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Der Hut lügt nicht

Auch bei Innovation und Start-Ups muss am Ende des Tages die Kasse stimmen

Innovation und Digitalisierung sind zwei wichtige Standbeine des Wirtschaftsstandortes Steiermark. Über den Status quo, Verbesserungsmöglichkeiten und Chancen für Start-ups diskutierte eine hochkarätig besetzte Runde in der Unternehmerlounge der WKO Steiermark.

Die Steiermark hat sich international einen Ruf als Hochtechnologieland erworben. Der Slogan des Wirtschaftsressorts lautete sogar „Innovation serienmäßig!“ Sieht die Praxis am Wirtschaftsstandort immer noch so aus?

Barbara Eibinger-Miedl • Der Slogan ist berechtigt, auch wenn wir inzwischen lieber Innovation durch Kooperation sagen. Es macht den Standort Steiermark aus, dass wir ein hervorragendes Ökosystem aus Unternehmen und Hochschulen geschaffen haben. Neben der hohen F&E-Quote können wir auch auf andere Parameter verweisen – zum Beispiel die Patente. Da haben wir eine Steilkurve hingelegt und inzwischen zum unheimlich starken Oberösterreich aufgeschlossen.

Die hohe F&E-Quote wird in erster Linie von großen bis mittleren Unternehmen getragen. Wie kann man auch die vielen kleinen Firmen bei der Innovation mit an Bord holen?

Josef Herk • Wir haben natürlich große Paradeunternehmen, die in der Entwicklung sehr aktiv sind. Aber auch die KMU sind im Bereich F&E rege tätig. Unsere Aufgabe als WKO ist es, das zu transponieren. Wir müssen die Vernetzung zwischen Unis und Unternehmen weiter vorantreiben und Berührungsängste abbauen. Es gibt da bereits zahlreiche Aktivitäten, zum Beispiel Stipendien an den Unis oder die Einladung von Unternehmen an Forscher und Studierende. Generell wollen wir ein noch stärkeres Klima des Miteinanders schaffen.

Es gibt eine Reihe von hochinnovativen Unternehmen, die sich am Weltmarkt hervorragend schlagen. In aller Regel werden diese Betriebe nicht von jungen Uniabsolventen geführt, sondern von über 40-Jährigen. Ähnliches gilt auch für die Entwicklungsabteilungen dieser Firmen. Wie verträgt sich das mit Ihrer Theorie von Fortschrittsfeindlichkeit und Unverständnis der „Alten“?

Samuel Koch • Darf ich aus meinem Buch zitieren. „Ich fordere euch auf, euch zurückzuziehen und beratende Funktionen im Hintergrund einzunehmen.“ Ich komme aus der Start-up-Ecke, die ist in Österreich noch überschaubar. Die digitalen Großmächte haben verstanden, dass Kundenzufriedenheit das Wichtigste ist, auch da hinken wir hinterher. Gerade die Jungen können viel dazu beitragen, auch große Konzerne endlich auf digitale Plattformen zu setzen.

Herk • Ich denke, die Jugend ist viel zu wenig aggressiv am Markt, ich habe den Eindruck, dass sie sehr satt ist. Da wäre wesentlich mehr Entrepreneurship möglich. Die Bereitschaft, sich selbstständig zu machen, ist unter den jungen sehr gering. Wo sind die frischen Gedanken? Wir müssen den Grundwasserspiegel der Selbstständigkeit heben – auf allen Ebenen. Selbstständigkeit gehört schon in die Schultüte von Kindern.

Eibinger-Miedl • Es gibt junge Alte und alte Junge. Eines stimmt sicher – wir brauchen eine größere Start-up-Szene. In der Steiermark schaffen wir gerade die Bedingungen dafür, auch um den Mittelstand mit den Start-ups zusammenzubringen.

Georg Zenker • Wir wachsen in einer Sparbuchkultur auf, man kommt mit gar nichts anderem in Berührung. In den USA ist der Kapitalmarkt im Gegensatz dazu omnipräsent. Schon in unserem Ausbildungssystem wird kein Bewusstsein für Eigeninitiative geschaffen. Betriebswirtschaftliche Themen müssen dort viel stärker präsentiert werden.

Koch • Erziehung ist ein absolutes Schlüsselthema, das muss auch auf alternativen Plattformen geschehen. Gesellschaftlich müssen wir eine Sandbox schaffen, in dem sich Start-ups ungestört entwickeln können. Die Finanzierung ist auch so eine Sache, die ist äußerst schwierig.

