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Lernen muss sexy sein

Ganztagsschule, Betriebsschnuppertage für Lehrer, die Förderung von Talenten ohne Bewertung ihrer Nützlichkeit – die Palette der Vorschläge zur Verbesserung des Bildungssystems beim JUST Talk im Talent Center der WKO Steiermark war groß. Über eines waren sich die Experten aus Wirtschaft und Bildung einig: Lernen muss interessant, muss sexy sein.

Der Wirtschaft gehen zunehmend die Lehrlinge und Facharbeiter, aber auch die Techniker insgesamt aus. Wird an den Bedürfnissen der Unternehmen vorbei ausgebildet und gebildet?

Josef Herk: Uns gehen nicht nur die Lehrlinge aus, sondern auch die Jugend. Wir haben ein demografisches Problem. Die Situation für die steirischen Unternehmerinnen und Unternehmer verschärft sich weiter, weil die geburtenstarken Jahrgänge in Pension gehen. Wenn wir dieses gesellschaftliche Problem nicht in den Griff bekommen – zum Beispiel durch Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte –, erübrigt sich jede andere Diskussion. Wir brauchen junge Menschen mit flinken Beinen und geschickten Händen, um es salopp zu formulieren. Unabhängig von ihrer Qualifikation. Zwei Zahlen: Derzeit gibt es in der Steiermark 20.000 offene Stellen. Im Jahr 2030 werden es 50.000 sein.

Markus Tomaschitz: Die Schere zwischen dem, was wir anbieten, und dem, was die Jugend will, klafft zusehends auseinander. Wir müssen in der Ausbildung die Talente und Begabungen des Einzelnen fördern und nicht nur auf das schauen, was er einmal machen soll. Es braucht auch nicht jeder die Matura, das soll ja sein, aber sie bringt in der Praxis immer weniger die Studierfähigkeit.

Martin Polaschek: Es stellt sich die Grundsatzfrage, ob eine universitäre Bildung für alle Sinn macht. Ich sehe das nicht so. Es gibt aber auch eine gegenläufige Entwicklung. Im Herbst haben wir an der Karl-Franzens-Universität 500 Studienanfänger weniger gehabt als in den Jahren davor. Auffällig dabei war, dass vor allem die Jugendlichen aus den berufsbildenden höheren Schulen weggeblieben sind. Diese sind offenbar direkt in einen Beruf gegangen, weil es ja genug Angebote gibt.

Tomaschitz: Eine Welt mit weniger Juristen und Erziehungswissenschaftlern ist ja nicht per se eine schlechtere …

Alexia Getzinger: Man muss bei der Bildung und Ausbildung den gesamten Lebensweg der Menschen betrachten. Dabei sollte man die jeweiligen Talente nicht von vornherein nach ihrer Nützlichkeit bewerten. Die Frage ist doch: Wie kann ich Talente erkennen und wie kann man dann die Entwicklung entsprechend lenken. Ein Problem ist, dass viele Eltern gar nicht wissen, wie viele Berufe es gibt, da gibt es eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung. Da aufzuklären ist eine Aufgabe der Wirtschaft und auch der Universitäten. Sie müssen die Jugendlichen erreichen.

Herk: Vor allem müssen wir weg von dem alten Denkmuster des Lehrberufs als Strafe für mangelnde schulische Leistungen – das hat mit der Realität nichts zu tun.

Streben zu viele junge Menschen die Matura und in der Folge einen akademischen Abschluss an?

Tomaschitz: Das ist eine heikle Frage; Was ist zu viel? Wir werden immer mehr Jobs haben, in denen man ein hohes Grundwissen benötigt. Auch die Lehrberufe brauchen gut ausgebildete Menschen. Die Grundrechenarten reichen im digitalen Zeitalter nicht mehr aus.

Getzinger: Es geht nicht um Quantifizierung, es geht um Qualität.

Tomaschitz: Wir haben in der Vergangenheit einen Akademisierungswahn erlebt, der auch von der OECD getrieben war. Und wir haben dabei ignoriert, dass wir ein tolles duales Bildungssystem haben. Die vorwissenschaftliche Arbeit für die Matura hat die Situation weiter verschlimmert. Sie ist inzwischen zu einer ungeliebten Übung zwischen Lehrern und Schülern geworden, die noch dazu oft von den Eltern erledigt wird. Studierfähigkeit ist etwas anderes. Nämlich komplexe Sachverhalte zu analysieren und multiperspektivisch zu bearbeiten. Generell kommen die Brüche im Lebensweg der Jugend zu früh. Vielleicht wäre es sinnvoll, dieVolksschule auf sechs Jahre zu verlängern. Wir müssen mehr Zeit in die Bildung investieren.

Polaschek: Die vorwissenschaftliche Arbeit sollte freiwillig sein. Sie ist ein hervorragendes Instrument, um jemand für etwas zu interessieren.

Getzinger: Ich halte nichts von Freiwilligkeit bei dieser Sache. Dann würde das niemand mehr machen. Man sollte aber die Möglichkeit haben, zwischen einer vorwissenschaftlichen Arbeit und etwas Praxisorientiertem zu wählen. Theorie und Praxis gehören zusammen.

Ist dieses Zusammenspiel ausreichend entwickelt? Und welche Initiativen setzt die Wirtschaft?

Herk: Es wird viel Wissen vermittelt und wenig Kompetenz. Bei Lehrlingen sehen wir, dass oft die Basiskompetenzen fehlen.

Polaschek: Der Schlüssel ist die Schule, danach sollten die jungen Menschen wissen, wo sie hinwollen. Als Universität können wir da nicht mehr viel tun, nur beraten.

