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Der Tod der Digitalisierung

Das aktuelle Schreckgespenst der europäischen Wirtschaft hat einen Namen: Datenschutzgrundverordnung. Zittern Sie auch schon? Diese EU-Regelung sorgt dafür, dass die Verarbeitung personenbezogener Daten EU-weit vereinheitlicht wird. So weit, so gut. Wir haben uns angesehen, was das darüber hinaus für die Digitalisierung bedeuten könnte.

Drakonische Strafen

Nicht nur öffentliche Stellen, sondern auch private Unternehmen sind dazu gezwungen, diese Verordnung umzusetzen, die Teil der EU-Datenschutzreform ist. Ansonsten drohen saftige Strafen: Von bis zu 20 Mio Euro oder bis zu 4 % des weltweiten Jahresumsatzes des vorangegangenen Geschäftsjahres ist die Rede. Bürokratische Wortmonster wie Informationssicherheitsrisikobeurteilungsprozess, mit denen es sich bei der Umsetzung bis Mai 2018 auseinanderzusetzen gilt, erscheinen dagegen mehr als harmlos.

Damoklesschwert Selbstanzeige

Wo kein Kläger, da kein Richter – lautete bisher oft das Patentrezept im Umgang mit schwierigen Gesetzen. Dies sieht nun aber anders aus: Wenn nur die Möglichkeit besteht, dass Daten unberechtigt gelesen hätten werden können, muss eine Meldung gemacht werden – ansonsten werden wieder die erwähnten Strafen fällig. Große Industrieunternehmen wählen daher zunehmend den pragmatischen Weg: Telefonlisten werden nur mehr auf Papier ausgegeben, Maschinenwartungen auf Papierformularen durchgeführt, Patientenakten händisch geschrieben. Man will ja nicht Selbstanzeige wegen Datenverlust erstatten müssen, wenn ein Mobilgerät mit Zugang zu Kundendaten verloren geht.

Digitalisierung adé, Zettelwirtschaft juchhe?

In Zeiten, wo Rahmenprogramme ihr Förderungsfüllhorn in großem Stil der Digitalisierung widmen, kann sich nun die Papierindustrie still und heimlich ins Fäustchen lachen über so viel unverhofftes Glück. Wertvolle Informationen finden im persönlichen Notizbuch oder auf dem „dahergelaufenen“ Schmierzettel festen Halt. So entziehen sie sich klammheimlich dem Wirkungsbereich von DSGVO oder Cyberkriminalität – freilich auch ohne fixe Ablage, kollaboratives Arbeiten oder gar Wiederfindbarkeit. Wie viele Bäume der Zettelwirtschaft zum Opfer fallen werden, mögen die Umweltschützerinnen und -schützer unter uns extrapolieren.

Bürokratisieren statt digitalisieren

Über mögliche unerwünschte Risiken und Nebenwirkungen der DSGVO scheint sich jedenfalls kein Brüsseler Schreibtischattentäter jemals den Kopf zerbrochen zu haben und diese könnten durchaus weitreichende Ausmaße annehmen. Immerhin muss die europäische Wirtschaft wohl damit rechnen, massiv Anschluss an USA, China und Indien zu verlieren. Zurück zum Start – ins Mittelalter der Datenverarbeitung.

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Foto: Angelika Weber, leitet die digitale Agentur