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Der Rea­lis­mus der Mutigen

Der Start-up-Sektor steht unter Druck: Kapital ist teurer, Investor:innen agieren vorsichtiger, Gründer:innen denken realistischer.

Wer sich jetzt behaup­ten kann, ist stärker, klüger und fokus­sier­ter als je zuvor. Inves­tor Georg Zenker, Rechts­an­walt Stefan Gurmann und Steu­er­be­ra­ter Johan­nes Kandl­ho­fer über die aktu­el­le Nüch­tern­heit der Szene – und ganz neue Chancen.

Europas Start-up-Markt ordnet sich neu: Der Hype ist vorbei. Inves­tie­ren heißt wieder Hand­werk, Sub­stanz vor Laut­stär­ke, Effi­zi­enz vor Tempo. Eine Grün­der­ge­nera­ti­on mutiger Rea­lis­ten tritt an — weniger mit Visi­ons­fo­li­en, mehr mit echten Fun­da­men­ten. Inves­to­ren setzen auf Men­schen, auf klare Ver­trä­ge, auf belast­ba­re Zahlen. Ver­trau­en zu struk­tu­rie­ren, ist das Gebot der Stunde.

„Mut ist jetzt die wert­volls­te Währung“, lässt Georg Zenker, Inves­tor und Busi­ness Angel der ZEN 11 Holding GmbH, keinen Zweifel an den Chancen, die sich gerade auftun. Kapital ist teurer gewor­den, „das zwingt aber alle Betei­lig­ten, mit Res­sour­cen wieder mit mehr Bedacht umzu­ge­hen. Für uns als Inves­tor bedeu­tet das: Wer heute über­zeugt, hat wirk­lich Sub­stanz. Ent­schei­dend sind Teams, die sich schnell anpas­sen können.“

Statt um Risi­ko­ro­man­tik geht es um echte Kapi­tal­in­tel­li­genz – um stra­te­gi­sches Denken, nach­hal­ti­ge Geschäfts­mo­del­le und einen klaren Fokus auf Pro­fi­ta­bi­li­tät. Die Rück­kehr zur finan­zi­el­len Ver­nunft ver­än­dert vieles: Bewer­tun­gen, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Dynamik. „Gründer:innen suchen heute Partner:innen, die mehr bei­tra­gen als Kapital. Erfah­rung, Netz­werk, Lea­der­ship – das macht Investor:innen wert­voll. Wir begrü­ßen diese Haltung sehr, denn sie führt zu bes­se­ren Part­ner­schaf­ten und deut­lich pro­fes­sio­nel­le­ren Unter­neh­men. Die besten Gründer:innen wählen bewusst und inves­tie­ren selbst in die Bezie­hung“, unter­streicht Zenker.

Jetzt erst recht

Start-ups wurden gezwun­gen, erwach­sen zu werden. Mit dem Ende des Hypes rückt etwas in den Vor­der­grund, das in Boom­zei­ten durch­aus ver­nach­läs­sigt wurde: „Wer nach­hal­tig Erfolg haben will, braucht klare recht­li­che und orga­ni­sa­to­ri­sche Struk­tu­ren“, betont Rechts­an­walt Stefan Gurmann. Gute Ver­trä­ge beschleu­ni­gen Ent­schei­dun­gen. „Recht wird nicht mehr als Bremse gesehen, sondern als wir­kungs­vol­le Basis. Wer hier vor­aus­schau­end agiert, ver­schafft sich einen deut­li­chen Wett­be­werbs­vor­teil“, so Gurmann. Klare, fair for­mu­lier­te Betei­li­gungs­ver­trä­ge redu­zie­ren das Kon­flikt­po­ten­zi­al – etwa bei Finan­zie­rungs­run­den, Fragen der Cor­po­ra­te Gover­nan­ce oder Exits.