Eibinger-Miedl • In der Steiermark sind wir da vorbildlich, Die Wirtschaftsförderung SFG investiert Venture Capital bis zu 1,25 Millionen € Eigenkapital in innovative Start-ups. Unsere Risikokapitaloffensive wendet sich an hochinnovative Kleinst- und Kleinunternehmen, das heißt mit nicht mehr als 50 Mitarbeitern, in der sogenannten Seedphase, also vor maximal fünf Jahren gegründet. Außerdem müssen sie aus dem Bereich der digitalen Wirtschaft kommen. Die SFG bietet ihnen bis zu 150.000 € Eigenkapital als Co-Investment mit einem privaten Business Angel oder Venture. Capital-Firmen, die noch einmal zumindest gleich viel Kapital einbringen. Das Besondere an dem Programm ist die Buy-back-Option. Sie ermöglicht es dem Start-up, die SFG-Gesellschaftsanteile innerhalb von fünf Jahren zuzüglich einer festgelegten Verzinsung wieder zurückzukaufen.

Zenker • Ich kann das nur bestätigen, die Steiermark ist da Vorreiter und Vorbild. So etwas kennen wir bisher nur auf europäischer Ebene, vom EIF (Europäischen Investitionsfond).

Wie spielt der EIF und die SFG da zusammen?

Der EIF weiß durchaus, was er tut. Jeder Euro, den ich als EIF-zertifizierter Business Angel in ein Unternehmen investiere, wird vom EIF ohne weitere Prüfung verdoppelt. Durch das Programm der SFG wird dieser Betrag wiederum verdoppelt – in Summe werden unsere Investments somit vervierfacht! Dies ermöglicht uns in mehrere Start-up-Betriebe zu investieren. Wir sind als Inverstoren schwer begeistert von dieser Initiative des Landes, das ist auch für den Standort fantastisch.

Behindert der Fachkräftemangel Innovationen?

Herk • Das ist ein wichtiger Punkt. Wir haben einen Mitarbeitermangel auf allen Ebenen. Eine Rot-Weiß-Rot-Card für qualifizierte Arbeitskräfte ist dringend notwendig. Einer aktuellen Umfrage des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft zufolge sehen 49 Prozent der heimischen Unternehmen ihre Innovationstätigkeit durch den Fachkräftemangel bereits eingeschränkt. Mit nachhaltigen Folgen, was die eigene Geschäftsentwicklung betrifft: 59 Prozent der Befragten geben an, dass der Mangel bereits zu Umsatzeinbußen geführt hat. Und 83 Prozent der Betriebe befürchten, dass sich der Fachkräftemangel in ihrer Branche in den nächsten drei Jahren noch verschärfen wird. Aus diesem Grund haben wir die Fachkräftesicherung gemeinsam mit dem Thema fairer Wettbewerb auch an die Spitze unserer interessenpolitischen Arbeit gestellt.

Koch • Für Junge ist nicht nur der Job wichtig, auch das Leben zählt. Wie schaut es denn da in der Steiermark aus?

Eibinger-Miedl • Ich höre durchwegs, dass die Lebensqualität in der Steiermark herausragend ist. Die beste Möglichkeit, Hochqualifizierte herzubekommen, ist, sie samt Familie einmal in die Steiermark einzuladen.

Herk • Es ist ein toller Lebensraum. Die Kultur, die Offenheit der Menschen, die moderaten Preise – das ist unser USP.

Eibinger-Miedl • Wir vergessen auch immer das Sicherheitsthema. Anderswo werden die Kinder von Führungskräften in der gepanzerten Limousine in die Privatschule gebracht. Bei uns gehen sie einfach zu Fuß hin.

Thema Digitalisierung: Wie digital ist die Steiermark? Mit Silicon Alps und anderen Initiativen gibt es massive Bestrebungen, den Bereich stark zu nutzen, hält die Infrastruktur damit Schritt?

Eibinger-Miedl • Die Forschungsinfrastruktur ist erstklassig. Wir haben nicht umsonst immer wieder Ansiedelungen von Forschungszentren. Wo noch Nachholbedarf ist, ist die Breitband-Infrastruktur. Wir haben als Land Steiermark mit Speedy eine eigene Glasfasergesellschaft gegründet und kümmern uns um die Regionen, wo der Markt versagt hat. Die Breitbandstrategie müssen wir erweitern und 5G einbeziehen.

Koch • Österreich hat beim Thema Breitband ohnehin einen großen Vorsprung gegenüber Deutschland, dort geht außerhalb der Metropolen wie München oder Berlin gar nichts.

Wie digital muss eine Region sein, um für Investoren besonders interessant zu sein?

Zenker • Grundsätzlich haben wir als Investoren keinen Branchenfokus. Es ist klar, dass wir innovative und stark wachsende Unternehmen suchen, da ergibt sich automatisch, dass eine digitale Komponente dabei ist.

Die „Jungen“ kommen mit der Digitalisierung der Welt schneller zurecht als die „Alten“, das ist unbestritten. Aber reicht es, sich in Social Medias zu bewegen und PC, Tablet und Handy schnell bedienen zu können, um sich in einer digitalisierten (Arbeits-)Welt zu behaupten?

