Andererseits sind sie bis heute nicht draufgekommen, wie man Feuer macht. Diesfalls ist auch der angeborene Spürsinn kein Hilfsmittel. Jetzt aber hinein in die entdeckungsreiche Evolutionserzählung, im exemplarischen Schnellverfahren.
Oft sträflich unterschätzt oder sogar missachtet wird der Einfluss des Apfels auf diese Menschheitsgeschichte, die fast immer auch eine Geschichte der großen, kleinen und keineswegs zuletzt auch der zufälligen Entdeckungen ist. Klar doch, da drängen sich gleich einmal Adam und Eva auf. Aber das Schicksal dieses Duos ist durchgekaut, von allen Seiten. Sie entdeckten halt das Lustprinzip. Ein dargebotener Apfel spielte in der verhängnisvollen Affäre eine entscheidende Rolle. Ob all das wahr ist oder nicht, kann in eine weitere von unzähligen Grübeleien münden. Auch intensive Spekulationen über die nicht genannte Apfelsorte ließen sich anstellen. Das wäre eine durchaus spektakuläre Entdeckung, eine Zusatzepisode, gut und gerne eine mindestens dreiteilige TV-Serie wert, neuzeitlich betrachtet. Aber: Der Adamsapfel scheidet aus.
Doch drehen wir ein wenig weiter am Apfel-Geschichtsrad, das auch erst einmal erfunden und entdeckt werden musste. Beim Schlendern durch den Obstgarten wurde der Astronom, Physiker und Mathematiker Isaac Newton, im 17. Jahrhundert einer der Klassenbesten, von einem Apfel getroffen. Salopp formuliert: Er fiel ihm auf die Birne. Der Ärger währte nur kurz, denn er wich einer genialen Entdeckung. Das Gravitationsgesetz erblickte das Licht der Welt.
Dem eidgenössischen Nationalhelden Wilhelm Tell diente ein Apfel auf dem Kopf seines Sohnes dazu, seine Ziel- und Treffsicherheit zum goldrichtigen Zeitpunkt zu entdecken, Friedrich Schiller wiederum fand heraus, wie inspirierend beim Dichten der Geruch fauler Äpfel sein kann. So wurden die „Räuber“ entdeckt. Die Reihe ließe sich noch lange fortsetzen und würde schließlich auch bei Apple landen. Allerdings blenden wir uns da aus, um dem Vorwurf der Schleichwerbung zu entgehen.
Tatsächlich geworben werden soll für die Wiederbelebung der Entdeckerfreude, die in einem klaren Nahverhältnis zur Neugier steht. Je kindlicher und unbefangener, desto besser. Wer dies für unangebracht, grenzenlos naiv oder weltfremd hält, kann schadlos weiterhin sein Leben als Stubenhocker hegen und pflegen, über die Monotonie und Langeweile seines Daseins räsonieren und all sein Leid und sein Klagelied über die Ereignislosigkeit seinem allzeit brav zuhörenden Smartphone mitteilen. Dann wird es, zusammen mit dem Denken und dem Wissen ausgelagert in eine Cloud, einer Gehirnräumung gleich. Alles wird eingebettet in die vermeintliche Wolke 7. Sollte es dort zu Störaktionen kommen, etwa durch Hacker, ließe sich, aktualisiert, eine altbekannte Protesthymne mit anderen Intentionen anstimmen: „Hey you, get off of my cloud.“ Klingt gut, hilft sicher nicht.
Vom Tixo über den Teebeutel bis zum Teflon, vom Penicillin bis zu den Röntgenstrahlen, stets führte bei diesen Entdeckungen der Zufall Regie. Nicht alle wollen das glauben. Deshalb verwundert es nicht, dass sich seit etlichen Jahren eine Gruppe hochkarätiger Wissenschafter mit der Frage beschäftigt, ob nicht hinter diesem Zufall ein raffiniertes Wahrscheinlichkeitsgesetz steckt. Mögen die Forscher fündig werden, mögen sie entdecken, wonach sie so fieberhaft suchen. Vielleicht steht ihnen ja der Zufall hilfreich zur Seite – wir lassen sie mit diesem Unterfangen respektvoll, still und heimlich allein und verbergen uns wieder.
