JUST-Redaktion|

Die Wie­der­kehr der Ent­de­ckungs­lust

Vor der Erfindung des Menschen gab es keine Entdeckungen. Die Tiere hatten wohl keine Lust dazu, außerdem verfügten sie über hervorragend funktionierende Instinkte.
Illustration: Gernot Reiter

Ande­rer­seits sind sie bis heute nicht drauf­ge­kom­men, wie man Feuer macht. Dies­falls ist auch der ange­bo­re­ne Spür­sinn kein Hilfs­mit­tel. Jetzt aber hinein in die ent­de­ckungs­rei­che Evo­lu­ti­ons­er­zäh­lung, im exem­pla­ri­schen Schnell­ver­fah­ren.

Oft sträf­lich unter­schätzt oder sogar miss­ach­tet wird der Ein­fluss des Apfels auf diese Mensch­heits­ge­schich­te, die fast immer auch eine Geschich­te der großen, kleinen und kei­nes­wegs zuletzt auch der zufäl­li­gen Ent­de­ckun­gen ist. Klar doch, da drängen sich gleich einmal Adam und Eva auf. Aber das Schick­sal dieses Duos ist durch­ge­kaut, von allen Seiten. Sie ent­deck­ten halt das Lust­prin­zip. Ein dar­ge­bo­te­ner Apfel spielte in der ver­häng­nis­vol­len Affäre eine ent­schei­den­de Rolle. Ob all das wahr ist oder nicht, kann in eine weitere von unzäh­li­gen Grü­be­lei­en münden. Auch inten­si­ve Spe­ku­la­tio­nen über die nicht genann­te Apfel­sor­te ließen sich anstel­len. Das wäre eine durch­aus spek­ta­ku­lä­re Ent­de­ckung, eine Zusat­z­epi­so­de, gut und gerne eine min­des­tens drei­tei­li­ge TV-Serie wert, neu­zeit­lich betrach­tet. Aber: Der Adams­ap­fel schei­det aus.

Doch drehen wir ein wenig weiter am Apfel-Geschichts­rad, das auch erst einmal erfun­den und ent­deckt werden musste. Beim Schlen­dern durch den Obst­gar­ten wurde der Astro­nom, Phy­si­ker und Mathe­ma­ti­ker Isaac Newton, im 17. Jahr­hun­dert einer der Klas­sen­bes­ten, von einem Apfel getrof­fen. Salopp for­mu­liert: Er fiel ihm auf die Birne. Der Ärger währte nur kurz, denn er wich einer genia­len Ent­de­ckung. Das Gra­vi­ta­ti­ons­ge­setz erblick­te das Licht der Welt.

Dem eid­ge­nös­si­schen Natio­nal­hel­den Wilhelm Tell diente ein Apfel auf dem Kopf seines Sohnes dazu, seine Ziel- und Treff­si­cher­heit zum gold­rich­ti­gen Zeit­punkt zu ent­de­cken, Fried­rich Schil­ler wie­der­um fand heraus, wie inspi­rie­rend beim Dichten der Geruch fauler Äpfel sein kann. So wurden die „Räuber“ ent­deckt. Die Reihe ließe sich noch lange fort­set­zen und würde schließ­lich auch bei Apple landen. Aller­dings blenden wir uns da aus, um dem Vorwurf der Schleich­wer­bung zu ent­ge­hen.

Tat­säch­lich gewor­ben werden soll für die Wie­der­be­le­bung der Ent­de­cker­freu­de, die in einem klaren Nah­ver­hält­nis zur Neugier steht. Je kind­li­cher und unbe­fan­ge­ner, desto besser. Wer dies für unan­ge­bracht, gren­zen­los naiv oder welt­fremd hält, kann schad­los wei­ter­hin sein Leben als Stu­ben­ho­cker hegen und pflegen, über die Mono­to­nie und Lan­ge­wei­le seines Daseins räso­nie­ren und all sein Leid und sein Kla­ge­lied über die Ereig­nis­lo­sig­keit seinem allzeit brav zuhö­ren­den Smart­phone mit­tei­len. Dann wird es, zusam­men mit dem Denken und dem Wissen aus­ge­la­gert in eine Cloud, einer Gehirn­räu­mung gleich. Alles wird ein­ge­bet­tet in die ver­meint­li­che Wolke 7. Sollte es dort zu Stör­ak­tio­nen kommen, etwa durch Hacker, ließe sich, aktua­li­siert, eine alt­be­kann­te Pro­test­hym­ne mit anderen Inten­tio­nen anstim­men: „Hey you, get off of my cloud.“ Klingt gut, hilft sicher nicht.

