi­cken. Wir dürfen uns ohnehin nicht auf einen linea­ren Bil­dungs­weg kon­zen­trie­ren. Nichts ist schlim­mer für einen 15-Jäh­ri­gen, als ihm zu sagen: „Such dir einen Beruf aus und den machst du dann die nächs­ten 50 Jahre.“ Das scho­ckiert die jungen Leute. Wir müssen in erster Linie gute Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten bieten.

Katz­beck: Ich stimme dem zu. Die jungen Men­schen dürfen nicht das Gefühl bekom­men, stur in eine Rich­tung gehen zu müssen. Ein Bei­spiel, wie man gegen­steu­ern kann, ist das Modell Lehre mit Matura.

Schick­ho­fer: So unat­trak­tiv, wie manch­mal getan wird, ist die Berufs­aus­bil­dung gar nicht. Der Anteil an Lehr­lin­gen unter den Jugend­li­chen eines Jahr­gangs ist über die Jahre relativ kon­stant geblie­ben. Natür­lich gehen die abso­lu­ten Lehr­lings­zah­len deut­lich zurück – aber das liegt vor allem daran, dass es weniger Kinder gibt. Der Lehr­be­ruf ist dann attrak­tiv, wenn man den jungen Leuten wei­ter­füh­ren­de Per­spek­ti­ven bietet. Auch Ver­an­stal­tun­gen wie z. B. die Euro­s­kills zeigen, dass eine Lehre etwas wert ist. Die Berufs­aus­bil­dung und die Hoch­schul­bil­dung müssen viel stärker ver­zahnt werden. Ich per­sön­lich bin ein Anhän­ger von soge­nann­ten dualen Stu­di­en­gän­gen, bei denen Berufs­aus­bil­dung in der Praxis und wis­sen­schaft­li­che Hoch­schul­bil­dung kom­bi­niert werden.

Von­sei­ten der Wirt­schaft hört man oft, dass die ange­hen­den Lehr­lin­ge über völlig unge­nü­gen­des Wissen ver­fü­gen. Was benö­tigt man für einen Schul­ab­schluss?

Katz­beck: Das Wissen ist unter­schied­lich. Was sehr oft fehlt, ist ein Gefühl dafür, ob das Ergeb­nis zum Bei­spiel einer Rech­nung über­haupt stimmen kann. Wenn ein Lehr­ling die Fläche eines Raumes berech­nen soll und er bekommt 45.000 Qua­drat­me­ter für ein Wohn­zim­mer heraus, müssten bei ihm die Alarm­glo­cken läuten – tun sie aber oft nicht.

Eichl­se­der: Auf jeden Fall benö­tigt man für einen Abschluss die Basics. Momen­tan stecken wir zu viel Breite in die Lehr­plä­ne, zu viel Detail­wis­sen, die jungen Men­schen sollten aber in erster Linie das Lernen lernen. Das ist ein Schwach­punkt in unserem Aus­bil­dungs­sys­tem.

Edlin­ger-Ploder: Wenn ein Jugend­li­cher die Schule ver­lässt, muss er die grund­le­gen­den Kul­tur­tech­ni­ken beherr­schen. Wenn jemand rechnen, schrei­ben, lesen kann, dann kommt er in der Welt weiter. Schulen können aber nicht alles ver­mit­teln, da sind sie über­for­dert. Sie können zu selbst­stän­di­gem Agieren anlei­ten. Haus­ver­stand und Selbst­stän­dig­keit an sich sind eine andere Sache – und hier schadet unter Umstän­den eine doch ver­brei­te­te über­trie­be­ne Für­sor­ge der Eltern. Man muss auch aus Fehlern lernen. Die Hose muss in der Sand­kis­te nicht sauber bleiben.

Schick­ho­fer: Ins­ge­samt sollten wir keine fal­schen Leis­tungs­vor­stel­lun­gen haben. Es gibt natür­li­che Ent­wick­lungs­pha­sen beim Auf­wach­sen, die man beach­ten muss. Da braucht es zum Lernen nicht immer ein Schul­buch. Kinder müssen bestimm­te Pro­zes­se durch­ma­chen. Und genau da wollen wir oft stan­dar­di­sie­ren, was man nicht stan­dar­di­sie­ren kann. Ein Bei­spiel ist die Volks­schu­le, in der es darum geht, viel grund­sätz­li­ches Wissen zu ver­mit­teln, zum Bei­spiel sinn­erfas­sen­des Lesen. Viele Kinder sind aber mit dem Tempo über­for­dert – da müssen wir ver­schie­den schnel­le Ent­wick­lun­gen zulas­sen. Das Anfor­de­rungs­pro­fil sowohl an die Kinder als auch an die Schulen ist oft zu hoch. Vor allem sollten wir doch die Freude am Lernen erhal­ten. Und wir müssen stärker darauf achten, dass viele Fer­tig­kei­ten wieder ver­lernt werden, wenn man sie nicht regel­mä­ßig benutzt. Lebens­lan­ges Lernen ist unser Ziel. Auch Erwach­se­ne brau­chen hin und wieder Auf­fri­schungs­kur­se für bestimm­te Fähig­kei­ten wie z.B. Fremd­spra­chen.

Eichl­se­der: Das Eltern­haus ist ent­schei­dend dafür, ob Bildung einen Stel­len­wert hat. Die Ganz­tags­schu­le könnte da helfen und die Kinder bil­dungs­fer­ner Eltern stärker an die Schule binden.