Verbergen – ein gutes Stichwort. Denn das Sichtbare ist vom Verborgenen oft nur einen kleinen Schritt entfernt. Mäuseschritt nannten wir das in unserer Kindheit. Mitunter bedarf es auch nur einer minimalen Änderung des Blickwinkels, um auf bisher Unbekanntes, Ungesehenes, Unerhörtes zu stoßen. Das geschieht natürlich nicht im Serienmodus. Dennoch gilt: Wer suchet, der findet auch. Ohne Hast und Eile, stressbefreit.
Es ist schon einige Zeit her, da schuf der deutsche Autor Sten Nadolny mit dem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ ein Kultbuch, das eine passende Antwort auf die grassierende Hektik bot. Er war, schon klar da hinten, keineswegs der erste Dichter, der für den Tritt auf die Tempobremse plädierte, ideal erwies sich der Zeitpunkt, den er wählte. Umringt von einer Gesellschaft, die sich hechelnd selbst auf die Zunge trat. Modische Trends waren die Folge, mit der Slow-Food-Bewegung an der Spitze. Die Tauglichkeitsprüfung als Neuentdeckung verfehlte sie. Aber sie weckte gesunde Erinnerungen.
In eine andere Kategorie gehört „Slow Travel“. Nun ist das Plädoyer für das langsame Reisen, für die bedächtige, neugierige Fortbewegung ebenfalls keineswegs neu. Spannend aber ist der Ansatzpunkt. Man möge, am besten in einem gemütlichen Regionalzug, in eine bisher noch nicht besuchte Stadt reisen, ohne nähere Unterlagen oder Informationen. Will heißen: Auf diverse Reiseführer, Stadtpläne und sonstige Ratgeber wird verzichtet. Nach der Ankunft auf dem Bahnhof führt der Weg nach beliebiger Wahl der Himmelsrichtung mitten hinein ins Unbekannte, Unbeschriebene – die Stadt will gelesen und erforscht werden. Je individueller, desto besser.
Discover. In Reinkultur
Die Neugier zählt, gemeinsam mit der Phantasie, zu jenen Ressourcen auf diesem hemmungslos ausgebeuteten Planeten, die in unbegrenzten Maßen zur Verfügung stehen. Grundsätzlich kostenlos noch dazu; denkbar wäre es, dass sie deshalb als suspekt, anachronistisch oder nutzlos erscheinen. Wie groß und eindrucksvoll die persönlichen Gewinne sein können – was kümmert dies die Profiteure und unsere speziellen Freunde, die Stubenhocker? Die Erde sei längst bis in den letzten Winkel erforscht, vermessen, fotografiert, lautet ein beliebtes Argument all jener, die bestenfalls auf den diversen Google-Landkarten die vermeintliche Banalität des Ortswechsels simulieren. Nichts davon ersetzt jedoch die subjektive Erfahrung, das persönliche Erlebnis. Die Distanz ist völlig nebensächlich. Was sei schon eine Reise nach China verglichen mit dem Versuch, mitten in der Nacht in einem fremden, unbeleuchteten Hotelzimmer ein Glas Wasser zu finden, meinte Ennio Flaiano über eine Discover-Tour der bekannten und doch immer wieder neuen und überraschenden Art.
Sogenannte „Entdeckungsreisen“, mit oder ohne Suche nach dem Wasserglas, stehen hoch im Kurs. Der Zufall (schon wieder der!) wollte es, dass vor zwei Tagen der Prospekt eines Reisekonzerns auf dem Schreibtisch landete und seither ungeduldig auf seinen Einsatz wartet. Roger! Jetzt ist es so weit. Angepriesen wird in höchsten Tönen eine 14-tägige Entdeckungsreise, Ziel ist eine Insel im Mittelmeer, der Name tut nichts zur Sache. Die Insel erfreut sich größter Popularität, sie ist nach zwei mageren Jahren wieder hoch frequentiert, die Zahl der Sehenswürdigkeiten hält sich in engen Grenzen. Die bestens ausgebauten Wege geben sich einige Mühe, um wie gut verborgene Trampelpfade zu erscheinen, schließlich lockt das angebliche Abenteuer samt Unterkunft in einem Fünf-Sterne-Luxusressort. Reisen ist eben eine Geschmackssache.