Herk: In der Lehrerausbildung kommen Wirtschaftsthemen immer noch viel zu wenig vor. Es muss Betriebsschnuppertage für Lehrer geben, nicht nur für Schüler.

Polaschek: Wir als Universität haben eine Kooperation mit der Industriellenvereinigung, die den Studierenden die Wirtschaft nahebringen soll. Aber natürlich könnte da noch mehr gemacht werden.

Tomaschitz: Die Wirtschaft tut wahnsinnig viel in diese Richtung. Größere Unternehmen können mehr machen, aber kleinere Firmen haben starke Partner.

Stehen Bildung und Ausbildung im Widerspruch?

Tomaschitz: Wir sollten das nicht gegeneinander ausspielen.

Herk: Berufsausbildung war leider lange kein Thema. Heute ist sie das, weil es so einen eklatanten Facharbeitermangel gibt und der die große Wachstumsbremse ist. Wir tun etwas dagegen, das Talent Center, in dem wir gerade sitzen, ist ein gutes Beispiel dafür.

Was ist von Vorhaben zu halten, Fächer wie Geschichte oder Physik zugunsten einer täglichen Turnstunde zu reduzieren?

Tomaschitz: Es geht um mehr Schule, nicht um eine Verschiebung. Man muss überlegen, ob man nicht besser die Ganztagsschule einführt. Der einzige Grund, warum wir die nicht schon lange haben, ist doch, dass sich in den 50er-Jahren die Bauern dagegen gewehrt haben.

Polaschek: Wenn man die Kinder länger in der Schule hat, hat man mehr Zeit für sie. Man kann nicht mehr einfach sagen, nach sechs Stunden gehen alle heim. Das passt nicht mehr zur gesellschaftlichen Situation. Und Fächer zusammenzustreichen kann es wohl nicht sein.

Herk: Es geht uns nicht nur um Wirtschaftsfächer. Wir wollen eine möglichst umfassende Bildung haben.

Getzinger: Dinge wie Mathematik und Musik korrelieren miteinander. Auch das spricht für die Ganztagsschule – wir brauchen eine vernetzte Bildung.

Sind die Geisteswissenschaften die Basis für unsere Gesellschaft oder dominiert nicht längst die Technik?

Polaschek: Die Geisteswissenschaften stehen unter einem Rechtfertigungsdruck. Technik und Medizin sind sexy, die Bücherwissenschaften, wie es eigentlich heißen sollte, werden abgestraft. Das ist eine große Herausforderung. Ich halte eine reine Konzentration auf Technik für gefährlich, auch und gerade wegen der Digitalisierung. Man muss sich die Frage stellen: Was macht die Technik aus uns Menschen, zum Beispiel die Smartphones? Das ist eine spannende und wichtige Aufgabe für die Bücherwissenschaften.

Herk: Wir brauchen umfassende Kompetenzen und da gehören die Geisteswissenschaften für mich genauso dazu wie Kunst und Kultur.

Tomaschitz: Da stimme ich absolut zu. Ich will mir keine Gesellschaft ohne Geisteswissenschaften vorstellen. Wir müssen uns die Frage stellen, was der Bildungskanon des 21. Jahrhunderts sein soll. Wir brauchen nicht nur Softwareingenieure. Aber jeder sollte den zweiten Satz der 7. Sinfonie Beethovens gehört haben.

Getzinger: Technik und Geisteswissenschaften sollen sich doch nicht gegenseitig ausschließen. Smartphone und PC können nicht alles sein – Menschen sind soziale Wesen.

Wo geht bei der Bildung die Reise hin?

Polaschek: Man muss Bildung als Gesamtsystem sehen. Nur an einzelnen Schräubchen drehen bringt nicht viel. Dazu braucht es mutige Bildungspolitiker.

Herk: Die Ressource Jugend wird weniger. Wir können es uns nicht leisten, auch nur irgendjemand auf dem Bildungsweg zu verlieren. Ohne Bildung neu zu denken, werden wir nicht erfolgreich sein.

Getzinger: Wir müssen raus aus der Bewertung, hin zu einem holistischen Ansatz. Man muss die natürliche Neugierde der Kinder erhalten. Dann haben sie auch das Gefühl: Lernen ist sexy, Lernen ist toll. Das müssen wir verwirklichen.

Tomaschitz: Zum einen müssen wir bei der Auswahl der Lehrer selektiver sein. Zum anderen müssen wir den Dialog zwischen Eltern, Lehrern und der Wirtschaft intensivieren – die Schule kann nicht alles machen.

An der Gesprächsrunde nahmen teil:

Alexia Getzinger ist die kaufmännische Geschäftsführerin des Universalmuseums Joanneum. Sie war von 2015 bis 2017 Vizepräsidentin des Landesschulrates für Steiermark, heute Bildungsdirektion.

Josef Herk ist Präsident der WKO Steiermark. Er setzt sich besonders für die duale Ausbildung ein und ist Initiator des Talent Center der WKO Steiermark. Herk holte auch den internationalen Lehrlingswettbewerb EuroSkills 2020 in die Steiermark.

Martin Polaschek ist Rechtswissenschaftler und Rechtshistoriker. Wurde Anfang Februar zum Rektor der Karl-Franzens-Universität Graz gewählt. Seit 2003 ist er dort Vizerektor gewesen. Er war Mitglied der Expertengruppe zur Zukunft der Lehrerbildung.

Markus Tomaschitz ist seit 2013 Personalchef bei AVL List. Davor war er Executive Director der Magna Education and Research. Von 2002 bis 2006 war er Direktor und Geschäftsführer der FH Joanneum in Graz.

Fotocredit: Jorj Konstantinov

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