Vom Tixo über den Tee­beu­tel bis zum Teflon, vom Peni­cil­lin bis zu den Rönt­gen­strah­len, stets führte bei diesen Ent­de­ckun­gen der Zufall Regie. Nicht alle wollen das glauben. Deshalb ver­wun­dert es nicht, dass sich seit etli­chen Jahren eine Gruppe hoch­ka­rä­ti­ger Wis­sen­schaf­ter mit der Frage beschäf­tigt, ob nicht hinter diesem Zufall ein raf­fi­nier­tes Wahr­schein­lich­keits­ge­setz steckt. Mögen die For­scher fündig werden, mögen sie ent­de­cken, wonach sie so fie­ber­haft suchen. Viel­leicht steht ihnen ja der Zufall hilf­reich zur Seite – wir lassen sie mit diesem Unter­fan­gen respekt­voll, still und heim­lich allein und ver­ber­gen uns wieder.

Ver­ber­gen – ein gutes Stich­wort. Denn das Sicht­ba­re ist vom Ver­bor­ge­nen oft nur einen kleinen Schritt ent­fernt. Mäu­se­schritt nannten wir das in unserer Kind­heit. Mit­un­ter bedarf es auch nur einer mini­ma­len Ände­rung des Blick­win­kels, um auf bisher Unbe­kann­tes, Unge­se­he­nes, Uner­hör­tes zu stoßen. Das geschieht natür­lich nicht im Seri­en­mo­dus. Dennoch gilt: Wer suchet, der findet auch. Ohne Hast und Eile, stress­be­freit.

Es ist schon einige Zeit her, da schuf der deut­sche Autor Sten Nadolny mit dem Roman „Die Ent­de­ckung der Lang­sam­keit“ ein Kult­buch, das eine pas­sen­de Antwort auf die gras­sie­ren­de Hektik bot. Er war, schon klar da hinten, kei­nes­wegs der erste Dichter, der für den Tritt auf die Tem­po­brem­se plä­dier­te, ideal erwies sich der Zeit­punkt, den er wählte. Umringt von einer Gesell­schaft, die sich hechelnd selbst auf die Zunge trat. Modi­sche Trends waren die Folge, mit der Slow-Food-Bewe­gung an der Spitze. Die Taug­lich­keits­prü­fung als Neu­ent­de­ckung ver­fehl­te sie. Aber sie weckte gesunde Erin­ne­run­gen.

In eine andere Kate­go­rie gehört „Slow Travel“. Nun ist das Plä­doy­er für das lang­sa­me Reisen, für die bedäch­ti­ge, neu­gie­ri­ge Fort­be­we­gung eben­falls kei­nes­wegs neu. Span­nend aber ist der Ansatz­punkt. Man möge, am besten in einem gemüt­li­chen Regio­nal­zug, in eine bisher noch nicht besuch­te Stadt reisen, ohne nähere Unter­la­gen oder Infor­ma­tio­nen. Will heißen: Auf diverse Rei­se­füh­rer, Stadt­plä­ne und sons­ti­ge Rat­ge­ber wird ver­zich­tet. Nach der Ankunft auf dem Bahnhof führt der Weg nach belie­bi­ger Wahl der Him­mels­rich­tung mitten hinein ins Unbe­kann­te, Unbe­schrie­be­ne – die Stadt will gelesen und erforscht werden. Je indi­vi­du­el­ler, desto besser.

