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Krise gemeinsam meistern

Juliane Bogner-Strauß, steirische Gesundheitslandesrätin, zuständig auch für Pflege, und Andreas Herz, Vizepräsident der Wirtschaftskammer Steiermark und Obmann der Fachgruppe und des Fachverbands „Personenberatung und Personenbetreuung“ und damit beruflicher Interessenvertreter der in der 24-Stunden-Betreuung tätigen Selbstständigen: Gemeinsam leisteten sie ihren Beitrag dazu, dass Betreuung und Pflege während der Corona-Krise gesichert blieben.

Was aus dieser ersten Corona-Phase ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Juliane Bogner-Strauß • Das Schlüsselerlebnis für mich war, wie von Anfang an alle, die als Verantwortungs- und Entscheidungsträger gefordert waren, ganz unkompliziert auf Augenhöhe quasi rund um die Uhr miteinander zusammengearbeitet haben, um das Beste zur Bewältigung dieser Krise beizutragen. Wie gut dieser Zusammenhalt funktioniert hat, ist für mich eine der wesentlichsten Erfahrungen, die ich mitnehme. Vor allem aber können wir ganz besonders stolz auf die Menschen in der Steiermark sein, die sich so vorbildlich und verantwortungsvoll an die Vorgaben gehalten haben. Man kann Maßnahmen setzen – aber es sind die Leute draußen, die diese Maßnahmen mittragen und umsetzen müssen. Was mich persönlich am meisten bewegt hat, war der Augenblick, als ich nach Wochen ohne direkten persönlichen Kontakt meine Eltern wiedergesehen habe – natürlich unter Wahrung der Distanz.

Die Dynamik war enorm – plötzlich waren die Grenzen zu. Die 24-Stunden-Betreuung Tausender Steirerinnen und Steirer drohte sich in nichts aufzulösen.

Bogner-Strauß • Uns war sofort klar, dass die Grenzsperren uns vor große Herausforderungen stellen würden. Doch wir haben umgehend Maßnahmen ergriffen, etwa eine Unterstützungsprämie von 500 Euro für jene Betreuungspersonen ausgelobt, die bereit waren, ihren Turnus zu verlängern. Die meisten haben das auch tatsächlich getan. Gemeinsam mit der Fachgruppe in der Wirtschaftskammer wurde extrem schnell reagiert. Gleichzeitig haben wir bereits Vorkehrungen getroffen, um trotz der schwierigen Lage einen möglichst reibungslosen Betreuerinnenwechsel gewährleisten zu können. Die Wirtschaftskammer stellt sicher, dass Betreuerinnen in die Steiermark kommen, das Land Steiermark sorgt dafür, dass sie getestet werden, damit sie dann auch möglichst rasch zu den von ihnen betreuten Menschen gelangen. Auch für den Bereich der Pflege haben wir im Gesundheitsressort rasch und umfassend reagiert. Wir haben eine Testpriorisierung geschaffen, Verlegungspläne definiert, Ausweichquartiere zur Verfügung gestellt, eine Pflegehotline sowie eine E-Mail-Adresse für Anfragen eingerichtet und auf der Homepage des Landes alle wichtigen Informationen kommuniziert.

Andreas Herz • Das System der 24-Stunden-Betreuung hat sich sehr gut bewährt und das wird es auch weiterhin. Ich habe immer gesagt: Es wird zu keinem Pflege- und Betreuungsnotstand kommen. Mir ist es ein Anliegen, mich bei der Frau Landesrätin für die exzellente Zusammenarbeit zu bedanken. Es ist nicht selbstverständlich, dass man sofort einen Ansprechpartner findet und die Dinge dann auch so effizient umgesetzt werden können. Viele stellen sich das einfacher vor, als es ist. Es war sehr viel Arbeit im Hintergrund nötig, damit die Dinge so funktionieren konnten, wie sie dann funktionierten. Dass wir die anreisenden Betreuerinnen nach zwei Tagen aus der Quarantäne bringen, ist z. B. nur möglich, weil das Land Steiermark auf persönliche Initiative der Landesrätin die Tests zur Verfügung stellt. Aber auch die Vermittlungsagenturen leisten einen wesentlichen Beitrag, indem sie dafür sorgen, dass genügend Betreuungspersonen zu uns kommen.

Bogner-Strauß • Wir haben im Hintergrund auch Ressourcen geschaffen, die eine qualifizierte Pflege bzw. Betreuung auch dann sicherstellen, wenn die 24-Stunden-Betreuung ausfällt.

Was war mit den Pflegeheimen – wurde hier rasch genug reagiert?

Bogner-Strauß • Es gab von Anfang an ganz klare Erlässe aus dem Bundesministerium, wann zu testen ist – auch in Anbetracht damals noch geringer Testkapazitäten. Wir haben am Anfang um jeden Test gerungen und zuerst alle Heime getestet, in denen es Verdachtsfälle gab. Vom Bundesminister kam dann ein Aviso, alle Heime zu testen – mithilfe des Bundes. Allerdings blieben die versprochenen Tests und die rechtlichen Rahmenbedingungen aus. Ich bin überzeugt davon, dass wir wirklich alles in unserer Macht Stehende getan haben, um dort, wo es Infektionen, Herde, Cluster gegeben hat, so schnell wie möglich einzugreifen, zu testen, Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen etc. Und wir haben schon am 27. März eine eigene Hotline für die Pflegewohnheime eingerichtet, damit sie noch schneller zu Testungen kommen. Retrospektiv zu erklären, wir hätten nicht alles Menschenmögliche getan, halte ich für absolut unberechtigt.

