JUST-Redaktion|

Mutig in die neuen Zeiten

Warum es sich lohnt, an das Gute zu glauben und gegen die Schwerkraft des Pessimismus anzukämpfen.

Krieg, Krisen, Kli­ma­ka­ta­stro­phe: Und da soll man nicht trüb­sin­nig werden? Zumin­dest schei­nen wir ganz nahe am Welt­un­ter­gang dahin­zu­tän­zeln. Schließ­lich wird aktuell mit hoher Akribie der ganze Katalog an Miss­stän­den durch­de­kli­niert: die soziale Unge­rech­tig­keit, ein unge­zü­gel­ter Hyper­kon­sum, der zukunfts­ver­ges­se­ne Raubbau an der Natur, eine wach­sen­de Wolke lebens­ver­kür­zen­der Schad­stoff­emis­sio­nen, die Abhän­gig­keit von Des­po­ten aller Art, eine lodern­de Bil­dungs­mi­se­re, die Dumm­heit der Men­schen im All­ge­mei­nen, Pan­de­mie, Infla­ti­on, Cyber­crime – nichts wird aus­ge­las­sen. Dazu kommt die völlige Abwe­sen­heit von Plan­bar­keit.

Wer all das am Radar hat, kann ohne viel Anstren­gung den Glauben an das Gute ver­lie­ren und sich mit sor­gen­vol­lem Blick fragen, ob sich das mit der Zukunft mit­tel­fris­tig noch ausgeht? Oder man lässt diesen Mix aus Pes­si­mis­mus, Panik und Prag­ma­tis­mus erst gar nicht an sich heran – und kon­ser­viert sich seine kleine, heile Sicht auf den Wel­ten­lauf. Folgt man der These des Dra­ma­ti­kers Heiner Müller, ist Opti­mis­mus ja nur „ein Mangel an Infor­ma­tio­nen“. Dieses Modell des radi­ka­len Bad-News-Can­cel­ling ist zwar naiv und ner­ven­scho­nend – wird aber nicht reichen. Es braucht wohl ein wind­fes­te­res, aber gleich­zei­tig rea­lis­ti­sches Glücks­ver­spre­chen. Viel­leicht sollte man sich daher – gerade als Mit­be­woh­ner der Raunz­groß­macht Öster­reich – statt ins prä­sum­ti­ve Schei­tern öfter ins pro­ak­ti­ve Gelin­gen ver­lie­ben. Ein gut dosier­ter Opti­mis­mus wirkt schließ­lich wie Super­food fürs Ego, macht einen größer und ver­än­dert so auto­ma­tisch die Per­spek­ti­ve.

Denn per­ma­nen­te Schlecht­ma­che­rei drückt nicht nur aufs Gemüt, sondern auch aufs Gesichts­feld. Man schleicht und schlurft mit depres­si­ven Nebel­schein­wer­fern durch die Kel­ler­ge­schos­se des Lebens. Aus dieser Frosch­per­spek­ti­ve erscheint vieles riesig und das meiste unüber­wind­lich. Pro­ble­me wachsen, die Zuver­sicht schrumpft.

Dechif­friert man den Pes­si­mis­mus dagegen, zerlegt ihn in das, was er ist, ver­liert er schnell an Schre­cken. Man erkennt seine Ein­di­men­sio­na­li­tät. Wie ein zur „künst­li­chen Intel­li­genz“ ver­klär­ter Algo­rith­mus, der nur in bestehen­den Daten aus der Ver­gan­gen­heit nach Mustern sucht und daraus ver­sucht, die Zukunft vor­her­zu­sa­gen, kaut auch der Pes­si­mis­mus nur das sich wie­der­ho­lend Miss­glü­cken­de und alt­be­kannt Ent­täu­schen­de wieder: „Das hat noch nie funk­tio­niert!“, „Das war schon immer so!“, „Das wird wieder dane­ben­ge­hen!“ – eine Nega­tiv­spi­ra­le sich selbst erfül­len­der Pro­phe­zei­un­gen. „Der Unter­schied zwi­schen einem Opti­mis­ten und einem Pes­si­mis­ten besteht heute darin, dass der Opti­mist glaubt, die Zukunft sei unge­wiss“, hat Edward Teller diesen Mindset mit der mor­bi­den Ironie eines Phy­si­kers cha­rak­te­ri­siert.

Aber auch tra­gik­ko­mi­sche Hei­ter­keit wird zu wenig sein. Es braucht Opti­mis­ten, die reflek­tie­ren, rela­ti­vie­ren und revol­tie­ren. Die das Neue suchen und ent­de­cken. Opti­mis­ten sehen die Mög­lich­kei­ten, nicht die Schwie­rig­kei­ten; sie wagen das Streben nach Freude und ver­gif­ten sich nicht selbst mit sturer Mie­sel­sucht. Sie glauben an das Posi­ti­ve, ohne blau­äu­gig die Exis­tenz des Nega­ti­ven zu leugnen.

