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Digitalisierung ist Werkzeug

Unternehmen in der digitalen Revolution – was brauchen sie, was bedroht sie? Von Human Resources über Innovation bis Cybercrime bzw. umgekehrt. Eine hochkarätig besetzte Bestandsaufnahme in der CNC-Werkstätte des WIFI Steiermark in der Grazer Körblergasse. Conclusio: Auch in der digitalisierten Wirtschaftswelt geht es um den menschlichen Faktor.

Computerkriminalität, Spionage und Cyberkriege breiten sich aus wie einst die Raubritter im finsteren Mittelalter.

Andreas Gerstenmayer • Das ist noch gelinde ausgedrückt. Das Ganze ist mittlerweile ein Milliardengeschäft, die Organisationen arbeiten im Schichtbetrieb und sind gut organisiert. Entsprechend müssen wir uns vorbereiten. Aus unserer Sicht ist neben allen technischen Vorkehrungen die Awareness bei den Mitarbeitern das Wichtigste. Denn die Mitarbeiter sind in diesem System mittlerweile die größte Schwachstelle.

Iris Filzwieser • Wir sind im letzten Jahr drei Mal angegriffen worden. Wir haben Anzeige erstattet und ich habe daraus gelernt: Es gibt niemanden, der das wirklich effizient verfolgen und bekämpfen kann. Wir sind sehr gut geschützt, dennoch ist man der Gefahr massiv ausgesetzt.

Horst Bischof • Hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben. Man muss nur den Angriff so teuer machen, dass es sich nicht auszahlt. Zum Thema Mitarbeiter als Schwachstelle gibt es ein geflügeltes Wort eines prominenten Hackers: „Wenn ich zu einem Passwort kommen will, gehe ich mit den Leuten etwas trinken.“ Und noch ein Aspekt: Wenn ich heute sicher bin, schaut es morgen schon wieder ganz anders aus. Früher war es eine junge, eher sportlich orientierte Hackerszene, heutzutage steckt massives wirtschaftliches Interesse dahinter – bis zu Staaten wie China.

Gerstenmayer • Wir richten unser Augenmerk zu stark auf China. Das ist ein globales Phänomen. Und mit technischen Vorkehrungen ist man immer einen Schritt hinter den Angreifenden. Der letzte Schutzwall können nur die Mitarbeiter sein.

Karl-Heinz Dernoscheg • Die größte Schwachstelle ist oft tatsächlich der menschliche Faktor: Manager, die ihre Laptops inklusive aller Firmengeheimnisse auf Flughäfen vergessen oder in einen russischen Hotelsafe einsperren. Das ist in zwei Minuten ausspioniert. Auf der anderen Seite sind wir so weit, dass auch Klein- und Kleinstbetriebe angegriffen und erpresst werden. Diese haben meist keine eigene IT-Abteilung und sind mit dieser Ausnahmesituation dann oft überfordert. Wir haben deswegen in der Wirtschaftskammer eine Cybersecurity-Hotline eingerichtet, bei der Betroffene rund um die Uhr Unterstützung erhalten.

Wie verändert sich Innovation in der digitalen Revolution?

Bischof • Es geht schneller, bedeutend schneller. Das ist der markanteste Faktor.

Filzwieser • Stimmt. Doch die Digitalisierung ist in meinen Augen nur ein Werkzeug. Ohne das Wissen der beteiligten Menschen kann es keine Innovation geben.

Bischof • Das wird auch die größte Herausforderung sein: mehr Menschen für diesen Bereich zu begeistern, Stichwort: MINT-Fächer. Dieses Know-how wird unsere Key-Ressource werden. Egal, wie viel Breitband wir haben, ohne entsprechend ausgebildete Leute werden wir nicht erfolgreich sein. Wir machen Werbung wie noch nie und haben doch weniger Studienanfänger.

Gerstenmayer: • Die Digitalisierung ist ein Hilfsmittel. Ich kann größere Datenmengen auswerten, kann sie schneller verarbeiten und überall auf sie zugreifen, was Kooperation unterstützt –, am Ende wird die Innovation aber trotzdem beim Menschen stattfinden. Die Digitalisierung ist auch kein Allheilmittel, sie ist ein Werkzeug, mit dem wir Dinge punktgenauer, schneller und effizienter tun können. Zum Thema MINT: Wir hätten deutlich mehr Potenzial, wenn es uns gelingt, zusätzlich zumindest 50 % Frauen für die technisch-naturwissenschaftlichen Fächer zu motivieren – daran müssen wir gemeinsam intensiv arbeiten.

Bischof • Als Informatiker schmunzle ich immer ein bisschen, wenn ich das Wort Digitalisierung lese. Ich habe mein Lebtag nichts anderes gemacht als zu digitalisieren. Bei Veränderungen neigen viele Menschen dazu, einmal ein bisschen schräg hinzuschauen. Doch in Wirklichkeit passiert nichts anderes, als schon immer passiert ist. Jetzt wird halt mehr darüber geschrieben. Mittlerweile sind mit Big Data und Artificial Intelligence schon die nächsten Schlagworte im Umlauf und es werden weitere folgen.