Hat sich das System der 24-Stunden-Betreuung als besonders pandemieresistent erwiesen?

Herz • In der 24-Stunden-Betreuung gibt es eine 1:1-Situation. Da ist das Risiko eines Infektionsgeschehens naturgemäß sehr gering. Man muss die Dinge aber auch ein wenig zurechtrücken. In der Steiermark sind es rund 5000 Personen, die in der 24-Stunden-Betreuung versorgt werden.

Bogner-Strauß • Im Vergleich dazu gibt es in der Steiermark etwa 14.000 Plätze in Pflegeheimen. Viele Tausend Menschen werden zudem mobil gepflegt bzw. betreut.

Herz • Und die überwiegende Zahl der Menschen wird in den Familien von Familienmitgliedern betreut. Hervorzuheben ist auch die Unterscheidung zwischen Pflege und Betreuung. Pflege ist ja eine von medizinischen Fachkräften zu erbringende Gesundheitsleistung, während Betreuung Unterstützung im Haushalt bedeutet, um Menschen, die den Alltag nicht mehr auf sich allein gestellt bewältigen können, ein Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Wir werden auch in Zukunft das eine wie das andere brauchen: die Betreuung zu Hause, stationäre Pflegeeinrichtungen sowie mobile Dienste. Man hat aber in der Krise gesehen, dass die insgesamt rund 60.000 in Österreich tätigen Betreuungspersonen eine systemrelevante Berufsgruppe sind. Natürlich wurde im Hintergrund dafür gesorgt, dass es ein Auffangnetz gibt. Gott sei Dank haben wir es in hohem Maße nicht gebraucht – auch weil wir gemeinsam mit den Agenturen verfügbares Potenzial eruiert und der Hotline gemeldet haben. So kam Betreuung dorthin, wo sie benötigt wurde. Auch da haben wir gezeigt, wie man auf Landesebene unkompliziert kooperieren kann. In Zukunft wird man sich überlegen müssen, wie man wesentliche grenzüberschreitende Dienste und Arbeitsleistungen – nicht nur in Betreuung und Pflege, sondern z. B. auch in Landwirtschaft oder Gastronomie – auch im Krisenfall sicherstellt.

Wie kann das Leben mit und nach Corona aussehen?

Bogner-Strauß • Corona zieht nicht wie eine Gewitterwolke vorbei. Selbst Expertinnen und Experten sind sich da nicht ganz einig. Ich denke, wir können nur versuchen, das etwaige Infektionsgeschehen so genau wie möglich zu beobachten, die Lage täglich neu zu bewerten und überall dort einzugreifen, wo es notwendig ist. Gemeinsam lernen wir immer besser mit dieser Situation zu leben und umzugehen. Wir tragen Masken, halten Abstand und versuchen unser Leben wieder in geregelte Abläufe zu bringen.

Herz • Die Krise hat uns von 0 auf 100 erwischt. Anfangs gab es weltweit Engpässe bei Tests und Ausrüstung. Mittlerweile sind diese Engpässe behoben. Selbst wenn wir mit Covid-19 weiterleben müssen, bis es einen Impfstoff gibt, glaube ich, dass es insgesamt einfacher wird. Doch die Krise hat uns auch wieder einmal den hohen Wert von Gesundheit vor Augen geführt. Die Österreicherinnen und Österreicher haben statistisch gesehen einen geringen Vorrat an gesunden Lebensjahren – nur 57. Da gibt es viel Potenzial nach oben. Doch Prävention ist etwas, was die Menschen auch selbst in die Hand nehmen müssen: Wie gestalte ich mein Leben? Was tue ich für meine Gesundheit? Dafür trägt jede bzw. jeder Einzelne Selbst- und Mitverantwortung.

Info

Juliane Bogner-Strauß:
Die gebürtige Südsteirerin, promovierte Molekularbiologin
und Biochemikerin, blickte bereits auf eine erfolgreiche
Laufbahn als Wissenschafterin und Uniprofessorin zurück,
als sie 2017 VP-Bundesministerin für Frauen, Familie und
Jugend wurde. Seit Ende 2019 gehört sie als Landesrätin für
Bildung, Gesellschaft, Gesundheit und Pflege der steirischen
Landesregierung an.

Andreas Herz:
Der Weststeirer ist Vizepräsident der Wirtschaftskammer
Steiermark und Obmann des österreichischen Fachverbandes
und der steirischen Fachgruppe „Personenberatung
und Personenbetreuung“. Der Resilienz-Experte, der vor
Jahren lebensbedrohlich an Krebs erkrankte, die Krankheit
jedoch besiegen konnte, zählt zu den gefragtesten Key-Note-
Vortragenden des deutschsprachigen Raums.

 

Foto: Jorj Konstantinov

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