Edlin­ger-Ploder: Ja, die Ganz­tags­schu­le wäre sehr wichtig. Das Argu­ment „Dann habe ich ja keine gemein­sa­me Zeit mehr mit dem Kind“ ist doch unsin­nig. In der Praxis findet doch diese gemein­sa­me Zeit meist gar nicht statt. Dafür sollen Fei­er­ta­ge und Wochen­en­den gut genützt werden können.

Schick­ho­fer: In der jet­zi­gen Situa­ti­on haben wir Lehrer, die ver­su­chen, alles in die knappe Zeit in der Schule hin­ein­zu­stop­fen. Wir sollten das Thema Ganz­tags­schu­le nicht aus der Sicht der Leh­rer­ge­werk­schaft betrach­ten, sondern unter dem Gesichts­punkt der Inter­es­sen der Kinder sehen.

Die MINT-Fächer – Mathe­ma­tik, Infor­ma­tik, Natur­wis­sen­schaf­ten und Technik – werden von der Wirt­schaft ein­ge­for­dert. Wie steht es um diese Fächer im Bil­dungs­sys­tem?

Edlin­ger-Ploder: Es gibt da zu wenige Ange­bo­te an die Jugend­li­chen. Daraus resul­tiert dann ein man­geln­des Selbst­ver­trau­en gegen­über einer tech­ni­schen Aus­bil­dung. Man sollte die Technik in einen anderen Zusam­men­hang als nur den der bloßen Theorie bringen.

Schick­ho­fer: Ver­mehr­te Feri­al­prak­ti­ka wären da ein neuer Zugang. Ins­be­son­de­re junge Frauen sollen für tech­ni­sche Berufe inter­es­siert werden. Es gibt schon viel Angebot in diese Rich­tung, aber noch immer eine deut­li­che Tendenz junger Frauen für Berufe im nicht­tech­ni­schen Bereich.

Eichl­se­der: Uni­ver­si­tä­ten, aber auch Betrie­be sind da gefor­dert. Prak­ti­kan­ten sind zwar im Grunde eine Belas­tung, aber auch eine loh­nen­de Inves­ti­ti­on in die Zukunft.

Katz­beck: Die Indus­trie kann ihre Türen öffnen, zum Bei­spiel mit Schnup­per­ta­gen. Und sie tut das auch.

Sind die Lehr­plä­ne an den Schulen über­haupt noch zeit­ge­mäß?

Schick­ho­fer: Ich würde gerne eine inten­si­ve Dis­kus­si­on über die Lehr­plä­ne führen. Die Tendenz, Dinge für das prak­ti­sche Leben zu redu­zie­ren und im Gegen­zug die Theorie zu erhöhen, sollte hin­ter­fragt werden.

Edlin­ger-Ploder: Man muss mehr Zeit für das Üben lassen.

Katz­beck: Gewisse Dinge könnte man zu den wich­ti­gen Grund­kennt­nis­sen zählen und hin­zu­fü­gen, andere dafür aus den Lehr­plä­nen strei­chen.

Berei­tet Ihnen die Drop-out-Quote an den Uni­ver­si­tä­ten, aber auch den Gym­na­si­en Sorge?

Eichl­se­der: Es kommt schon vor, dass jemand nach ein­ein­halb Jahren Studium drauf­kommt, dass diese Fach­rich­tung doch nichts für ihn ist. Volks­wirt­schaft­lich betrach­tet ist die Drop-out-Quote aber sehr gering, denn die Stu­di­en­ab­bre­cher schlie­ßen ein anderes Studium oder eine Lehre ab und finden einen Job.

Edlin­ger-Ploder: Es wäre besser, sich mit dem Thema Studium im Vorfeld aus­ein­an­der­zu­set­zen. Auf­nah­me­tests sind natür­lich kein All­heil­mit­tel, aber sie können dem Stu­dier­wil­li­gen und den Hoch­schu­len ein sach­li­ches Feed­back geben.

Schick­ho­fer: Man muss eine Ori­en­tie­rungs­pha­se zulas­sen. Das Gym­na­si­um ist nun einmal kein Studium und kein Job.

Gibt es beim Thema Bildung kon­kre­te Wünsche der Wirt­schaft an die Politik? Und was kann diese über­haupt tun?

Eichl­se­der: An den Schulen sollte auch ein Fach Technik ein­ge­führt werden und das nicht nur als Theorie. Das ist sogar über Dinge wie Basteln ver­mit­tel­bar. Damit könnte man denen, die es so gar nicht inter­es­siert, wenigs­tens die Basis bei­brin­gen.

Katz­beck: Gym­na­si­en und Neue Mit­tel­schu­len sollten auch die Praxis in den Unter­richt ein­flie­ßen lassen. Zum Bei­spie­le über Betriebs­be­su­che bei inter­es­sier­ten Firmen.

Schick­ho­fer: Als Lan­des­po­li­tik können wir Koope­ra­tio­nen anregen. Man muss die jungen Men­schen moti­vie­ren, sich mit Technik aus­ein­an­der­zu­set­zen. Da wäre ein spie­le­ri­scher Zugang ideal. Im Kin­der­gar­ten­be­reich, für den wir als Land zustän­dig sind, funk­tio­niert das natür­lich gut. Auch an den Volks­schu­len klappt das noch. Dann wird alles sehr theo­rie­las­tig. Ich glaube, wir sollten uns ins­ge­samt viel stärker auf Päd­ago­gik als auf reine Wis­sens­ver­mitt­lung kon­zen­trie­ren.

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