Koch Natürlich braucht es mehr. Auch digitale Werkzeuge müssen sehr gut erlernt werden. Man muss wissen, wie man Websites erstellt, Links richtig setzt oder Postings ordentlich verfasst. Dazu kommt, dass sich die Plattformen sehr schnell ändern. Heute ist es Instagram, morgen wieder etwas ganz anderes. Man muss das Handwerk beherrschen, das gilt auch für die Jungen.

Im Grunde braucht es drei Dinge, um sich in der digitalen Welt durchsetzen zu können: Selbstbewusstsein, Arbeitsethik und, so seltsam es im Zusammenhang mit der Schnelligkeit, die im digitalen Umfeld üblich ist, klingen mag: Geduld. Die Dinge kommen auch im Internet nicht irgendwoher, sie brauchen Arbeit.

Sind „die Jungen“ innovativ?

Koch Innovation kommt mit der Technologie. Ich glaube, wir Jungen wenden unseren Willen zur Innovation durchaus auch auf andere Lebensbereiche als das Internet an. Das Thema Selbstverwirklichung wird anders betrachtet. Wir haben ein globales Bewusstsein entwickelt, das ermöglicht uns ein anderes Denken und einen anderen Blickwinkel.

Was würden Sie dem potenziellen Gründer eines innovativen Start-ups, das sich mit digitalen Produkten beschäftigen will, raten?

Zenker Als allererstes, mit möglichst wenig Aufwand eine Marktfähigkeitsprüfung vorzunehmen. Dafür braucht es nur wenig Kapital. Es geht darum, herauszufinden, wie ich optimal von meinen Kunden lernen kann. Der größte Fehler für ein Start-up ist es, um viel Geld ein Produkt zu 99 Prozent fertig zu entwickeln und dann zu sehen, das kauft keiner. Besser ist es, das Produkt gemeinsam mit den Kunden fertig zu entwickeln. Wenn ein Produkt eine Branche verändern soll, und das wollen ja viele Start-ups erreichen, muss der Kunde auch erst einmal damit umgehen lernen.

Wichtig ist es auch, zu prüfen, welcher Investor in welcher Gesellschaftsstruktur zu mir passt. Denn Investoren bleiben für gewöhnlich lange in der Firma.

Ein schönes Beispiel ist Dropbox. Es hätte Millionen gekostet, einen voll funktionsfähigen Prototypen zu entwickeln. Was hat der Gründer gemacht? Ein Video, das zeigte, was das Ding können soll. Schon hatte er Investoren.

Koch ich brauche zahlende Kunden, sonst entwickelt sich nur Frustration. Ich sage immer: Verkaufe nicht deine Seele, du hast nur eine.

Herk Ich sehe das wie ein Straßenmusiker – der Hut lügt nicht. Wenn am Ende des Tages nichts drinnen ist, sollte ich etwas anderes machen.

Eibinger-Miedl Gründer sollten sich nicht scheuen, um Förderungen anzufragen. Wir haben viele Instrumente, die helfen können. Es braucht Selbstbewusstsein und den Mut, auch scheitern zu können.

Herk • Da gibt es zum Glück einen Paradigmenwechsel. Scheitern ist heute erlaubt. Darum rate ich: Glaub an deine Idee und raus auf die Bühne.

 

Info

Über Innovation, Digitalsierung und Start-ups diskutierten Wirtschaftslandesrätin Barbara Eibinger-Miedl,  WKO-Steiermark-Präsident Josef Herk,  Autor und Start-up-Gründer Samuel Koch und Georg Zenker, Investor und Vermögensberaters.

Barbara Eibinger-Miedl
Ist seit 2017 Landesrätin für Wirtschaft und Innovation. Sie stammt aus einer Unternehmerfamilie. Sie hat Abschlüsse in Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre. Ihre politische Laufbahn begann in der Jungen Wirtschaft.

Josef Herk
Ist seit 2011 Präsident der WKO Steiermark. der gelernte Karosseriebauer und Kfz-Mechaniker führt seit 1988 einen Karosserie- und Lackierbetrieb in Knittelfeld. Vor allem die (Aus-)Bildung junger Talente ist sein Anliegen. Herk hat für heuer die Berufseuropameisterschaften Euroskills nach Graz geholt.

Samuel Koch
Ist Autor des Buches „Die Welt, die ihr nicht mehr versteht“. Darin stellt er die These auf, über 40-Jährige hätten wenig bis keine Ahnung von der digitalen Welt und sollten Jüngeren Platz machen. Koch ist auch Gründer zweier Start-ups, Galacta und WizHub.

Georg Zenker
Ist CEO des Vermögensberaters Bogen & Partner, Private Equity Investor und Vermögensverwalter. Der gelernte Betriebswirt traktierte schon in der Schule seine Lehrer mit Fragen zur Wirtschaft. Zenker ist einer von acht EIF zertifizierten Business Angels in Österreich.

Fotocredit: Foto Fischer

 

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