Während Pes­si­mis­ten nämlich nur in ihrer Tonlage und in stän­di­gem Dacapo Unter­gangs­sym­pho­nien abspie­len, schaf­fen Opti­mis­ten es, von Moll in Dur, vom Piano ins For­tis­si­mo zu wech­seln. Sie lassen anderen Stimmen Raum und finden so immer wieder neue Melo­die­mus­ter des Auf­bruchs. Statt der Schwer­kraft des sta­ti­schen „Das wird sicher nichts!“ schwingt die Leich­tig­keit eines fle­xi­blen „Das wird klappen!“ mit. Opti­mis­mus, der etwas auf sich hält, ist daher immer ein tap­fe­res „Trotz­dem“, kein halb­phleg­ma­ti­sches „Schauen wir einmal“. Der Opti­mist sieht Optio­nen, nicht das Oppo­si­tio­nel­le. Er trotzt dem Schick­sal das Mög­li­che ab, er hängt nichts Unrea­lis­ti­schem nach und behält trotz­dem die Maxi­mie­rung von Glück, Frei­heit und Freude im Fokus.

Würde man in den USA leben, stünde das quasi im Ver­fas­sungs­rang. So sind in der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung bestimm­te „unver­äu­ßer­li­che Rechte“ fest­ge­schrie­ben, zu denen „Leben, Frei­heit und das Streben nach Glück“ (Pursuit of Hap­pi­ness) gehören. Leicht ver­kitscht gelten die USA zudem als „Land der unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten“. Staat­lich ver­ord­ne­te Glücks­su­che in einer Ermög­li­cher-Kulisse: nicht die schlech­tes­te Kom­bi­na­ti­on. Damit soll nichts beschö­nigt und idea­li­siert, keine schiefe Ent­wick­lung gera­de­ge­bo­gen, keine Ver­ir­rung zur Ori­en­tie­rung hoch­ge­lobt werden – aber das kol­lek­ti­ve Bekennt­nis zur indi­vi­du­el­len Glücks­su­che täte auch dem „Land der großen Töchter und Söhne“ nicht schlecht, das sich in seiner Hymne selbst­be­schwö­rend ja für „zukunfts­reich“ hält und „arbeits­froh und hoff­nungs­reich“ „mutig in die neuen Zeiten“ schrei­ten will.

Ein bisserl mehr Daseins­dank­bar­keit und neu­gie­ri­ger Mut täten uns gut. Die Opti­mis­ten haben sich ohnehin schon auf den Weg Rich­tung morgen gemacht. Im besten Fall wollen sie das Optimum in einem ganz­heit­li­chen Sinn errei­chen – also nicht nur in der Sache selbst, sondern auch in deren Aus­wir­kun­gen auf die Men­schen. Dieser altru­is­ti­sche Ansatz funk­tio­niert selbst in Kri­sen­si­tua­tio­nen. Und zwar besser, als man es dem gerade in Eng­stel­len des Daseins zum Ego­is­ten abge­stem­pel­ten Men­schen zutraut. Denn im han­dels­üb­li­chen Bau­kas­ten der Vor­ur­tei­le findet sich ja übli­cher­wei­se ein klares Modell an Kau­sal­zu­sam­men­hän­gen.

Demnach führt eine Kata­stro­phen­si­tua­ti­on zu einem kol­lek­ti­ven Gefühl der Ohn­macht, zu einer starken Zunahme ego­is­ti­scher Hand­lun­gen sowie zu Mas­sen­pa­nik und wuchern­der Kri­mi­na­li­tät. Glaubt man sozio­lo­gi­schen Studien, stimmt das alles nicht. Demnach warten Men­schen in Not nicht ohn­mäch­tig auf Hilfe, sondern for­mie­ren Gruppen, geben sich Regeln und Auf­ga­ben, um mög­lichst vielen Men­schen zu helfen. „In Not­si­tua­tio­nen kommt das Beste im Men­schen zum Vor­schein“, resü­miert der nie­der­län­di­sche His­to­ri­ker Rutger Breg­mann. Er kenne keine andere sozio­lo­gi­sche Erkennt­nis, die glei­cher­ma­ßen sicher belegt ist und dennoch gänz­lich – sehr gerne auch von Medien – igno­riert werde.