Dis­co­ver. In Rein­kul­tur

Die Neugier zählt, gemein­sam mit der Phan­ta­sie, zu jenen Res­sour­cen auf diesem hem­mungs­los aus­ge­beu­te­ten Pla­ne­ten, die in unbe­grenz­ten Maßen zur Ver­fü­gung stehen. Grund­sätz­lich kos­ten­los noch dazu; denkbar wäre es, dass sie deshalb als suspekt, ana­chro­nis­tisch oder nutzlos erschei­nen. Wie groß und ein­drucks­voll die per­sön­li­chen Gewinne sein können – was kümmert dies die Pro­fi­teu­re und unsere spe­zi­el­len Freunde, die Stu­ben­ho­cker? Die Erde sei längst bis in den letzten Winkel erforscht, ver­mes­sen, foto­gra­fiert, lautet ein belieb­tes Argu­ment all jener, die bes­ten­falls auf den diver­sen Google-Land­kar­ten die ver­meint­li­che Bana­li­tät des Orts­wech­sels simu­lie­ren. Nichts davon ersetzt jedoch die sub­jek­ti­ve Erfah­rung, das per­sön­li­che Erleb­nis. Die Distanz ist völlig neben­säch­lich. Was sei schon eine Reise nach China ver­gli­chen mit dem Versuch, mitten in der Nacht in einem fremden, unbe­leuch­te­ten Hotel­zim­mer ein Glas Wasser zu finden, meinte Ennio Flaiano über eine Dis­co­ver-Tour der bekann­ten und doch immer wieder neuen und über­ra­schen­den Art.

Soge­nann­te „Ent­de­ckungs­rei­sen“, mit oder ohne Suche nach dem Was­ser­glas, stehen hoch im Kurs. Der Zufall (schon wieder der!) wollte es, dass vor zwei Tagen der Pro­spekt eines Rei­se­kon­zerns auf dem Schreib­tisch landete und seither unge­dul­dig auf seinen Einsatz wartet. Roger! Jetzt ist es so weit. Ange­prie­sen wird in höchs­ten Tönen eine 14-tägige Ent­de­ckungs­rei­se, Ziel ist eine Insel im Mit­tel­meer, der Name tut nichts zur Sache. Die Insel erfreut sich größter Popu­la­ri­tät, sie ist nach zwei mageren Jahren wieder hoch fre­quen­tiert, die Zahl der Sehens­wür­dig­kei­ten hält sich in engen Grenzen. Die bestens aus­ge­bau­ten Wege geben sich einige Mühe, um wie gut ver­bor­ge­ne Tram­pel­pfa­de zu erschei­nen, schließ­lich lockt das angeb­li­che Aben­teu­er samt Unter­kunft in einem Fünf-Sterne-Luxus­res­sort. Reisen ist eben eine Geschmacks­sa­che.

Die wie­der­um reicht vom Genorm­ten, Vor­her­seh­ba­ren bis zum Außer­ge­wöhn­li­chen und Über­ra­schen­den. Nicht zu ver­ges­sen: das Unglaub­wür­di­ge. In den USA, dem Kern­land aller Ver­schwö­rungs­theo­rien, sind nach wie vor rund sieben Prozent der Bevöl­ke­rung über­zeugt, dass die Mond­lan­dung im Jahr 1969 eine glatte und leicht wider­leg­ba­re Lüge gewesen sei. In Groß­bri­tan­ni­en sind es sogar 52 Prozent. Der Vor­schlag, all diese Lügen­ba­ro­ne mond­wärts zu schi­cken, um sich selbst ein Bild zu machen, schei­tert nicht zuletzt an den Kosten. Aber viel­leicht gibt es dank diver­ser Mil­li­ar­dä­re, die unent­wegt Raketen basteln lassen, bald ohnehin einen regen Pen­del­ver­kehr zum Tra­ban­ten.

Aber es gibt ja auch eine andere, wun­der­ba­re Mög­lich­keit zum Konter. In seinem gran­dio­sen „Märchen für Erwach­se­ne“ behaup­tet der Autor Peter Bichsel schlicht und einfach: „Amerika gibt es nicht.“ Even­tu­ell stimmt’s ja. Jeden­falls fuhr Herr Kolum­bus mehr­mals über den Atlan­tik und ent­deck­te nichts als Wasser, Wasser und noch einmal Wasser. Aus Angst vor einer Strafe (die Ent­de­ckungs­rei­se waren ja kei­nes­wegs billig) erfand er 1492 ein Land namens Amerika und schwärm­te davon in höchs­ten Tönen. Allein: Es exis­tier­te nicht.