Die wiederum reicht vom Genormten, Vorhersehbaren bis zum Außergewöhnlichen und Überraschenden. Nicht zu vergessen: das Unglaubwürdige. In den USA, dem Kernland aller Verschwörungstheorien, sind nach wie vor rund sieben Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass die Mondlandung im Jahr 1969 eine glatte und leicht widerlegbare Lüge gewesen sei. In Großbritannien sind es sogar 52 Prozent. Der Vorschlag, all diese Lügenbarone mondwärts zu schicken, um sich selbst ein Bild zu machen, scheitert nicht zuletzt an den Kosten. Aber vielleicht gibt es dank diverser Milliardäre, die unentwegt Raketen basteln lassen, bald ohnehin einen regen Pendelverkehr zum Trabanten.
Aber es gibt ja auch eine andere, wunderbare Möglichkeit zum Konter. In seinem grandiosen „Märchen für Erwachsene“ behauptet der Autor Peter Bichsel schlicht und einfach: „Amerika gibt es nicht.“ Eventuell stimmt’s ja. Jedenfalls fuhr Herr Kolumbus mehrmals über den Atlantik und entdeckte nichts als Wasser, Wasser und noch einmal Wasser. Aus Angst vor einer Strafe (die Entdeckungsreise waren ja keineswegs billig) erfand er 1492 ein Land namens Amerika und schwärmte davon in höchsten Tönen. Allein: Es existierte nicht.
Nach und nach reisten immer mehr neugierige Leute über den Großen Teich, auch sie sahen weit und breit lediglich Wasser, aber sie wagten nicht, dies zuzugeben. Daher fügten sie weitere, geradezu sensationelle Entdeckungen hinzu. Etwa über Häuser, fünf Stockwerke hoch. Niemand wollte sich blamieren, die Häuser wuchsen und wuchsen, bis sie beinahe in den Himmel ragten. Sogar ein eigener Name wurde dafür erfunden: Wolkenkratzer. Jeder Reisende überbot seinen Vorgänger mit neuen, fantastischen Impressionen – tja, so einfach geht das.
Übrigens: Wer tatsächlich Unentdecktes im großen Stil erforschen will, sollte sich auf den Weltmeeren umsehen, die ja einen großen Teil der Erde für sich beanspruchen. 62 Prozent davon sind noch unerforscht, allerdings erst ab einer Tiefe von einem Kilometer. Mit Schnorchel und Taucherbrille ist da nur wenig anzufangen.
Wir befinden uns in einem Zeitalter der Desillusionierung. Dem Überfluss folgte der Überdruss, die Spaßgesellschaft reibt sich verkatert die Augen, der politische Chat-Set schlägt sich mit Paragrafen herum, der Alltagstrott dominiert.
Grundfalsch wäre es, nun in Resignation zu verfallen oder sich dem Stillstand hinzugeben.
Diese Epoche verlangt nach Gegenstrategien, nach Lebensfreude, nach Neugier, Wagemut, nach neuen Erfahrungen und Entdeckungen. Was spricht denn dagegen, ohne jegliche Vorkenntnis ein Instrument zur Hand zu nehmen oder sich, wenn vorhanden, an ein Klavier zu setzen, jenes im Parlament zum Beispiel, und garantiert unerhörte Töne und Tonfolgen in die Welt zu setzen? Der Spielort falscher Töne wäre passend. Die Zahl der Zuhörer dürfte in Richtung null tendieren – aber wen kümmert das? Die Bahnen der Banalität spontan zu verlassen, das zählt, das gewinnt enorm an Bedeutung.
Eine Anekdote ruft sich in Erinnerung: Ein Bankdirektor schenkt seinem kleinen Sohn eine wunderbare Holzeisenbahn, zum Zusammenbau bestimmt. Der Bub blickt kurz auf die große Schachtel, dann schiebt er sie achtlos zur Seite. Er möchte lieber Bahndirektor
werden.
Durchaus denkbar wäre es, dass einige Häuser weiter ein anderer kleiner Bub drei aneinandergereihte Bauklötze aufgeregt über den Boden schiebt – er fegt und rauscht dahin im Orientexpress, befl ügelt durch die Fantasie. Darum also: discover.
Belächelt vielleicht als Rückfall in die Infantilität, als Rückkehr auf das kindliche Terrain, und trotzdem ein wichtiger Schritt. Weil unsere einzige Gewissheit die Ungewissheit ist. Das Flanieren unter Apfelbäumen wäre der schlechteste Anfang nicht. Wer weiß denn schon, was alles von oben kommen könnte?





