Wer hier die Schuhe anzieht, statt nur die Brille zu polieren, erkennt schnell: Größe misst sich nicht in Hektar, sondern in Haltung.
Rund fünftausend Hektar umfasst dieses Weinland – eine Zahl, die auf der Karte fast bescheiden wirkt. Im Jahreslauf aber ist nichts klein: Schneiden und Binden, Pflanzenschutz mit Augenmaß, die selektive Lese in mehreren Durchgängen, oft mit Seilwinden in den Steillagen. Maschinen stoßen an Grenzen; Menschen nicht. Jeder Griff, jeder Kratzer im Boden, jeder Eimer Trauben erzählt von einer Sorgfalt, die kein Zertifikat ersetzen kann. Und am Ende steht jener Ton im Glas, den man nicht beschreiben muss, weil er sich von selbst erklärt.
Wer die Steiermark verstehen will, beginnt mit ihrer Ordnung. Die DAC-Herkunftspyramide ist kein bürokratisches Gitter, sondern eine Erzählform: Gebietsweine als klare, frische Botschafter, die die Vielfalt im Süden, Westen und Vulkanland aufgreifen. Ortsweine, die den Radius verengen, Topografie in Tonlage übersetzen und die Handschrift eines Ortes erfahrbar machen.
Und an der Spitze die Riedenweine – Trauben aus eng gefassten Einzellagen, die länger ruhen dürfen und Herkunft nicht behaupten, sondern in Struktur gravieren. Drei Stufen, die weniger Hierarchie sind als Dramaturgie. Man begreift es, wenn man vergleicht: Gebiets‑, Orts- und Riedenwein derselben Sorte nebeneinander – plötzlich wird Herkunft vom Etikett zur Erfahrung.
Die Regionen
Südsteiermark
Wenn im Herbst die Sonne durch die Nebelschleier bricht, glühen die Hügel in Gold und Grau. Hier schlägt das Herz in Grün. Der Sauvignon Blanc ist Leitmotiv und Prüfstein zugleich – 2024 kühl in der Aromatik, mit Limette, grüner Birne, Cassislaub und feiner Kräuterwürze; am Gaumen straff, salzig-mineralisch, mit Substanz statt Parfüm. 2025, so viel lässt sich jetzt schon lesen, setzt die Rückkehr zur Balance fort: weniger Show, mehr Stoff. Daneben glänzen Morillon und Weißburgunder mit Textur und leiser Cremigkeit, getragen von einem Hauch Weißbrotkruste und einem salzigen Zug, der das nächste Glas nicht bittet, sondern ruft.
Vulkanland
Östlich davon beginnt eine Landschaft, in der der Boden hörbar wird. Basalt, Tuff, eisenreiche Lagen – die Erde atmet in Schichten. Der Traminer verliert hier die Eitelkeit der Rose und gewinnt Pfeffer, getrocknete Zitruszeste, ein kleines Funkeln von Rauch und Feuerstein. Grauburgunder und Weißburgunder zeigen Schmelz ohne Überschwung; sie balancieren Frucht, Würze und Stein auf einer Klinge, die nicht schneidet, sondern trägt. 2024 spannt diesen Bogen mit ruhiger Hand, 2025 führt ihn fort – als hätte der Vulkan längst aufgehört zu sprechen, aber nicht zu wirken.
Weststeiermark
Der Schilcher bleibt der Charakterdarsteller. Aus Blauem Wildbacher gekeltert, ist er kein rosaroter Charmeur, sondern ein Wein mit Rückgrat: hellbeerig, pfeffrig, kompromisslos trocken. 2024 hat ihm eine Säure geschenkt, die weckt, nicht beißt; 2025 scheint diese Klarsicht zu halten. Man schenkt ihn heute gerne in größeren Gläsern aus – und staunt, wie selbstverständlich er Raum beansprucht. Ein Rosé mit Ernst – und mit einer Frische, die den Tisch ordnet.
Jahrgang 2024
Die Rieden sind der stille Adel der Herkunft. Keine gleicht der anderen: Exposition, Wind, Sonnengang und Gestein schreiben sich in jede Traube ein. Die selektive Lese in mehreren Durchgängen ist hier nicht Kür, sondern Konsequenz. Die besten Weine sprechen leise und lang. Heute sind sie noch von Frucht getragen; in fünf, zehn Jahren treten Struktur und Mineralität vor, Töne, die nicht lauter werden, sondern klarer. Wer es hören will, probiert drei Sauvignons aus einer Ried über mehrere Jahrgänge – und versteht, was Geduld im Glas bedeutet.
Der Jahrgang 2024 hat dieses Selbstverständnis vertieft. Ein Sommer, der bis in den September trug, brachte Reife ohne Last; Alkohol und Säure fanden zu einem Gleichgewicht, das Ruhe schenkt, ohne Energie zu nehmen. Die Lese war vielerorts ein Staffellauf im Gelände – Handarbeit, Meter für Meter. Große Worte sind schnell gesagt; überzeugender ist das Maß im Mund. 2025 erzählt die gleiche Sprache, vielleicht noch leiser: ein Jahrgang ohne Eitelkeit, gebaut für Menschen, nicht für Medaillen.
Am Ende bleibt, was die Steiermark seit jeher auszeichnet: Substanz statt Show. Ihre Weine sind keine Trophäen, sondern Begleiter – für Abende, Gespräche, Erinnerungen. Sie schmecken nach Landschaft und Leuten, nach Arbeit und Augenmaß. Große Weine auf kleinem Raum, gezeichnet von Menschen, die lesen, was ihre Reben schreiben. Oder, um eine Winzerin zu paraphrasieren: Ein Riedenwein ist kein Getränk – er ist ein Gedicht, das man trinkt.