Gerade in tur­bu­len­ten Zeiten zeigt sich, wer solide gebaut hat. Eine saubere Struk­tur ist wie ein gutes Fun­da­ment beim Hausbau – wer auf Sand baut, erlebt früher oder später den Ein­sturz. Ver­läss­lich­keit ist das neue Wachs­tums­ka­pi­tal. „Investor:innen setzen auf sorg­fäl­ti­ge Due Dili­gence und aktives Men­to­ring, um Risiken zu redu­zie­ren“, so Gurmann. Die Struk­tur von Finan­zie­rungs­run­den, Liqui­da­ti­ons­prä­fe­ren­zen, Anti-Dilu­ti­on-Klau­seln und Rege­lun­gen für einen mög­li­chen Exit stehen im Fokus der Ver­trags­ge­stal­tung.

Trans­pa­renz mit Augen­maß

„Im Start-up-Markt werden hohe Summen für zukünf­tig erwar­te­te Erfolge gezahlt. Ver­trau­en ent­steht aus ver­läss­li­chen Zahlen“, bringt Steu­er­be­ra­ter Johan­nes Kandl­ho­fer, KAPAS Steu­er­be­ra­tung, zudem essen­zi­el­le Kenn­zah­len wie Cash-Burn-Rate, EBITDA-Marge, Monthly Recur­ring Revenue, Break-even und Cash­flow-Break-even ins Spiel. Effi­zi­enz im Report­ing ist wich­ti­ger denn je: Ent­schei­dend sind klar struk­tu­rier­te, auto­ma­ti­sier­te Finanz­da­ten in regel­mä­ßi­gen Abstän­den – nicht etwa eine Daten­flut ohne Aus­sa­ge­kraft.“ Immer jedoch sollte es auch Ad-hoc-Kom­mu­ni­ka­ti­on geben, unter­streicht er: „Nichts kann Ver­trau­en stärker zer­stö­ren, als die stark ver­zö­ger­te oder ver­fälsch­te Infor­ma­ti­on über nega­ti­ve Umstän­de.“

Trans­pa­renz ist bereits in der Pre-Deal-Phase essen­zi­ell: „Käufer erwar­ten heute voll­stän­di­ge vir­tu­el­le Daten­räu­me mit gut auf­be­rei­te­ten Unter­la­gen.“ Dabei mahnt Kandl­ho­fer zu Augen­maß: Vor­sicht bei sen­si­blen Infor­ma­tio­nen, ins­be­son­de­re bei Geschäfts­ge­heim­nis­sen, Kunden- und Mit­ar­bei­ter­da­ten – „eine zu groß­zü­gi­ge Offen­le­gung kann bei einem geplatz­ten Deal oder auch preis­lich nach­tei­li­ge Folgen haben“.

Balance Sheet statt Buz­zword

Inves­tor Georg Zenker zeigt drei Unter­neh­men, die sinn­bild­lich für diese neue Grün­der­zeit – deut­lich weniger Buz­zword, deut­lich mehr Balance Sheet – stehen. Bei Agrar­tech­nik-Pionier smaXtec gelang ein Mil­lio­nen­deal mit der Invest­ment­ge­sell­schaft KKR, das weitere Wachs­tum ist ­pro­gram­miert, während das Head­quar­ter in Graz bleibt. Die App Coach­bet­ter, ein Tool für Trai­nings­pla­nung und Team­ma­nage­ment im Fußball, nimmt bereits Kurs auf einen drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­wert. X‑Therma steht mit einer hoch­tech­no­lo­gi­schen Kon­ser­vie­rungs­lö­sung für den Trans­port von Organen kurz vor der FDA-Zulas­sung und hat eine reale Chance auf den Unicorn-Status.

Quo vadis, euro­päi­scher Start-up-Markt? „Die Zukunft sehe ich sehr positiv“, bekräf­tigt Zenker, „Europa ver­bin­det tech­no­lo­gi­sche Exzel­lenz mit starken Werten und hoher Ver­läss­lich­keit. Gerade Öster­reich und Süd­deutsch­land ver­fü­gen über enormes Poten­zi­al in Indus­trie, Biotech, Gesund­heit und Digi­ta­li­sie­rung. Wenn wir weiter mutig inves­tie­ren, denken wir künftig nicht nur in Regio­nen, sondern in glo­ba­len Märkten. Diese Zukunft gestal­ten wir aktiv mit.“ Der Markt funk­tio­niert. Ruhiger. Reifer. Mutiger. Jetzt gilt es, ein Teil davon zu sein.

www.zen11holding.com

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