Sandro Ceroni|

Stei­ri­scher Wein – Hand­werk mit Hang­la­ge

Es gibt Regionen, die klingen nach Arbeit – und andere, die schmecken danach. Die Steiermark gehört zu Letzteren. Ihre Weinberge sind kein Schaufenster, sondern eine Werkstatt unter freiem Himmel, in der jede Rebe von Hand erzogen wird und jeder Hang ein täglicher Balanceakt bleibt: zwischen Sonne und Schiefer, Geduld und Geduldslosigkeit.

Wer hier die Schuhe anzieht, statt nur die Brille zu polie­ren, erkennt schnell: Größe misst sich nicht in Hektar, sondern in Haltung.

Rund fünf­tau­send Hektar umfasst dieses Wein­land – eine Zahl, die auf der Karte fast beschei­den wirkt. Im Jah­res­lauf aber ist nichts klein: Schnei­den und Binden, Pflan­zen­schutz mit Augen­maß, die selek­ti­ve Lese in meh­re­ren Durch­gän­gen, oft mit Seil­win­den in den Steil­la­gen. Maschi­nen stoßen an Grenzen; Men­schen nicht. Jeder Griff, jeder Kratzer im Boden, jeder Eimer Trauben erzählt von einer Sorg­falt, die kein Zer­ti­fi­kat erset­zen kann. Und am Ende steht jener Ton im Glas, den man nicht beschrei­ben muss, weil er sich von selbst erklärt.

Wer die Stei­er­mark ver­ste­hen will, beginnt mit ihrer Ordnung. Die DAC-Her­kunfts­py­ra­mi­de ist kein büro­kra­ti­sches Gitter, sondern eine Erzähl­form: Gebiets­wei­ne als klare, frische Bot­schaf­ter, die die Viel­falt im Süden, Westen und Vul­kan­land auf­grei­fen. Orts­wei­ne, die den Radius ver­en­gen, Topo­gra­fie in Tonlage über­set­zen und die Hand­schrift eines Ortes erfahr­bar machen.

Und an der Spitze die Rie­den­wei­ne – Trauben aus eng gefass­ten Ein­zel­la­gen, die länger ruhen dürfen und Her­kunft nicht behaup­ten, sondern in Struk­tur gra­vie­ren. Drei Stufen, die weniger Hier­ar­chie sind als Dra­ma­tur­gie. Man begreift es, wenn man ver­gleicht: Gebiets‑, Orts- und Rie­den­wein der­sel­ben Sorte neben­ein­an­der – plötz­lich wird Her­kunft vom Etikett zur Erfah­rung.

Die Regio­nen

Süd­stei­er­mark

Wenn im Herbst die Sonne durch die Nebel­schlei­er bricht, glühen die Hügel in Gold und Grau. Hier schlägt das Herz in Grün. Der Sau­vi­gnon Blanc ist Leit­mo­tiv und Prüf­stein zugleich – 2024 kühl in der Aro­ma­tik, mit Limette, grüner Birne, Cas­sis­laub und feiner Kräu­ter­wür­ze; am Gaumen straff, salzig-mine­ra­lisch, mit Sub­stanz statt Parfüm. 2025, so viel lässt sich jetzt schon lesen, setzt die Rück­kehr zur Balance fort: weniger Show, mehr Stoff. Daneben glänzen Moril­lon und Weiß­bur­gun­der mit Textur und leiser Cre­mig­keit, getra­gen von einem Hauch Weiß­brot­krus­te und einem sal­zi­gen Zug, der das nächste Glas nicht bittet, sondern ruft.

Vul­kan­land

Östlich davon beginnt eine Land­schaft, in der der Boden hörbar wird. Basalt, Tuff, eisen­rei­che Lagen – die Erde atmet in Schich­ten. Der Tra­mi­ner ver­liert hier die Eitel­keit der Rose und gewinnt Pfeffer, getrock­ne­te Zitrus­zes­te, ein kleines Funkeln von Rauch und Feu­er­stein. Grau­bur­gun­der und Weiß­bur­gun­der zeigen Schmelz ohne Über­schwung; sie balan­cie­ren Frucht, Würze und Stein auf einer Klinge, die nicht schnei­det, sondern trägt. 2024 spannt diesen Bogen mit ruhiger Hand, 2025 führt ihn fort – als hätte der Vulkan längst auf­ge­hört zu spre­chen, aber nicht zu wirken.

West­stei­er­mark

Der Schil­cher bleibt der Cha­rak­ter­dar­stel­ler. Aus Blauem Wild­ba­cher gekel­tert, ist er kein rosa­ro­ter Char­meur, sondern ein Wein mit Rück­grat: hell­beer­ig, pfeff­rig, kom­pro­miss­los trocken. 2024 hat ihm eine Säure geschenkt, die weckt, nicht beißt; 2025 scheint diese Klar­sicht zu halten. Man schenkt ihn heute gerne in grö­ße­ren Gläsern aus – und staunt, wie selbst­ver­ständ­lich er Raum bean­sprucht. Ein Rosé mit Ernst – und mit einer Frische, die den Tisch ordnet.

Jahr­gang 2024

Die Rieden sind der stille Adel der Her­kunft. Keine gleicht der anderen: Expo­si­ti­on, Wind, Son­nen­gang und Gestein schrei­ben sich in jede Traube ein. Die selek­ti­ve Lese in meh­re­ren Durch­gän­gen ist hier nicht Kür, sondern Kon­se­quenz. Die besten Weine spre­chen leise und lang. Heute sind sie noch von Frucht getra­gen; in fünf, zehn Jahren treten Struk­tur und Mine­ra­li­tät vor, Töne, die nicht lauter werden, sondern klarer. Wer es hören will, pro­biert drei Sau­vi­gnons aus einer Ried über mehrere Jahr­gän­ge – und ver­steht, was Geduld im Glas bedeu­tet.

Der Jahr­gang 2024 hat dieses Selbst­ver­ständ­nis ver­tieft. Ein Sommer, der bis in den Sep­tem­ber trug, brachte Reife ohne Last; Alkohol und Säure fanden zu einem Gleich­ge­wicht, das Ruhe schenkt, ohne Energie zu nehmen. Die Lese war vie­ler­orts ein Staf­fel­lauf im Gelände – Hand­ar­beit, Meter für Meter. Große Worte sind schnell gesagt; über­zeu­gen­der ist das Maß im Mund. 2025 erzählt die gleiche Sprache, viel­leicht noch leiser: ein Jahr­gang ohne Eitel­keit, gebaut für Men­schen, nicht für Medail­len.

Am Ende bleibt, was die Stei­er­mark seit jeher aus­zeich­net: Sub­stanz statt Show. Ihre Weine sind keine Tro­phä­en, sondern Beglei­ter – für Abende, Gesprä­che, Erin­ne­run­gen. Sie schme­cken nach Land­schaft und Leuten, nach Arbeit und Augen­maß. Große Weine auf kleinem Raum, gezeich­net von Men­schen, die lesen, was ihre Reben schrei­ben. Oder, um eine Win­ze­rin zu para­phra­sie­ren: Ein Rie­den­wein ist kein Getränk – er ist ein Gedicht, das man trinkt.

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