Filzwieser • Ich finde es positiv, dass diese Begriffe im Moment so breit diskutiert werden, denn das eröffnet die Chance, unser Bildungssystem endlich in diese Richtung zu entwickeln. Ich habe vier Kinder und sehe, was die in der Schule in diesem Bereich lernen. Ich habe 40 Mitarbeiter und sehe, was sie an digitalem Wissen mitbringen. Es ist ernüchternd. Die Ausbildung ist der Schlüssel zu unserer digitalen Zukunft. Da müssen wir etwas tun.

Bischof • AHS – eine Stunde Informatik in der fünften Klasse, dann nichts mehr. Wollen wir so unsere Jugend fit für die Zukunft machen?

Gerstenmayer • Die Art der Wissensvermittlung hat sich nicht weiterentwickelt. Das Problem ist, dass wir unsere Defizite an verschiedenen Stellen haben. Ausbildung ist sicher eines. Aber Österreich ist als Arbeitskräftereservoir ohnedies begrenzt. Auch sitzen die Technologiespezialisten schwerpunktmäßig nicht in Österreich und wahrscheinlich auch nicht in Europa, sondern sind über die Welt verteilt. Wir rekrutieren weltweit, haben allein in Leoben 37 Nationalitäten, im gesamten Unternehmen 52.

Dernoscheg • Das Ausbildungsthema ist in allen Bereichen der Wirtschaft von Relevanz – für Klein- und Mittelbetriebe ebenso wie für Großunternehmen. Das WIFI erarbeitet gemeinsam mit Unternehmen exakt auf deren Bedürfnisse zugeschnittene Weiterbildungsmaßnahmen. Was ich aber auch sehr, sehr bedenklich finde, ist die Stimmung gegenüber ausländischen Fachkräften. Da müssen wir jetzt wirklich aufpassen, dass wir nicht in ein Fahrwasser kommen, in dem jeder, der ausländischen Hintergrund hat, den Eindruck haben muss, unwillkommen zu sein, vom Wissenschaftler bis zum fleißigen Lehrling. Wir werden die Leute brauchen. Die Steiermark ist ein hervorragender F&E-Standort, doch in manchen Bereichen gibt es noch Luft nach oben: etwa bei der Attraktivität für absolute Spitzenforscherinnen und -forscher.

Bischof • Faktum ist: Die guten Leute suchen sich aus, wohin sie gehen. Man muss aber auch feststellen, dass viele internationale Unternehmen in die Steiermark kommen, weil sie hier entsprechend hochqualifizierte Mitarbeiter finden.

Gerstenmayer • Die Attraktivität des Standorts für internationale Spitzenkräfte ist, was Lebensqualität, Sicherheit und Umfeld betrifft, sehr gut. Solange diese Personen keine Familien haben. Mit Familie taucht automatisch die Frage auf: Wo gehen die Kinder in die Schule? Welche Beschäftigung können wir dem Partner, der Partnerin bieten? Und wir sollten uns auch selbstkritisch fragen: Sind wir eine sehr offene Kultur, die andere Nationalitäten und andere Hautfarben offen empfängt und aufnimmt? Ich glaube, da haben wir noch ein bisschen Nachholdbedarf. Das Nächste: Die Spitzenleute in der Wissenschaft gehen dorthin, wo sie die höchste Reputation bekommen. Haben wir diese Spitzenforschungsinstitute? Haben wir entsprechende Bezahlungsmöglichkeiten?

Bischof • Es geht gar nicht so sehr ums Geld. Spitzenleute gehen dorthin, wo sie die Möglichkeiten und die technische Infrastruktur vorfinden, um sich in ihrem Fach zu profilieren.

Filzwieser • Ich war gerade in Cambridge: über 100 Nobelpreisträger. Wenn ich Forscher bin, gehe ich dorthin. Unfassbar, wie die finanziert sind. Ich glaube schon, dass das bei uns fehlt. Wenn der Standort attraktiv sein soll, dann muss ich auch für die Grundlagenforschung genug Mittel zur Verfügung haben. Denn nur daraus wird Wissen generiert, das wir dann ja auch alle anwenden. Ich finde auch die Bezahlung von Spitzenkräften in der universitären Wissenschaft teilweise beschämend.

Dernoscheg • Hochqualifizierte junge Menschen suchen oft auch eine spannende, motivierende und herausfordernde Umgebung – wie etwa an den bedeutenden US-Universitäten. Die Steiermark punktet im Gegenzug mit dem Mix eines Wirtschaftssystems, bei dem der Stellenwert von F&E europaweit im Spitzenfeld liegt, gepaart mit einer Lebensqualität, die ihresgleichen sucht – eine Konstellation, die auch dem Trend zur ausgewogenen Work-Life-Balance bei jungen Menschen sehr entgegenkommt.