Der Mensch täuscht sich offen­sicht­lich gerne über sich selbst. In Zeiten seman­ti­scher Volten, in denen die Bezeich­nung Gut­mensch zur hämi­schen Belei­di­gung umeti­ket­tiert wird, ver­wen­det der Mensch tat­säch­lich erstaun­lich viel intel­lek­tu­el­le Energie, um zu bewei­sen, dass es Altru­is­mus eigent­lich gar nicht gibt. Dass er in Wirk­lich­keit nichts anderes sei als das mehr oder weniger getarn­te Streben, das eigene Wohl­be­fin­den zu stei­gern und die eigenen Wünsche zu ver­wirk­li­chen.

Diese Spiel­art wird dann als „rezi­pro­ker Altru­is­mus“ schub­la­di­siert. Was klingt wie eine mathe­ma­ti­sche Formel, meint in Wahr­heit aber nur jenes Handeln, das mit der Rede­wen­dung „eine Hand wäscht die andere“ all­tags­taug­lich über­setzt ist: Hinter jeder Hil­fe­leis­tung steckt demnach in Wahr­heit nur die Erwar­tung, selbst besser aus­zu­stei­gen – sei es mate­ri­ell oder imma­te­ri­ell in Form von Lob und Aner­ken­nung. Mit sor­ten­rei­nem Altru­is­mus, der allein auf der Moti­va­ti­on beruht, das Wohl des anderen zu ermög­li­chen, hat das relativ wenig zu tun. Mit schlecht getarn­tem Ego­is­mus dagegen relativ viel.

Dabei steckt unend­lich viel posi­ti­ve Energie im Altru­is­mus. Er trägt ein Flä­chen­brand­gen in sich. Denn nicht nur gute Laune und ein Lächeln wirken anste­ckend. Kurze Inter­ven­ti­on zur Beweis­füh­rung: Legen Sie diesen Text kurz zur Seite und lächeln Sie bei nächst­mög­li­cher Gele­gen­heit ihr Gegen­über an. Was pas­siert? Ein ähn­li­cher Schnee­ball­ef­fekt wohnt auch im Altru­is­mus. So haben Studien gezeigt (und wird bei der jähr­li­chen „Licht ins Dunkel“-Aktion oder regel­mä­ßi­gen „Nachbar in Not“-Spendenaufrufen bewie­sen), dass sich bei Men­schen, die die Spen­den­be­reit­schaft anderer erleben, die Bereit­schaft, selbst groß­zü­gig zu sein, um 150 Prozent erhöht. Manch­mal reicht es auch schon, eine Geschich­te über eine altru­is­ti­sche Hand­lung zu hören. Altru­is­mus ist also – ins Start-up-Deutsch über­setzt – „ska­lier­bar“. Keine schlech­te Basis für eine bessere Zukunft. Man muss sich nur auf­raf­fen. Und auf­rich­ten.

Denn hebt man den Blick, sieht man die Sonne früher, wird das Trübe klarer, das Mög­li­che breiter. Man nähert sich wieder dem Denk­mus­ter der Auf­klä­rung, die den Gang der Geschich­te als Fort­schritt im wahren Wort­sinn – als Fort­schrei­ten Rich­tung bessere Zukunft – ver­steht und im besten Fall nicht nur Technik und Wis­sen­schaft umfasst, sondern auch Recht, Politik und Moral. Als gelern­ter Bewoh­ner Öster­reichs, wo Poli­ti­ker­kar­rie­ren immer öfter vor dem Straf­rich­ter enden, stockt man spä­tes­tens an dieser Stelle. Nein, die Welt ist nicht nur gut. Es wird sie wei­ter­hin geben, die Skan­da­le und Affären, die Kriege, Kata­stro­phen und Krisen.

Aber befreit von diesem Senk­blei mensch­li­chen Ver­trau­ens an das Gute ist die Welt bei Weitem nicht so schlecht, wie sie gerne hin­ge­stellt und ver­ur­teilt wird. Es braucht nur richtig dosier­te Zuver­sicht, die keinen flir­ren­den Illu­sio­nen und wol­ki­gen Visio­nen nach­hängt, sondern als Basis für fak­ten­ba­sier­tes Handeln taugt. „Mit der roman­ti­schen Sicht­wei­se von Welt­ver­bes­se­rern und Welt­ret­tern hat das wenig zu tun“, dif­fe­ren­zier­te Wolf Lotter zuletzt in einer scharf­sich­ti­gen Gesell­schafts­ana­ly­se. Es gehe um eine nüch­ter­ne Bestands­auf­nah­me, die dabei hilft, wei­ter­zu­kom­men. Das Prinzip Hoff­nung diene dafür als Kom­pass­na­del, die immer neu ein­gen­or­det werden muss. Das sei zwar mühsam, aber so ist sie eben – die Zukunft: Sie ergibt sich nicht von selbst. Sie wird gemacht. Davor muss man sich nicht fürch­ten.

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