Nach und nach reisten immer mehr neu­gie­ri­ge Leute über den Großen Teich, auch sie sahen weit und breit ledig­lich Wasser, aber sie wagten nicht, dies zuzu­ge­ben. Daher fügten sie weitere, gera­de­zu sen­sa­tio­nel­le Ent­de­ckun­gen hinzu. Etwa über Häuser, fünf Stock­wer­ke hoch. Niemand wollte sich bla­mie­ren, die Häuser wuchsen und wuchsen, bis sie beinahe in den Himmel ragten. Sogar ein eigener Name wurde dafür erfun­den: Wol­ken­krat­zer. Jeder Rei­sen­de überbot seinen Vor­gän­ger mit neuen, fan­tas­ti­schen Impres­sio­nen – tja, so einfach geht das.

Übri­gens: Wer tat­säch­lich Unent­deck­tes im großen Stil erfor­schen will, sollte sich auf den Welt­mee­ren umsehen, die ja einen großen Teil der Erde für sich bean­spru­chen. 62 Prozent davon sind noch uner­forscht, aller­dings erst ab einer Tiefe von einem Kilo­me­ter. Mit Schnor­chel und Tau­cher­bril­le ist da nur wenig anzu­fan­gen.

Wir befin­den uns in einem Zeit­al­ter der Des­il­lu­sio­nie­rung. Dem Über­fluss folgte der Über­druss, die Spaß­ge­sell­schaft reibt sich ver­ka­tert die Augen, der poli­ti­sche Chat-Set schlägt sich mit Para­gra­fen herum, der All­tags­trott domi­niert.

Grund­falsch wäre es, nun in Resi­gna­ti­on zu ver­fal­len oder sich dem Still­stand hin­zu­ge­ben.

Diese Epoche ver­langt nach Gegen­stra­te­gien, nach Lebens­freu­de, nach Neugier, Wagemut, nach neuen Erfah­run­gen und Ent­de­ckun­gen. Was spricht denn dagegen, ohne jeg­li­che Vor­kennt­nis ein Instru­ment zur Hand zu nehmen oder sich, wenn vor­han­den, an ein Klavier zu setzen, jenes im Par­la­ment zum Bei­spiel, und garan­tiert uner­hör­te Töne und Ton­fol­gen in die Welt zu setzen? Der Spiel­ort fal­scher Töne wäre passend. Die Zahl der Zuhörer dürfte in Rich­tung null ten­die­ren – aber wen kümmert das? Die Bahnen der Bana­li­tät spontan zu ver­las­sen, das zählt, das gewinnt enorm an Bedeu­tung.

Eine Anek­do­te ruft sich in Erin­ne­rung: Ein Bank­di­rek­tor schenkt seinem kleinen Sohn eine wun­der­ba­re Holz­ei­sen­bahn, zum Zusam­men­bau bestimmt. Der Bub blickt kurz auf die große Schach­tel, dann schiebt er sie achtlos zur Seite. Er möchte lieber Bahn­di­rek­tor
werden.

Durch­aus denkbar wäre es, dass einige Häuser weiter ein anderer kleiner Bub drei anein­an­der­ge­reih­te Bau­klöt­ze auf­ge­regt über den Boden schiebt – er fegt und rauscht dahin im Ori­ent­ex­press, befl ügelt durch die Fan­ta­sie. Darum also: dis­co­ver.

Belä­chelt viel­leicht als Rück­fall in die Infan­ti­li­tät, als Rück­kehr auf das kind­li­che Terrain, und trotz­dem ein wich­ti­ger Schritt. Weil unsere einzige Gewiss­heit die Unge­wiss­heit ist. Das Fla­nie­ren unter Apfel­bäu­men wäre der schlech­tes­te Anfang nicht. Wer weiß denn schon, was alles von oben kommen könnte?

 

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