Pandemien, geopolitische Konflikte und fragile Lieferketten zeigen schonungslos auf: Arzneimittelversorgung ist zu einer sicherheitspolitischen Schlüsselressource geworden. Die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Industrie und Verteidigungsforschung wird zunehmend entscheidend – nicht erst im Krisenfall, sondern als strategischer Dauerauftrag, um Österreich resilient und handlungsfähig zu halten.
Sicherheit muss ganzheitlich neu gedacht werden. Arzneimittel sind heute kein rein medizinisches Thema mehr: Ihre Verfügbarkeit berührt das Fundament unserer Gesellschaft. Globale Abhängigkeiten, fragmentierte Lieferketten und fehlende Redundanzen haben nicht nur wirtschaftliche, sondern sicherheitspolitische Risiken offenbart.
Die Notfallproduktion von Arzneimitteln ist ein wesentlicher Baustein eines krisenfesten Gesundheitssystems, wie auch Dr. Michael Böheim, Experte für wirtschaftliche Sicherheit und Landesverteidigung am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), betont. Sie gewährleistet die kontinuierliche Versorgung auch dann, wenn reguläre Lieferketten ausfallen – etwa bei Naturkatastrophen oder geopolitischen Krisen. „Flexible Produktionskapazitäten und die schnelle Umstellung bestehender Fertigungen stärken die Resilienz der Lieferketten und die Aufrechterhaltung der Gesundheitsversorgung maßgeblich.“
In Österreich sind aktuell Hunderte Medikamente nur eingeschränkt verfügbar – ein Umstand, der sich durch globale Krisen rasch zuspitzen kann. Mehr als 70 Prozent der Wirkstoffe und 80 Prozent der Grundstoffe stammen aus China und Indien. Das macht die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten besonders deutlich.
Die Lösung? Moderne Technologien und eine intelligente Vorratshaltung. Das Grazer Research Center Pharmaceutical Engineering (RCPE GmbH) verfolgt einen innovativen Ansatz für die Notfallbevorratung: Mit patentierten Lagersystemen können Wirkstoffe jahrzehntelang effizient gelagert und bei Bedarf mittels Hochgeschwindigkeits-produktionsverfahren binnen Tagen zu Millionen Medikamentendosen verarbeitet werden. Versorgungsengpässe in Krisenzeiten könnten so rasch und professionell überbrückt werden. Was ursprünglich als rein zivile Forschung für eine effizientere und nachhaltigere Pharmaproduktion begann, beweist heute somit sicherheitspolitische Potenzial. Dieses wurde auch vom Bundesheer erkannt.
Strategische Partnerschaften zwischen Verteidigungsforschung und ziviler Wissenschaft gewinnen nicht nur in der Medikamentenversorgung an Bedeutung. Programme wie FORTE und KIRAS und die intensive Beteiligung an Initiativen des European Defense Fund stellen sicher, dass Forschungsergebnisse direkt in strategische Planung und Resilienzmaßnahmen einfließen. Das österreichische Bundesheer fungiert zunehmend als integrative Kraft über Fachgrenzen hinweg, ganz im Sinne der umfassenden Landesverteidigung.
Nationale Sicherheit ist längst ein multidisziplinäres Innovationsfeld und gemeinsame Verantwortung. Es gilt, sowohl Ergebnisse aus ziviler und industrieller Forschung für Dual-Use-Anwendungen nutzbar zu machen als auch durch gezielte Forschungsförderung die technischen und organisatorischen Kapazitäten zu schaffen, die nationale Sicherheit und die öffentliche Gesundheit dauerhaft sichern. Der nächste entscheidende Schritt heißt: konsequente Umsetzung – für ein starkes, resilientes Österreich in einem souveränen Europa.