Gerstenmayer • Ich brauche nicht an jedem Universitätsstandort das gleiche Portfolio. Wenn wir Schwerpunkte bilden, werden wir feststellen, dass für die Spitzenforschung mehr Geld da ist, als wir glauben. Andererseits haben wir hier in Zentraleuropa eine in Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten gewachsene Ingenieurskultur. Dieses Know-how müssen sich Länder wie China erst langsam erarbeiten. Diesen Vorteil müssen wir weiter nutzen und ausbauen. Da tun wir zu wenig.

Wie stellt sich an der Technischen Universität das Verhältnis zwischen Auftrags- und Grundlagenforschung dar?

Bischof • Ich brauche als TU auch Auftragsforschung: einerseits um zu sehen, was der Markt braucht, andererseits um entsprechende Mittel für die Forschung zu lukrieren. Ich brauche aber auch Grundlagenkompetenz, um überhaupt attraktiv für Hightech-Unternehmen an der Innovationsspitze zu sein. Das Drittmittelvolumen der TU Graz liegt bei 80 bis 90 Mio. Euro pro Jahr, vom Staat bekommen wir um die 150 bis 160 Mio.

Forderungen an die Politik?

Dernoscheg • Dass unsere technologische Kompetenz noch mehr nach außen getragen wird und wir international stärker als Hightech-Standort und weniger als Lipizzanerheimat wahrgenommen werden. Dass – z. B. bundesländerübergreifend – Projekte gefördert werden, die im Hinblick auf eine economy of scale Sinn machen. Dass die Instrumente zur Risikofinanzierung flexibler werden. Die Hightech-Welt ist ein Höchstrisikobereich. Da darf man nicht nur Bekenntnisse ablegen, sondern muss auch Geld in die Hand nehmen. Und schließlich die dringend nötige Steuerreform – nicht nur ökologisch, sondern auch technologisch. Wichtig ist in meinen Augen auch, kleinen und mittleren Unternehmen, die nicht in der Hochtechnologie angesiedelt sind, die nötigen Ressourcen zu geben, um ihre Geschäftsmodelle an die neuen Verhältnisse anpassen zu können. Das ist eine Riesenherausforderung an die Ausbildung der Mitarbeiter. Wir brauche entsprechende Mittel für Schulungen und Weiterbildungen on the Job.

Filzwieser • Für viele unterversorgte Regionen müsste auch der Ausbau der Breitbandverbindungen auf die Agenda gesetzt werden.

Bischof • Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn ich Breitbandmilliarde höre. Es hätte schon längst passieren müssen. Das als große Leistung zu verkaufen, ist eigentlich eine Frechheit.

Gerstenmayer • Eine Milliarde übrigens. Lächerlich. Wir bräuchten zehn, mindestens; und einen Plan, wie wir dabei koordiniert und effizient vorgehen, statt in Kirchturm-Aktionismus zu verfallen

Wird sich die digitale Revolution irgendwann erschöpfen?

Bischof • Nein, die Beschleunigung wird uns erhalten bleiben. In vielen Bereichen erleben wir erst den Beginn. Wir haben Enabling Technologies geschaffen und damit kommen wir jetzt erst wirklich in die Sprünge – kein Ende in Sicht.

Filzwieser • Wir werden jeden Tag mit neuen Herausforderungen konfrontiert, die zu lösen sind. Egal, ob kleines oder großes Unternehmen oder Uni: Die Welt kann sich innerhalb einer Woche komplett ändern, man muss offen sein, darf keine Angst haben. Das ist die Herausforderung.

Info

Über Digitalisierung, Innovation und Cybersecurity diskutierten WKO-Steiermark-Direktor Karl-Heinz Dernoscheg, Mettop- und UrbanGold-Unternehmerin Iris Filzwieser, AT&S-CEO Andreas Gerstenmayer und TU-Graz-Vizerektor Horst Bischof.

Andreas Gerstenmayer
ist seit 2010 CEO des weltweit führenden Leiterplattenherstellers AT&S mit Sitz in Leoben-Hinterberg und Standorten in Fehring, Nanjangud (Indien), Ansan (Korea), Chongqing und Shanghai (China). 2018/19: über 1 Mrd. Euro Umsatz, ca. 10.000 Mitarbeiter, 7,4 % F&E-Quote.

Horst Bischof
ist seit 2001 Vizerektor für Forschung der Technischen Universität Graz und Professor für Computer Vision am Institut für maschinelles Sehen und Darstellen.

Iris Filzwieser
gründete und führt gemeinsam mit ihrem Mann, beide promovierte Nichteisenmetallurgen, die Mettop GmbH und die UrbanGold GmbH, zwei Hightech-Unternehmen mit Sitz in Leoben.

Karl-Heinz Dernoscheg
ist Direktor der Wirtschaftskammer Steiermark.

Moderation: Wolfgang Wildner

Fotocredit: René Strasser

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